Loading
Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

News abonnieren

  1. Artikel als RSS
  2. Artikel als ATOM

Angst vor Misserfolg?

Es wird behauptet, dass, wenn man seine Erfolgsrate verbessern will, man auch seine Misserfolgsrate steigern muss. Erfolg kommt zumindest teilweise mit der Anzahl der Versuche. Wenn man mehr verkaufen will, muss man mehr Verkaufsgespräche führen. Wenn man mehr Verabredungen will, muss man mehr Menschen einladen. Ein ganz einfaches Prinzip – eines, das es schon lange gibt.

Bekanntlich kann man auch versuchen, seine Erfolgsrate zu verbessern, aber für diesen Artikel bleiben wir beim Konzept die Anzahl der Versuche zu erhöhen.

Die meisten Menschen werden diesesn Rat so verstehen, dass sie sich etwas suchen sollten, wo eine vernünftige Erfolgswahrscheinlichkeit besteht und eben das dann öfter machen. Aber ich würde noch einen Schritt weiter gehen. Man sollte rausgehen und etwas probieren, von dem man weiß, dass es misslingen wird.

Man sollte mit Absicht scheitern.

Einfach weiterlesen. Ich erkläre gleich, wie das einem nützen kann.

Wie man sich abhärtet

Ich werde bestimmt nicht vorschlagen, dass man das macht, wenn es eine Menge Investoren gibt, die Erfolg erwarten oder wenn die Konsequenzen des Versagens groß sind. Aber es gibt viele Dinge, die man tun kann und von denen man weiß, dass sie misslingen werden, die aber keine ernsthaften negativen Langzeitfolgen haben. Man kann versuchen, ein Musikinstrument zu lernen, auch wenn man kein Talent hat. Ein kleines Projekt angehen, welches über die eigenen technischen Fähigkeiten hinaus geht. Nach einem Job, einer Beförderung oder einer Gehaltserhöhung fragen, wenn man weiß, dass der andere “Nein” sagen wird. Nach einem Date fragen, wenn man weiß, dass man eine eiskalte Abfuhr bekommen wird. Ein Gericht kochen, welches die eigenen Kochkünste weit übersteigt. Sich für ein 10km-Rennen eintragen, wenn man nicht mal einen Kilometer laufen kann, dennoch auftauchen und einen halben Block laufen.

Es hat einige Vorteile, wenn man etwas probiert, bei dem der Misserfolg gewiss ist:

  1. Man bekommt Erfahrung im Misserfolg haben
    … wie man es nehmen muss und wie man sich davon erholt, was mindestens genauso wichtig ist, wie zu lernen, mit Erfolg umzugehen. Man ist auf den Umgang mit zukünftigen Misserfolgen besser vorbereitet. Man lernt, wie man sich schnell erholt, die Lehre dabei herausfiltert und diese gut nutzt.
  2. Man wird bescheidener
    … und kann somit sein Ego besser untergraben, so dass man weder zu optimistisch, noch zu pessimistisch wird und die eigene Produktivität stabiler und beständiger wird.
  3. Man kommt an seine Grenzen
    … und es macht einem nichts aus hart an ihnen zu arbeiten, anstatt mit bequemem Abstand hinter dem eigenen unangetasteten Potential hinterher zu kriechen.
  4. Man wird zukünftig resistenter gegenüber Angst.
  5. Viele Aufgaben, an denen man letztendlich scheitert, bergen oft zumindest Teilerfolge.
    … Wenn man zum Beispiel versucht, 5kg in einem Monat abzunehmen, aber nur 2 kg schafft.
  6. Man wird den Unterschied besser erkennen, ob ein Projekt eher Erfolg oder Misserfolg verspricht.
    … Das wird einem mehr Erfolge bringen, wenn es wirklich wichtig ist, weil man aus mehr Erfahrungen schöpfen kann. So ist man öfter erfolgreich.
  7. Man entwickelt eine dickeres Fell.
    Man gewöhnt sich daran, dass einen andere Menschen wegen Misserfolg niedermachen oder ablehnen und man wird fähig sein, hinauszugehen und große Projekte anzugehen, ohne sich Sorgen zu machen, was andere denken werden.
  8. Man wird ausdauernder.
    Man wird erkennen, dass Misserfolg nicht das große Problem ist, zu dem es die Menschen machen. Etwa 50 Millionen Spermien haben es nicht geschafft, als sie versucht haben, einen selbst entstehen zu lassen, während es nur eines schaffte. Wenn sich aber nun keines entschieden hätte, es zu versuchen, weil die Chancen stark gegen einen Erfolg sprachen?
  9. Man wird sich selbst konditionieren, zu handeln und aufzuhören zu grübeln.
    Man wird sich vom Zustand gelähmter Analyse wegbewegen und beginnen, Dinge passieren zu lassen, anstatt nur darüber nachzusinnen und sie zu planen.
  10. Ab und zu wird man merken, dass man falsch lag und man wird Erfolg haben, obwohl der Misserfolg sicher schien.
    Man wird einschränkende Ansichten fallen lassen und ein korrekteres Gespür dafür entwickeln, was realistischerweise möglich ist. Man wird neue Talente entdecken, von denen man nicht wusste, dass man sie hatte. Man wird erfahren, dass das ursprüngliche Konzept, das einem realistisch erschien, tatsächlich viel zu pessimistisch war und man wird es mehr Richtung Optimismus anpassen, bis man ganz richtig liegt.
  11. Man kann sagen: “Hahaha, das wollte ich so!” und es zur Abwechslung mal so meinen. :)

Man sollte das Scheitern als Freund betrachten, dann wird auch der Erfolg kommen.

Dein Freund der Misserfolg

Dieser Rat erscheint paradox und ironisch, wenn man sich meine vorangegangenen Artikel anschaut. Was ich aber vorschlage ist, dass man absichtlichen Misserfolg als Training oder Konditionierungsübung nutzt. Man sollte nicht in einem Projekt scheitern, welches von Bedeutung ist. Man sollte aber den Misserfolg wählen, wenn es egal ist. Wenn man sich selbst einer Situation aussetzt, in der man erwartet, zu scheitern, ist es wahrscheinlicher dass man scheitert, als wenn man Erfolg erwartet. Das ist aber okay, weil Erfolg in diesem Fall nicht wichtig ist. Man kann damit versuchen, seine Toleranz und Verständnis von Misserfolg und Ablehnung erhöhen.

Die Angst vorm Scheitern und vor Ablehnung hält viele Menschen davor zurück, wirklich große Ziele zu erreichen. Es ist also äußerst wichtig, ob man eine starke Immunität gegenüber beiden hat. Kleine, kontrollierte Dosen Misserfolg und Ablehnung zu nehmen, ist ein Weg, sich gegen sie abzuhärten. Es wird einen nicht umbringen, sondern stärker machen.

Ohne diese Einimpfung ist man dazu verdammt, als Misserfolgs-Hypochonder zu leben. Selbst ein durchschnittlicher Misserfolg kann einen runterziehen (in die Prokrastination/Aufschieberei, Depression, Faulheit). Also beginnt man die Misserfolgs-Bakterien zu vermeiden. Leider sind die Orte, an denen man den Erfolg findet, auch mit fiesen Misserfolgs-Bakterien infiziert. Indem man also Misserfolg vermeidet, wird man auch nicht viel Erfolg finden.

Ein weiteres Problem mit der Angst vor den Misserfolgs-Bakterien ist, dass man erfolgreiche Menschen meiden muss. Erfolgreiche Menschen niesen ständig Misserfolgs-Bakterien aus, wenn man also zu nah ran kommt, werden sie einen anstecken. So muss man also mit anderen Menschen mit Misserfolgs-Bakterien-Angst rumhängen, so dass man noch viel mehr darüber erfahren wird, wie man Misserfolg vermeidet, anstatt wie man Erfolg erreicht. Auf lange Sicht gesehen, wird man weder Erfolg noch Misserfolg haben. Man wird grundsätzlich einfach unnütz sein.

Kleine Misserfolgs-Impfungen sind leichter zu verkraften, als sich sofort mit den schreckenerregendsten Misserfolgs-Bakterien zu konfrontieren. Indem man sich einer Situation aussetzt und erwartet zu scheitern, nimmt man sein Ego mal offline. Man hängt emotional nicht an der Situation. Man könnte sich mal vorstellen, dass man jemanden nach einem Date fragt, wenn man sich 100% sicher ist, ein “Nein” zu hören und es nur tut, damit man es los ist. Das ist viel weniger stressig, als wenn man verzweifelt ein “Ja” hören möchte, aber nicht meint, eins bekommen zu können. Indem man Erfahrung im Misserfolg haben aufbaut, wird man das Rückgrat entwickeln, immer noch handeln zu können, wenn man ein “Ja” hören will. Man kann, wenn gewünscht, sein Ego offline nehmen, einen Versuch starten und dann rebooten und sich schnell erholen.

Man sollte die Misserfolgs-/Ablehungs-Impfung nehmen, so dass man nicht sein Leben lang als ein Mensch leben muss, der Angst vor Misserfolgs-Bakterien hat. Man sollte sich einfach fragen:

“An welcher kleinen Sache kann ich heute scheitern?”

und dann genau das machen. Man sollte dabei Spaß haben. Man sollte selbst entdecken, dass Misserfolg kein monströses, beängstigendes Ding ist, dass man um jeden Preis vermeiden muss. Meine Misserfolgs-Aufgabe für heute ist, meine 4-jährige Tochter Emily zu überreden, damit aufzuhören das Alphabet auf ihre Kleider zu malen. Dann bringe ich vielleicht meinem 1-jährigen Sohn Kyle bei zu essen, ohne seine Nahrung in den Haaren wiederzufinden.