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Blackjack und Lebensweisheiten

Blackjack-Lebensweisheit #17: Das ist nicht die beste Hand.

Da ich eine beträchtliche Menge Blackjack gespielt habe (ich habe mit 21 gelernt, Karten zu zählen), sind mir einige interessante Muster aufgefallen, die anscheinend allgemeine Lebensmuster widerspiegeln.

Hintergrundgeschichte

Man kann diesen Abschnitt einfach überspringen und bei “Interessante Beobachtungen” weitermachen, wenn man nur die Lebensweisheiten lesen will. Hier teile ich nur einige Hintergrundinformationen für die Neugierigen mit.

Als ich 21 war und in Los Angeles lebte, entschied ich mich, mit einigen Freunden einen Wochenendtrip nach Las Vegas zu unternehmen – das war mein erster Ausflug als Erwachsener dorthin. Bevor es losging, entschied ich mich, mich über einige der Casino-Spiele zu belesen, damit ich darauf vorbereitet war.

Ich lernte schnell, dass die meisten der Spiele im Casino so aufgebaut waren, dass sie dem Haus einen Vorteil einräumten – wie unfair ist das denn? – aber Blackjack war angeblich schlagbar, wenn man eine Technik erlernte, die als Karten zählen bekannt ist. Also kaufte ich ein Buch über Blackjack, lernte die Regeln des Spiels, merkte mir die grundlegende Strategie und lernte dann ein einfaches +/- Kartenzählsystem. Ich brauchte ganz schön viel Übung und es war mühsam zu erlernen, aber schließlich fühlte ich mich gut damit. Dann ging es endlich los nach Las Vegas, um mit einem Riesenbetrag von 40$ mein Glück zu versuchen. Nicht gerade viel, ich weiß…

Meine Freunde und ich übernachteten im Aladdin Hotel (bevor es abgerissen und neu aufgebaut wurde). Da es viele Variationen der Blackjack-Regeln gibt, untersuchte ich die nächstgelegenen Casinos, um die mit den spielerfreundlichsten Regeln zu finden. Es stellte sich heraus, dass es das Barbary Coast auf dem Strip war (gegenüber vom Ceasar’s Palace), welches einen freundlichen Tisch mit nur zwei Kartendecks und liberalen Regeln hatte (je weniger Kartendecks, desto besser für den Spieler, wenn alles andere gleich ist). Außerdem konnte man schon mit 2$ einsteigen, so dass meine 40$ eine Chance hatten, eine Weile zu reichen. 400$ wären für dieses Limit angemessener gewesen, aber zu dieser Zeit wollte ich keine 400$ riskieren.

Ich war ein wenig verschüchtert, als ich Blackjack zum ersten Mal in einem richtigen Casino spielte. Aber ich vertraute darauf, so gut wie möglich vorbereitet zu sein; also setzte ich mich und tauchte ein. Die Vorbereitung zahlte sich aus und nach ein paar Minuten fühlte ich mich wohl. Obwohl ich einige Fehler bezüglich der Etikette machte, spielte ich meine Hände perfekt und hatte keine Probleme, die Karten nachzuzählen. Nach ein paar Stunden hatten sich meine 40$ in 165$ verwandelt, wobei ich nur 2-10$ pro Hand setzte… so dass ich mehr als genug Geld verdient hatte, um die Ausgaben für diesen Ausflug zu bezahlen. Das war zu der Zeit, als man immer noch Buffets für etwa 5$ finden konnte.

Nach diesem ersten Trip war ich von dem Spiel total begeistert. Nicht so sehr wegen des Geldes, sondern wegen der Herausforderung. Kartenzählen sprach den Nerd in mir viel mehr an, als den Geschäftsmann. Ich kehrte oft nach Vegas zurück und spielte in Dutzenden verschiedenen Casinos in der ganzen Stadt. Einer meiner Lieblingsorte war das Frontier Hotel, welches einen Tisch mit nur einem Kartenspiel und großzügigen, spielerfreundlichen Bedingungen hatte. Das war sehr lukrativ, bis sie ihre Regeln, wie so viele andere Casinos auch, änderten; wahrscheinlich zum großen Teil wegen der Kartenzähler.

Zwischen den Ausflügen nach Vegas studierte ich Blackjack und das Kartenzählen noch genauer. Ich las 10-12 Bücher zu diesem Thema und lernte verschiedene Zählarten (Thorpe, Uston, Revere, etc). Ich übte fortgeschrittene Zählsysteme, die die Asse nebenbei zählten. Ich übte so lange, bis ich ein Kartendeck in weniger als 14 Sekunden zählen konnte. Ich lernte, das Spiel nach der Zählung zu variieren, merkte mir die besten Strategien für verschiedene Regelsysteme und lernte die Feinheiten des Spiels, wenn sie auch nur die geringste Verbesserung versprachen. Wir sprechen da von einer Gewinnverbesserung von vielleicht 1%.

Mit immer mehr Erfahrung fühlte ich mich auch immer wohler, diese mentale Gymnastik im Casino anzuwenden. Ich lernte Katz und Maus mit den Pit Bossen zu spielen. Meine Freundin (heute meine Frau) und ich konnten sogar immer wieder kostenlos dort essen, obwohl es irgendwann langweilig wurde, immer wieder in den selben Casino-Restaurants zu essen. Die Casinos sind auch geiziger geworden, aber damals konnte man problemlos 5$ für etwa 30 Minuten Blackjack bezahlen und danach kostenlos am Buffet essen (ohne gleich gefragt zu werden, ob man einem Spieler-Club beitreten will).

Karten zählen ist nicht illegal, aber die Casinos schmeißen einen deswegen raus und erteilen manchmal sogar lebenslanges Hausverbot. Glücklicherweise wurde ich nie irgendwo lebenslang gesperrt und nur einmal rausgeworfen (ausgerechnet aus dem Barbary Coast). Das lag hauptsächlich daran, dass ich nur mit Einsätzen von 5-25$ oder 10-40$ spielte – zu kleine Einsätze, dass die Casinos sich wirklich darum scheren würden. Auf dieser Stufe würde ich sicher nicht reich werden, aber ich machte das mehr aus Spaß als für den Profit.

Das Lustige ist, dass ich jetzt, wo ich in Vegas wohne, kaum noch Blackjack spiele. Dieses Jahr habe ich gerade zweimal 45 Minuten lang gespielt (und beide Male gewonnen). Obwohl ich herausfand, dass Karten zählen funktioniert, habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, eine Karriere daraus zu machen. Zum einen ist es harte Arbeit und zum anderen leistet man damit keinen Beitrag. Blackjack macht mir immer noch viel Spaß und ich mag es, Menschen aus der ganzen Welt am Spieltisch zu treffen, aber ich würde nicht versuchen wollen, meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten.

Interessante Beobachtungen

Während ich lernte, Blackjack zu meistern, habe ich einige interessante Beobachtungen hinsichtlich der Herangehensweise verschiedener Leute an das Spiel gemacht; besonders was die Unterschiede zwischen einem Anfänger und einem Experten ausmacht. Die meisten Leute, die Blackjack spielen, sind entweder Neulinge oder mittelgute Spieler. Ich glaube, das, während all der Zeit, in der ich Blackjack gespielt habe, ich nur zwei andere Kartenzähler am gleichen Tisch identifizieren konnte. In beiden Situationen stellten wir beide fest, dass der andere Karten zählt und tauschten wissende Blicke aus. Kartenzähler sind aber wirklich selten, wahrscheinlich weit weit weniger als 1% aller Spieler.

1. Anfänger treffen die meiste Zeit korrekte Entscheidungen.

Etwa 80-90% der Zeit spielen Anfänger genau, wie ein Experte es tun würde. Das Haus hat durch diese 10-20% an Entscheidungen, die sie nicht richtig treffen, jedoch einen entscheidenden Vorteil. Diese 10-20% machen den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren aus, weil sie sich aufsummieren.

Wie unterscheidet sich das denn von anderen Lebensbereichen? Zusätzliche 10% machen einen großen Unterschied. Wenn man 10% weniger isst, wird man abnehmen. Wenn man 10% seines Einkommens spart, wird man als Millionär in Rente gehen. Wenn man 10% seines Tages einem wichtigen Ziel widmet, hat man am Ende des Jahres ein Buch geschrieben, seine eigene Firma gegründet oder einen Partner gefunden.

2. Anfänger verpassen große Chancen.

Blackjack – Gewonnen!

Blackjack-Anfänger werden fast immer zu konservativ spielen. Sie bleiben zu oft bei ihren Karten, wenn sie lieber noch eine weitere Karte ziehen sollten. Sie schenken dem Haus ganz schön viel, indem sie so defensiv spielen und versuchen, nicht zu busten. Ebenso verpassen sie es zu verdoppeln und Paare zu splitten, wenn sie sollten. Sie zögern, ihre 16 zu hitten, wenn der Dealer eine 7 hat oder ihre 2en bei einer 4 des Dealers zu splitten.

Spieler mit mehr Expertise nutzen jedoch jede Chance, ihre Gewinne zu maximieren, das heißt, sie verdoppeln und splitten viel öfter, wenn sie eine Chance dazu haben. Experten werden öfter busten, aber sie werden auch öfter hohe Gewinne einstreichen. Es gibt auch im Leben ein ähnliches Muster. Overachiever gehen viel öfter Pleite während Underachiever zu konservativ spielen, weil sie Angst haben, kalkulierte Risiken einzugehen und zu verlieren, was sie haben.

Beim Blackjack sind es die Splits und Double Downs mit denen man wirklich Geld macht. Anfänger denken, dass eine Hand mit 10 und As die Beste ist – der garantierte Gewinn. Profis wissen, dass es die Hände sind, die man 4x splittet und jeweils verdoppelt, den Dealer busten lässt und somit das 8fache des ursprünglichen Einsatzes einstreichen kann (aber auch das 8fache riskiert) anstatt des mageren 1,5fachen, das man durch den Blackjack gewinnt. Die großen Gewinne kommen in Form von miesen Händen, wie einem Paar Dreien So ist es im Leben – die wahren Chancen kommen verkleidet als Probleme.

3. Anfänger nehmen sich nicht die Zeit, das Spiel komplett zu verstehen.

Experten verstehen das Spiel vollständig, weil sie viel Zeit investiert haben, um es zu studieren. Experten arbeiten härter. Anfänger verstehen einige Teile sehr gut, auf anderen Gebieten ist ihr Wissen jedoch sehr lückenhaft. In Situationen, die nicht allzu oft auftauchen, sind sie unsicher im Handeln. Im Endeffekt tauchen solche Situationen jedoch immer auf und dann verlieren die Anfänger.

Neulinge können mit Ausnahmen nicht so gut umgehen, wie die Profis. Neben einem Mangel an Verständnis, ist es aber auch oft so, dass Neulinge manche Dinge einfach falsch verstehen. Wenn man Blackjack spielen könnte und bei jeder Hand eine 18 gegeben kriegt – klingt das gut? Anfänger würden hier normalerweise “Ja” sagen, weil sie denken, dass eine 18 eine ziemlich gute Hand ist, weil der Dealer 19-21 treffen muss, um sie zu schlagen. Ein Experte weiß jedoch, dass die 18 öfter verliert, als sie gewinnt – wenn man eine 18 bei jeder Hand hat, dann wird man auf lange Zeit verlieren.

Experten verstehen die Stärken und Schwächen jeder Hand besser als Neulinge. Im Leben ist es dasselbe. Neulinge nehmen sich nicht die Zeit, Grundlegendes, wie Zielsetzung, Zeitmanagement, Motivation und Selbstdisziplin zu meistern. Meistens läuft es ganz gut, aber wenn eine Ausnahmesituation eintritt, wie zum Beispiel der Verlust des Jobs, dann werden sie völlig aus der Bahn geworfen und brauchen lange, um sich davon zu erholen. Manche Leute gehen bankrott oder werden geschieden und erholen sich schnell und machen weiter wie zuvor. Bei Neulingen ist es wahrscheinlicher, dass sie durch temporäre Rückschläge in den Ruin getrieben werden.

4. Experten sind disziplinierter.

Anfänger spielen ihre Hände unbeständig. Wenn dieselbe Situation zweimal eintritt, treffen sie oft ohne guten Grund unterschiedliche Entscheidungen. Sie zeigen schlechte Disziplin und trinken oft Alkohol während sie spielen. Experten wissen, dass sie eine korrekte Entscheidung treffen und trotzdem verlieren können, aber sie konzentrieren sich darauf, korrekte Entscheidungen zu treffen und versuchen nicht, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Experten haben Geduld und wissen, dass man nur die richtigen Entscheidungen treffen muss, um auf lange Sicht zu gewinnen. Das ist im wahren Leben auch so, nicht wahr? Erfolgstypen sind in ihren Entscheidungen und Handlungen eher beständig; sie konzentrieren ihre Energie. Underachiever verschwenden ihre Energie, weil sie nie genug Kraft in eine Richtung anwenden, um einen Durchbruch zu schaffen.

5. Private Erfolge kommen vor öffentlichen Erfolgen.

Neulinge lernen im Casino zu spielen. Experten lernen das zu Hause und wenden ihr Wissen dann im Casino an. Experten verbringen viel mehr Zeit damit, zu üben, was viel Geduld erfordert. Ihre wahren Erfolge sieht keiner. Talentierte Menschen, die in der Öffentlichkeit auftreten, haben oft viele Jahre damit verbracht, ihre Fähigkeiten im Privaten zu verfeinern.

Ich finde, dass Beobachtung #2 am Besten in die Geschäftswelt passt. Auch Spieler, die beim Blackjack gewinnen, verlieren die meiste Zeit. Sie gewinnen üblicherweise 48% der gespielten Hände. Das liegt einfach in der Natur des Spiels; man verliert mehr Hände, als man gewinnt. Im Durchschnitt setzen die Gewinner aber mehr Geld auf diese 48% der gewinnenden Hände, als auf die 52% verlierenden Hände.

Die größeren Einsätze werden auf zwei Arten gemacht. Zum einen kann man durch Kartenzählen erkennen, wann der Stapel in einer Zusammensetzung ist, die einem nützt und man so wahrscheinlich eher gewinnt als verliert und erhöht in dem Fall seinen ursprünglichen Einsatz. Man kann aber auch Situationen erkennen, in denen man verdoppeln oder splitten sollte, so dass man seinen Einsatz verdoppeln kann, nachdem an die ersten zwei Karten gesehen hat.

Anfänger verpassen genau diese Chancen. Sie wissen nicht, wann die Chancen für sie selbst gut stehen, also wissen sie nicht, wann die Umstände gut sind, um seinen Einsatz zu erhöhen. Außerdem wissen sie oft nicht, wann es eine gute Idee ist, mehr Geld zu setzen, wenn sie ihre ersten zwei Karten gesehen haben. Da sie diese beiden Schlüsselsituationen verpassen, verlieren sie auf lange Sicht gesehen – und verschaffen dem Haus so etwa 5-8% Gewinn.

Die Moral von der Geschichte

Wie kann man diese Lehren auf sein Leben anwenden? Im Leben geht es nicht nur um die Menge an Erfolg und Misserfolg, die man so erlebt. Man muss auch das Ausmaß beachten. Wenn man erkennt, dass die Umstände in einem Lebensbereich reif sind, um zum Erfolg zu führen, sollte man einen großen Einsatz machen. Außerdem gibt es oft Situationen, in denen man die Möglichkeit hat, zu sehen, welche Ergebnisse man bekommt und wenn sie vielversprechend aussehen, kann man sogar noch mehr setzen.

Nehmen wir zum Beispiel an, dass das Ziel eine Langzeitbeziehung ist. Wenn die Umstände im Leben annehmen lassen, dass man bessere Erfolgschancen haben könnte, als man in der Vergangenheit hatte, dann ist es eine großartige Zeit, sich anzustrengen. Vielleicht hat man einen stabilen Job und Geld auf der Bank und um die Gesundheit steht es auch gut. Es ist an der Zeit, viel zu setzen, indem man sich auf sein Ziel, die Beziehung, konzentriert. Man sollte auf viele Dates gehen. Einfach fragen! Nicht am Rand rumsitzen und die Chancen verpassen. Es wird viel schwieriger, dieses Ziel unter weniger optimalen Umständen zu erreichen.

Wenn man dann einen Menschen findet, der einem kompatibel erscheint, sollte man verdoppeln und seine Einsatz erhöhen. Man sollte Möglichkeiten finden, mehr Zeit mit diesem Menschen zu verbringen und seine weniger wichtigen Ziele nach hinten schieben. Man sollte die Chance, enger zusammen zu wachsen, nicht verpassen. Man sollte das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Einfach viel Spaß zusammen haben. Eine Beziehung aufbauen, wenn die Umstände günstig sind.

Wenn die Lebensumstände es anbieten, aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, anstatt nur im Status Quo zu verharren – dann ab nach draußen und nutze sie! Und wenn man in einem Bereich vielversprechende Resultate erzielt, die einem zeigen, dass man das Glück gerade auf seiner Seite hat, dann sollte man auch so viel Kapital wie möglich daraus ziehen.

Man darf nicht herumsitzen und warten und warten …

Manchmal sind die aktuellen Lebensumstände nicht geeignet, um Chancen nachzujagen. Vielleicht ist es schon ein Kampf, sich einfach nur zu behaupten oder sich aus dem Schlamassel zu befreien, indem man steckt. Man sollte geduldig sein und seinen Weg weiter verfolgen. Irgendwann kommt eine Zeit, wenn wieder alles so läuft, wie man es sich wünscht. Und wenn es so weit ist, sollte man sich NICHT erlauben, selbstzufrieden zu sein. Jeder verliert, wenn die Karten gegen ihn sind.

Die größten Verluste entstehen aber nicht in “Keine-Chance”-Situationen, sondern durch “Hätte-gewinnen-können-wenn-man-gehandelt-hätte”-Situationen. Man hätte die Firma gründen können, hat’s aber nicht getan. Man hätte ein Date haben können, hatte aber keins. Man hätte abnehmen können, hat’s aber nicht getan.

Wie beim Blackjack sind die größten Verlierer im Leben diejenigen, die Chancen verpasst haben. Zu denen sollte man sich nicht zählen.