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Das Recht, falsch zu liegen

“Du hast das Recht, falsch zu liegen,”

war eine gebräuchliche Redewendung meines alten Geschichtslehrers in der High School. Einige Schüler hassten diesen Lehrer, weil sie meinten er wäre faul und etwas sadistisch. Er hielt keine Vorträge; er schien auch nie einen Plan für seine Unterrichtsstunde zu haben. Er lehnte sich einfach in seinem Stuhl zurück, legte manchmal sogar die Füße auf den Tisch und stellte dann bohrende Fragen und beleidigte jeden, der versuchte, sie zu beantworten (meist, weil die Schüler zu wenig nachdachten).

Als Hausaufgabe gab er uns eine Menge zu lesen auf und dann mussten wir kurze Aufsätze zu komplexen Themen schreiben, wie zum Beispiel zwei Seiten mit doppelten Zeilenabstand zum Amerikanischen Bürgerkrieg. Das ist viel schwerer als 5-10 Seiten zu diesem Thema zu schreiben, weil man seine Worte sehr genau wählen muss. Ansonsten hat man keinen Platz mehr zu schreiben, bevor man überhaupt richtig mit dem Thema angefangen hat. Man durfte höchstens zwei Seiten schreiben. Wenn man 2,1 Seiten schrieb, war man durchgefallen. “Verbale Schlaffheit” war nicht erlaubt.

Trotz seiner mangelnden Popularität, hatte dieser Lehrer das Ziel, seinen Schülern beizubringen, selbst zu denken statt nur Wissen wiederzugeben, das wir woanders lernten. Das ist schwierig mit 17-Jährigen, besonders wenn es um amerikanische Geschichte geht.

Ich dachte, dass der Ausdruck “Du hast das Recht, falsch zu liegen”, welcher im Klassenzimmer meist als Witz gebraucht wurde, trotzdem ein guter Rat war. Es handelt sich nicht um das Grundgesetz, aber kann trotzdem als grundlegendes Menschenrecht betrachtet werden. Man hat das Recht, falsch zu liegen. Man hat das Recht, Fehler zu machen. Man hat das Recht, zu versagen.

Viele Menschen begreifen allerdings nicht, welchen Nutzen die Ausübung dieses Rechts hat. Ich denke, das es auch zum großen Teil zur Angst, öffentlich zu sprechen, beiträgt. Was, wenn man für etwas Stellung bezieht und jemand beweist, dass man komplett falsch liegt?

Was ist so schlimm daran, falsch zu liegen? Wenn man nie falsch liegt, dann bedeutet das nur, dass man sich nicht entwickelt. Ich hoffe, dass ich in fünf Jahren auf einige meiner Artikel zurückschaue und mir nicht mehr zustimme. Das würde sonst heißen, dass ich entweder nicht gewachsen bin oder dass ich zu schüchtern war, meine Meinung zu sagen.

Man muss keine Angst davor haben, Versuche am Rande seiner eigenen Sicherheitzone zu unternehmen. Das ist eine der besten Möglichkeiten zu lernen. Andere können dann auf die eigenen Ideen reagieren. Manchmal bringen sie einen auf neue Ideen, die dabei helfen, die eigenen Ideen zu verfeinern. Manchmal reagieren sie einfach emotional – das kann dabei helfen, die emotionale Ausbrüche von anderen besser zu ver- und überstehen. Man sollte wirklich keine Angst davor haben, die eigenen Ideen in einem Gespräch, einem Artikel, einem Blogeintrag,einem Post im Forum zu äußern – oder jede andere Form der Kommunikation, bei der man von anderen Feedback erhalten kann.

Das Ego herausnehmen

Ich denke die Leute haben Angst, falsch zu liegen, weil sie ihre Ideen mit ihrem Ego gleichsetzen. Sie stufen die Ablehnung ihrer Ideen als persönliche Niederlage ein – sie fühlen sich gedemütigt. Das Feedback von anderen verstärkt diese Reaktion vielleicht noch:

“Man, du hast es heut Abend echt vermasselt.”

Aber bloß weil andere die eigenen Ideen mit dem Selbst gleichsetzen, ist man nicht gezwungen, ihnen gleich zu tun. Das eigene Ego zu sehr mit seinen Erfolgen gleichzusetzen, ist unproduktiv und unnötig. Wenn man meint, dass das Scheitern der eigenen Ideen auch persönlichen Misserfolg bedeutet, dann geht man zu wenige Risiken ein – Risiken, die sich am Ende auszahlen könnten. Wenn man aber lernt, sich von seinen Ideen und seiner Arbeit abzugrenzen und sie als etwas zu betrachten, das nicht unmittelbar mit einem selbst zusammenhängt, dann fühlt man, dass man tatsächlich das Recht hat, falsch zu liegen. Wenn eine Idee nicht funktioniert, warum kann nicht die Idee daran schuld sein? Eigene Ideen können ruhig floppen, wenn man das nicht als persönliche Niederlage betrachtet.

Wenn ich Artikel schreibe oder Reden halte, dann gebe ich mein Bestes, um mein Ego von den Resultaten abzugrenzen. Ideen sind Ideen – sie sind nicht ich. Selbst wenn ich mich auf persönliche Geschichten beziehe, sind diese Geschichten nicht mit dem wirklichen Ich vergleichbar. Es es sind nur Worte. Wenn ich eine Rede halte und eine miese Reaktion bekomme, dann kann diese Reaktion auch an meinem schlechten Können als Redner liegen. Aber auch meine Fähigkeiten sind nicht mein wahres Ich. Meine Ideen sind höchstens Besitztümer oder Kreationen, aber sie bestimmen nicht mein wahres Ich. So fühlt sich mein Ego nie in Gefahr, wenn eine Rede oder ein Artikel floppt.

Wenn eine Idee wirklich den Nagel auf den Kopf trifft, dann betrachte ich das auch nicht als persönlichen Erfolg. Ich denke nur… hey, das scheint eine gute Idee zu sein. Wenn eine Idee danebengeht, dann versuche ich, hilfreiches Leserfeedback zu bekommen und überarbeite die Idee oder gebe sie auf. Oder die Idee war vielleicht nicht gut genug durchdacht und schoss am Ziel vorbei, weil sie nicht gut kommuniziert war. Für mich ist Feedback wichtig, um bessere Ideen zu finden und meine Kommunikationsfähigkeiten zu verbessern.

Ich denke, diese Einstellung hilft mir, meine Reden zu halten ohne nervös zu sein und regelmäßig für zehntausende Leser zu schreiben. Ich denke, dass es völlig in Ordnung ist, Unrecht zu haben. Wenn man ein komplexes Thema wie die Persönlichkeitsentwicklung diskutiert, dann gibt es viele verschiedene Graustufen. Trotz all des Wissens und der Erfahrung, die ich auf diesem Gebiet habe, gibt es doch keinerlei Hoffnung, dass ich jemals jede Facette dieses weiten Feldes perfekt verstehen werde. Außerdem sind meine Kommunikationsfähigkeiten ausnahmslos unpräzise. Effektive Kommunikation benötigt eine Kombination aus Logik und Emotionen und diese beiden widersprechen sich manchmal und beeinflussen verschiedene Individuen unterschiedlich. Ich kenne keine guten Redner oder Autoren, die einhellige Zustimmung erreichen, wenn sie etwas Wertvolles vermitteln. Indem man das Ego heraushält, kann man es machen, wie Winston Churchill vorschlug – von einem Misserfolg zum nächsten gehen ohne den Enthusiasmus zu verlieren.

Wie kann man sein Recht, falsch zu liegen, besser umsetzen? Vielleicht bist du nie ins Fitnessstudio gegangen, weil du nicht wusstest, was du dort machen sollst und erwartest, dass du nur wie ein Idiot aussiehst? Setz dein Ego nicht auf’s Spiel – denke immer daran, dass dir nur ein paar Fähigkeiten fehlen. Dir fehlt nichts als Mensch, nur weil dir Wissen und Fähigkeiten fehlen. Wo könnte man sonst ausprobieren, ob man falsch liegt oder unwissend ist und die einzige Langzeitkonsequenz ist höchstens ein verletztes Ego (und nicht mal das, wenn man sein Ego heraushält)?

Du hast das Recht, falsch zu liegen. Lass deine Ideen scheitern, lass dein Können an seine Grenzen stoßen und lass dein Wissen seine Lücken offenbaren. Nichts davon bist wirklich du.

Wenn man Misserfolg hat, entdeckt man Grenzen. Man kartiert die Umrisse seiner Fähigkeiten. Und das erlaubt einem, irgendwann darüber hinaus zu gehen.

Falsch zu liegen führt schlussendlich dazu, richtig zu liegen. Und selbst da, wo es nicht so ist, handelt es sich um einen interessanteren Weg, als wenn man gar keine Meinung hätte.