Loading
Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

News abonnieren

  1. Artikel als RSS
  2. Artikel als ATOM

Der Sinn des Lebens: Einleitung

Was ist der Sinn des Lebens?

Der Sinn des Lebens (6-teilige Serie)

Das ist der erste Teil und die Einleitung zu der Artikelserie. Alle Artikel auf einen Blick:

  1. Einleitung
  2. Wie sollen wir leben?
  3. Seinen Zweck finden
  4. Vom Zweck zur Tat
  5. Der Übergang
  6. Bewusste Evolution

Was ist der Sinn des Lebens? Warum sind wir hier? Gibt es einen Gott oder gibt es keinen, und wenn es einen Gott gibt, wie/was ist er? Von allen Weltreligionen – welche ist die, die am meisten Recht hat? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Sind wir hauptsächlich physische oder spirituelle Wesen?

Die Menschheit kämpft seit Jahrtausenden damit, diese Fragen zu beantworten. Kriege wurden deswegen geführt. Aber so sehr diese Fragen auch dazu führen, dass manche den Kopf darüber verlieren (manchmal metaphorisch, manchmal wortwörtlich), so sind es unterm Strich doch sehr praktische Fragen.

Am Steuer

Die Art, wie wir diese Fragen beantworten, legt den ultimativen Kontext fest – für alles andere, was wir unserem Leben machen. Wenn wir unser Leben auch nur geringfügig wertschätzen, dann müssen wir diese Fragen in Betracht ziehen.

Angenommen, man hat sein Leben um Ziele, Projekte und Aufgaben herum organisiert. Man setzt sich ein Ziel; z.B. ein neues Internetgeschäft aufzubauen. Man bricht das Ziel auf Projekte herunter – einen Business-Plan schreiben, die Website launchen, etc. Und dann nimmt man sich diese Projekte vor und bricht sie auf Aufgaben herunter – zur Bank gehen um ein Geschäftskonto zu eröffnen, den Domain-Namen registrieren, etc. Soweit, sogut.

Aber warum startet man überhaupt eine neue Firma? Was ist der Sinn? Warum wählt man dieses Ziel und nicht ein anderes? Wozu überhaupt Ziele haben?

Was die Ziele festlegt, die man sich setzt (oder nicht setzt) ist der persönliche Kontext. Der Kontext ist die persönliche Sammlung diverser Überzeugungen und Werte. Wenn also Werte wie Geld und Freiheit Teil des eigenen Kontexts sind, dann neigt man dazu, sich das Starten einer neuen Firma als Ziel zu setzen. Aber mit anderen Werten – einem anderen Kontext – mag man abgeneigt sein, sich überhaupt Ziele zu setzen.

Der wichtigste Teil des persönlichen Kontext ist die Menge der Überzeugungen, die man über die Realität geformt hat – was religiöse, spirituelle und philosophische Ansichten einschließt. Die allgemeinen Vorstellungen über das Universum werden hauptsächlich für die Resultate verantwortlich sein, die man erzielen wird.

  1. Kontext bestimmt Ziele.
  2. Ziele bestimmen Projekte.
  3. Projekte bestimmen Taten.
  4. Taten bestimmten Resultate.

In einem jeden – beliebig gewählten – Kontext, wird es nahezu umöglich sein, gewisse Resultate zu erreichen, weil man nie die dafür benötigten Ziele gesetzt hat, die zu diesen führen würden.

Der persönliche Kontext wirkt wie ein Filter. Wenn man sich in einem gewissen Kontext befindet, dann verliert man den Zugang zu potentiellen Zielen, Projekten und Taten, die außerhalb von ihm liegen. Zum Beispiel, wenn der Kontext die Überzeugung beinhaltet, dass kriminelles Verhalten sehr schlecht ist, dann wird man wohl eher nicht daraufhin arbeiten, ein zukünftiger Mafiaboss zu werden.

Walking in My Shoes

Das ist eine lange, persönliche Geschichte, aber ich denke, dass sie interessant sein wird. Wenn man sich die Zeit nimmt, sie zu lesen, dann möchte ich, dass man darauf achtet, wie sich meine Überzeugungen (mein Kontext) über die Zeit verändert haben und wie dramatisch sich das auf meine Resultate ausgewirkt hat.

Die Hälfte meines Lebens habe ich nach dem Kontext gesucht, der mir das bestmögliche Leben bringen würde. Natürlich ist das eine merkwürdige Sache, weil es bedeutet, dass man nach einem neuen Kontext sucht während man gleichzeitig in einem anderen Kontext feststeckt. Mit anderen Worten, die Definition von “bestmögliches Leben” ist auch Teil eines jeden Kontext, so dass ich einen finden muss, der sowohl diesen Begriff definiert UND Möglichkeiten bietet, diesen auch zu leben.

Zuerst bin ich versehentlich über diese Suche gestolpert, aber schließlich begann ich, sie bewusst zu führen.

Heiligenschein

In der ersten Hälfte meines Lebens, bis ich 17 war, war ich ein Katholik/Christ, getauft und konfirmiert. Ich ging 8 Jahre auf ein katholisches Gymnasium, gefolgt von 4 Jahren auf einer katholischen High School. Ich war mehrere Jahre lang bei den Pfadfindern und habe mir die Ad Altare Dei Auszeichnung verdient. Ich habe jeden Tag gebetet und all das, was man mich lehrte, als wahr akzeptiert. Ich ging jeen Sonntag mit meiner Familie in die Kirche. Alle meine Freunde und Familie waren Christen, so dass ich von anderen Glaubenssystemen nichts ahnte. Mein Vater war ein Ministrant, als er noch jung war, und sein Bruder (mein Onkel) ist ein katholischer Priester. Einer meiner Cousins ist Mitglied bei Campus für Christus. In der High School nahm ich an optionalen, religiösen Treffen teil und arbeitete als Freiwilliger in einer Kuranstalt und einer Vorschule für behinderte Kinder. Ich ging davon aus, für den Rest meines Lebens Katholik zu sein.

Blasphemische Gerüchte

Aber am Ende meines ersten Jahres an der High School machte ich eine Erfahrung, die ich als Erwachen bezeichnen muss. Es war, als wäre ein neuer Teil meines Gehirns plötzlich aktiviert worden, welcher mich in einen höheren Bewusstseinszustand katapultiert hat. Vielleicht war es nur ein Nebeneffekt des Erwachsenwerden. Ich begann offen die Überzeugen und Ansichten in Frage zu stellen, auf die ich seit meiner Kindheit konditioniert wurde. Blinde Akzeptanz dessen, was man mich gelehrt hatte, war für mich nicht mehr genug. Ich wollte hinter den Vorhang schauen, sämtliche Ungereimtheiten rausreißen und sehen ob, diese Ansichten für mich überhaupt Sinn machen.

Ich begann eine Menge Fragen zu stellen, aber musste feststellen, dass nur wenige Leute diese ehrlich mit mir diskutieren wollten. Die meisten nahmen mich nicht ernst oder reagierten defensiv. Aber ich war ernsthaft interessiert und nicht feindlich eingestellt. Meine Familie war nicht bereit darüber zu diskutieren, aber ich konnte ein paar aufgeschlossene Lehrer finden. Meine High School (Loyola High in Los Angeles) war eine Jesuitenschule und die Jesuiten sind sehr liberal – soweit man das von Priestern sagen kann.

Aber ich wurde enttäuscht. Ich musste feststellen, dass – unabhängig von ihrer Ausbildung und viel größeren Lebenserfahrung – nur sehr wenige meiner Freunde und Lehrer überhaupt gewillt waren, ihre Ansichten offen zu hinterfragen. Und das schürte sehr stark den Zweifel bei mir. Ich dachte:

“Wenn alle alles einfach nur blind glauben und niemand das Ganze hinterfragt, warum soll ich dann auch daran glauben?”

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten wuchs der Zweifel in mir nur weiter und ich begann mehr auf meine eigene Intelligenz und Sinne zu vertrauen, anstatt auf den Glauben, der mir in meiner katholischen Kindheit vermittelt wurde. Schließlich gab ich den gesamen Kontext auf und wurde – aufgrund eines Mangels an verfügbaren anderen Kontexten – ein Atheist.

Ich begann das letzte Jahr der katholischen High School als ein 17-jähriger Atheist. Oh, welche Ironie. Anfangs war ich nicht sicher, was mich erwarten würde, aber ich stellte schnell fest, dass ich den Kontext des Atheismus als sehr aufbauend empfand. Durch das Abschütteln all meiner alten Überzeugungen fühlte ich mich, als hätte mein Gehirn ein Intelligenz-Upgrade bekommen. Ich konnte so viel klarer denken und mein Geist schien deutlich besser zu arbeiten. Ich verspürte auch mehr Kontorlle über mein Leben als jemals zuvor. Ohne den Glauben an Gott übernahm ich alle Verantwortung über die Resultate in meinem Leben. Die Schule war für mich leichter als je zuvor, obwohl ich alle der schwierigsten Kurse besuchte.

Ich war so gut in Mathe, dass mein Lehrer mir sogar einen speziellen Test gab, der sich vom Rest der Klasse unterschied. Und einmal kamn mein Physiklehrer vor der Stunde zu mir und liess sich von mir zeigen, wie man ein schwieriges physikalisches Problem löst. Ich fand insbesondere Mathe und andere wissenschaftliche Kurse so einfach, dass ich anfing mir neue Wege zu suchen um mich selbst herauszufordern. Zum Bespiel versuchte ich meine Hausaufgaben auf einem 1-Zoll-mal-1-Zoll großen Stück Papier zu erledigen oder nur mit einem Buntstift auf der Rückseite einer Müslipackung oder ich färbte meine Graphen so ein, dass sie wie Kunstwerke aussahen. Die Leute dachten von mir, ich wäre durchgeknallt, aber ich machte das hauptsächlich um mich nicht zu langweilen, weil die gestellten Aufgaben keine Herausforderung boten. Man hat nicht wirklich gelebt, wenn man Analysis nicht mit Buntstiften gemacht hat. ;)

Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Atheist war und in religiösen Kursen habe ich alle nackten Daten hochgewürgt, die ich brauchte um den Test mit “Sehr gut” zu bestehen. Aber immer wenn es Aufsatzfragen mit offenem Ende gab, dann hab ich diese aus atheistischer Sicht bearbeitet. Ich bin dankbar, dass die Jesuiten so liberal sind wie sie waren und mein Verhalten toleriert haben. Dafür muss ich sie wirklich loben.

Meine Familie war damit nicht glücklich, insbesondere wenn mein Abonnement von “American Atheist” begann in unserem Briefkasten zu liegen. Ich lernte schnell die Post frühzeitig abzufangen. Aber ich war so gut in der Schule, dass es ihnen schwer fiel sich zu beschweren und sie wollte keine meiner Fragen offen besprechen, obwohl ich das gerne getan hätte. Sie zwangen mich, weiter zu Kirche zu gehen, was ich eine Weile toleriert habe, weil ich wusste, dass ich im nächsten Jahr eh ausziehen würde.

Aber irgendwann begann ich damit, in einer anderen Ecke der Kirche zu sitzen und mich für einen Spaziergang rauszuschleichen, von dem ich erst kurz vor Ende zurückkehrte. Einmal endete die Messe etwas früher als erwartet und ich kam zu spät zurück. Meine Familie war bereits am Auto und sah mich die Straße entlang spazieren. Uuups!

Sie fuhren ohne mich weg.

Aber anstatt die zwei Meilen nach Hause zu laufen, blieb ich den ganzen Tag draußen und kam erst gegen Mitternacht heim. Mit Ausnahme von Hochzeiten und Beerdigungen war das das lezte Mal, dass ich in einer Kirche war.

UC Berkeley

Abgesehen von diesen Konflikten war mein letztes Jahr an der High School, das beste, was ich je hatte. Ich bestannd alle meine Kurse mit “Sehr gut” und wurde von sechs Universitäten für ein Informatik-Studium angenommen: Cal Tech, UCLA (kleines Stipendium), UC San Diego (volles Stipendium), UC Berkeley, Carniege Mellon und Harvey Mudd.

Ich entschied mich für UC Berkely, weil dessen Informatik-Studium damals als das beste im Land galt. Ich war sehr glücklich endlich auszuziehen und mein eigenes Leben zu leben. Im Herbst ’89 zog ich nach Berkely und lebte im Studentenwohnheim.

Dann passierte etwas Eigenartiges.

Judas

The Facts Concerning the Recent Carnival of Crime in Connecticut von Mark Twain

Während meiner Zeit in Berkely wurde mein Atheismus-Kontext weiter ausgeformt. Da ich nun nicht länger von Katholiken umgeben war, traf ich dort viele interessante Leute mit einer breiten Viefalt verschiedener Glaubenssysteme. Ich schloß schnell Freundschaft mit vielen sehr intelligenten Leuten und einige waren aufgeschlossen genug, um über die Natur der Realität zu diskutieren. Ich glaube, meine katholische Erziehung war wie ein gespannte Feder – sobald ich die Umgebung, die diese Feder unter Druck hielt, zurückgelassen hatte, schoß ich direkt an das andere Ende des Spektrums. Aber ich ging dabei zu weit. Ich warf nicht nur meine alten religiösen Ansichten über Bord, sondern damit auch mein gesamtes moralisches Konzept. Ich war wie der Mann in Mark Twains Kurzgeschichte The Facts Concerning the Recent Carnival of Crime in Connecticut; eine Geschichte über einen jungen Mann der sein Gewissen umbringt.

Ich begann, mich für all das zu begeistern, was faktisch dem genauen Gegenteil meiner Erziehung entsprach. Ich verlor jegliches Interesse an der Schule und ging fast nie zu einer Vorlesung. Ich habe mich wirklich überhaupt nicht darum geschert, meinen Abschluss zu machen. Ich ging jede Woche zu Parties und trank viel – einmal 14 Drinks hintereinander und wusste beim Aufwachen nicht mehr, wie ich in mein Bett gekommen war. Ich musste Freunde fragen, um Stück für Stück herauszufinden, wie die letzte Nacht verlaufen war. Bis zum heutigen Tag bin ich mir sicher, dass ich bis zum Alter von 21 mehr Alkohol getrunken habe, als danach (und ich bin jetzt 40).

Ich begann in Läden zu stehlen – sehr oft. Beim ersten Mal aus dem Grund, weil es etwas war, was ich noch nie gemacht hatte; etwas was ich als Katholik nie tun könnte. Es war wie eine Aufgabe, die ich von meiner Liste streichen musste. Aber ich wurde bald süchtig nach dem emotionalen High dabei und begann mehr und mehr zu stehlen – bis ich es schließlich mehrmals am Tag tat.

Ich habe praktisch nie Dinge für mich gestohlen. Das Meiste habe ich an andere Leute verschenkt oder es später einfach weggeworfen. Nach etwa einem Monat (im ersten Semester) wurde ich verhaftet. 4 Monate auf Bewährung. Ich nahm mir eine Woche frei und fing direkt wieder an, auch wenn ich jetzt etwas vorsichtiger wurde. Eine Woche nach dem meine Bewährungszeit rum war, wurde ich wieder verhaftet und bekam 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit aufgebrummt. Ich erfüllte die Arbeit und fing bald wieder mit dem Stehlen an. Aber ich verfeinerte meine Methoden noch weiter, damit es noch schwerer wird, mich zu schnappen. Ein paar knappe Situationen gaben mir mehr Selbstvertrauen.

Ich habe mich so sehr an dieses Verhalten gewöhnt, dass ich Stehlen konnte, ohne das mein Herz auch nur einen Schlag aussetzt. Keine Angst. Also musste ich die Dosis erhöhen. Zuerst begann ich mir kleine Ziele zu setzen, z.B. wieviele große Schokoriegel ich in meine Taschen stecken konnte (13) oder alle Milchflaschen aus einer Uni-Cafeteria innerhalb von einem Tag zu stehlen (mehr als 50 Flaschen). Dann verschenkte ich alle Schokoriegel und Milchflaschen an meine Kommilitonen.

In der Uni lief es nicht so gut und ich wurde auch auf akademische Bewährung gesetzt. Das machen sie, wenn man nicht in den Vorlesungen erscheint. Ich kann nicht wirklich sagen, dass es mich groß interessiert hat.

Aber die Dinge wurden noch schlimmer, als ich einen anderen Studenten traf, der moralisch genauso korrupt war wie ich. Wir wurden schnell Freunde. Ich hörte mit den (riskanten) Ladendiebstählen auf. Zusammen planten wir Diebstähle mit 2 Personen, wo die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden, sehr gering war. Es klappte immer und immer wieder und wir beide begannen damit etwas Geld zu verdienen. Um auf Nummer sicher zu gehen und nicht die gleichen Orte immer und immer wieder zu besuchen, erweiterten wir unser Gebiet deutlich über Berkely hinaus – um fast 100 Meilen im Umkreis – von San Francisco über Sacramento bis Fresno. Über einen Zeitraum von etwa einem Jahr steigerten wir uns von Kleinkram zum schweren Diebstahl (zur der Zeit war das alles über 400$). Ich glaube, unser Rekord lag bei einem Wochenende mit Zeug im Wert von 2400$.

Keine gute Idee

Schließlich wurde ich wieder geschnappt, dieses Mal wegen schwerem Diebstahl. Nicht gut. Vor dieser Verhaftung hatte ich schon festgestellt, dass mir im Falle eine Verurteilung wegen schwerem Diebstahl ungefähr 2 Jahre Haft drohen, dank meiner Vorgeschichte. Ganz und gar nicht gut.

Gefängniszelle (inklusive gesiebter Luft)

Und um es noch schlimmer zu machen, wurde ich in Sacramento verhaftet, ungefähr 2 Autostunden von Berkely entfernt. Aber mein Partner konnte nicht ewig warten und sich auch erwischen lassen – also fuhr er zurück. Ich saß fest, in einer Zelle, bis sie mich identifizieren konnten. Ich ging nie auf Diebestour mit meinem Ausweis in der Tasche und gab der Polizei einen meiner Fantasie-Namen, aber das glaubten sie mir natürlich nicht, sodass ich in der Zelle warten musste, bis sie meine Fingerabdrücke überprüft hatten.

Da war ich also… 19 Jahre alt, sitzend in einer Zelle am Superbowl Sunday 1991. In der Erwartung, dass ich meine Freiheit für die nächsten 2 Jahre verlieren würde.

PLONK!

Das war das Geräusch, dass die Realität machte, als sie um mich herum einstürzte. Die ersten paar Stunden stand ich unter Schock, unfähig klar zu denken. Vielleicht waren es die orangen Klamotten. Aber da ich nichts zu tun hatte, außer rumsitzen und für eine undefinierte Zeit nachzudenken, begann ich all die großen Fragen erneut zu stellen. Was zum Teufel mache ich hier? Bin das wirklich ich?

Aber diesmal waren meine Antworten andere. Ich erkannte, das dieser Kontext komplett falsch war. Ich ergab mich der Tatsache, dass ich die nächsten paar Jahre im Gefängnis verbringen werde, aber ich mir war auch klar, dass ich mich permanent verändert hatte und dass dieses Leben nun vorbei ist. Zwei Jahre im Gefängnis… das würde eine schmerzhafte Lektion sein. Aber immerhin hatte ich sie gelernt.

Ich hatte noch keinen komplett neuen Kontext als Ersatz, aber ich begann die Saat für einen neuen zu säen. Diese Saat war die Erkenntnis, dass, egal wie schlecht die Dinge auch stehen, es in der Zukunft besser werden kan. Ich wusste, dass ich mich schließlich erholen und zurückkommen würde. Es würde vielleicht ein paar Jahre dauern, bevor ich wieder auf meinen Füßen stehe, aber ich wusste mit Sicherheit, dass ich es überleben kann.

Obwohl ich es damals nicht benennen konnte, so war das doch der Moment, wo die Idee persönlichen Wachstums in mir zu blühen begann. Es war die Idee, dass, egal wie die schlecht die Situation im Moment ist, ich immer die Kapazität habe, dadurch zu wachsen und in einer besseren Position auf der anderen Seite herauskommen kann. Diese Idee war alles, was ich hatte, aber es war genug um damit fertigzuwerden.

Drei Tage später kam ich frei. Sie hatten mich erfolgreich identifiziert. Ich durfte gehen – mit einem Gerichtstermin, angeklagt des schweren Diebstahls. Draußen ging die Sonne unter. Zuerst spazierte ich um das Capitol und in den Gärten in Sacramento herum. Ich erfreute mich einfach an der frischen Luft und war glücklich, dass ich wenigstens noch ein paar Monate in Freiheit habe. In der Zelle war es extrem langweilig – und das war noch kein richtiges Gefängnis. Unglücklicherweise hatte ich ein dringenderes Problem zu lösen. Ich hatte keinen Ausweis, nur 18$ Bargeld bei mir und musste einen Weg (120 Meilen) zurück nach Hause finden. Ich hatte Glück und fand einen Nachtbus nach Oakland für nur 16$, von wo mich mein (Ex-)Partner abholte.

Zu Hause angekommen, fand ich einen Brief von UC Berkeley in der Post – Ich war exmatrikuliert. Das machen sie, wenn die Durchschnittsnote (GPA) mit einem Komma beginnt.

Ein zerbrochener Rahmen

Die nächsten paar Monate, während ich auf meinen Gerichtstermin wartete, hing ich in einem Loch fest. Ich machte eigentlich überhaupt nichts. Ich schlief viel, ging lange spazieren und spielte eine Menge Videospiele. Es ist schwer, sich Ziele zu setzen, wenn man erwartet, für eine Weile ins Gefängnis zu gehen.

Schließlich bekam ich einen Anwalt zugeteilt und traf mich mit ihm um meinen Fall zu besprechen. Bevor ich etwas sagen konnte, sagte er:

“Naja, ich habe mir deine Akte angesehen und da es deine erste Straftat ist, bin ich ziemlich sicher, dass wir es auf geringfügigen Diebstahl reduziert bekommen, so dass du nur etwas gemeinnützige Arbeit aufgebrummt bekommst, wenn wir uns auf einen außergerichtlichen Vergleich einlassen. Ich verstehe mich gut mit dem Staatsanwalt, so dass ich recht sicher bin, dass er mitmachen wird. Ich muss von einem Gerichtsverfahren dringend abraten, dass die Beweislast erdrückend ist, da du auf frischer Tat ertappt worden bist.”

Erste Straftat? Äh? Mir schossen sofort Gedanken durch den Kopf, wie

“Warum denkt er, dass das meine erste Straftat war? Kennt er meine Vorgeschichte nicht? Und wenn er glaubt, es war die erste Straftat, wird der Rest des Gerichtes das auch glauben? Sollte ich meinen Anwalt darauf hinweisen?”

Nachdem ich ein paar Sekunden darüber gegrübelt hatte, entschied ich mich, dass ich besser meinen Mund halte. Vielleicht fällt es mir auf die Füße, aber es gab die Chance, dass es ich Glück haben könnte. Ich dachte mir, im schlimmsten Fall habe ich es mit einem verärgerten Anwalt zu tun. Aber die Chance war zu gut, um sie ziehen zu lassen. Schwerer Diebstahl war eine Straftat; geringfügiger Diebstahl nur ein Vergehen. Ich musste das Risiko eingehen. Natürlich war das Eingehen von Risiken mir nur allzu gut vertraut.

Ein paar Wochen später war der Gerichtstermin. Mein Plan war es, meinen Mund zu halten, wo es nur ging und nur das absolute nötigste Minimum zu sagen. Vor dem Gerichtsaal war ich einen Blick in die Informationen, die man über meinen Fall zusammengetragen hatte. Sie hatten mich in der Tat richtig identifiziert, aber sie auch mein Deckname war aufgeführt. Aber keine Vorstrafen. Ich vermutete, dass irgendjemand Mist gebaut hat und meinen Decknamen anstatt meinen richtigen für die Suche nach Vorstrafen verwendet hatte, obwohl ich unter meinem Namen angeklagt worden war. Menschicher Fehler? Computerfehler? Wer weiß? Aber ein großer Fehler in jedem Fall.

Als wir den Gerichtssaal betraten (ein Ort der mir immer mehr vertrauter wurde), nahmen alle Anwesenden erwartungsgemäß an, dass dies meine erste Straftat war und agierten dementsprechend. Ich habe keinen Widerspruch gegen die reduzierte Strafe von 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit eingelegt. Ich habe diese 60 Stunden abgearbeitet, als wäre es ein Traumjob – wohl im Bewusstsein, dass es 17520 Stunden hätten sein können.

Wiederaufbau

Bald zog ich wieder zurück nach L.A., nahm einen unspektakulären Verkäuferjob für 6$/Stunde an und besuchte ein paar unspektakuläre Kurse nebenbei. Ich hatte wirklich genug Aufregung in den letzten paar Jahren und ich wollte für eine Weile ein normales, ruhiges Leben genießen… etwas Zeit unter dem Radar verbringen. Ich nahm wieder Kontakt zu alten High School Freunden auf, die die UCLA besuchten und verbrachte ab und zu etwas Zeit im Haus ihrer Studentenverbindung – aber für gewöhnlich hielt ich mich von Parties fern.

Ich spielte viel Frisbee Golf, Tennis und Videospiele (insbesondere die Adventures von Sierra, die in den frühen 90ern sehr populär waren). Ich versuchte das Leben sehr einfach zu halten. Ich verbrachte viel Zeit mit der Analyse meiner Erfahrungen in Berkeley, um zu verstehen zu können, wie ich verhindern kann, dass ich jemals wieder so abrutsche. Aber diese Gedanken behielt ich für mich.

Ich wusste, dass sehr viel an mir arbeiten musste, aber ich wusste auch, dass ich nicht wieder zurück in mein altes Leben konnte. Die Moralvorstellungen und Überzeugungen mit denen ich aufgewachsen bin, waren zerbrochen, aber ohne eine Form eines Gewissens weiter zu leben, war auch keine Option. Muss man einen Glauben an Gott haben, um ethisch leben zu können?

Mir wurde bewusst, dass, wie negativ auch immer meine Erfahrungen erschienen, sie mich auch für immer auf eine positive Weise verändert haben. Das Durchleben dieser Erfahrungen hatte einen Teil von mir geweckt, der vorher nur dahin schlummerte – meinen Mut. Obwohl ich einige dumme Sachen gemacht habe, haben sie doch auch eine Menge Mut erfordert. Ich lernte immer wieder zu handeln – trotz Angst. Und diese Konditionierung blieb mir erhalten. Weil mir bereits Gefängnis gedroht hat, würde mich keine Niederlage, die weniger schlimme Konsequenzen hat, noch abschrecken können. Bis zum heutigen Tag hat die Angst vor einer Niederlage kaum noch Macht über mich. Ich sage dann einfach zu mir:

“Hey, wenn es mich nicht ins Gefängnis bringt, wie schlimm kann es dann schon sein?”

Natürlich musste ich lernen meinen Mut mit etwas Sinn für Moral und gesunden Menschenverstand zu kombinieren. Während diesen Jahres ruhiger Reflektion veränderte ich meinen Kontext, um einen persönlichen, ethischen Code zu finden, nach dem ich mich richten wollte. Aber anstatt ihn auf Religion basieren zu lassen, ging ich mehr in die humanistische Richtung. Ich integrierte Werte wie Ehre, Ehrlichkeit, Integrität, Bescheidenheit und Fairness. Es war ein sehr bedachtsamer und bewusster Prozess des Wiederaufbaus, der noch einige Jahre anhalten sollte. Aber schon während der Zeit zwischen 1991-92, als ich erst am Anfang stand, gab er mir bereits etwas Stabilität und wurde nach und nach zum bis dahin mächstigsten Kontext, den ich kannte. Mir wurde schnell klar, dass der von mir entwickelte Mut, ein machtvolles Kapital sein würde, wenn ich lernte, ihn intelligent einzusetzen.

Ich war bereit für eine neue Herausforderung.

Nichts fürchten

Im Herbst ‘92 entschied ich mich zurück auf’s College zu gehen und nochmal als Erstsemestler von vorn anzufangen. Dieses Mal ging ich zur Cal State University, Northridge (CSUN). Das Informatik-Studium hatte keinen Numerus Clauses, so dass ich mich nur anmelden musste. Mit 21 bezog ich ein Zimmer im Wohnheim. Aber ich war nicht mehr dieselbe Person, die ich mit 18 war. Ich war immernoch überzeugter Atheist, aber dazu kam jetzt noch eine Anzahl persönlicher Werte, die mich führten. Ich wollte sehen, zu was ich fähig war und was diese neuen Werte bewirken können – insbesondere der Wert “Integrität”. Kein Betrügen, kein Stehlen, kein Trinken. Es ging mir nur darum, Ziele zu setzen, loszulegen und von mir selbst das Beste zu fordern. Mein Mut war wie eine neue Energiequelle, die ich mir zunutze machen würde. Meine Freunde aus Berkely hatten zu mir gesagt:

“Wenn du all die Energie, die du in die Kriminalität gesteckt hast, für dein Studium genutzt hättest, dann wären dabei nur Einsen rausgekommen.”

Aber ich wusste, ich könnte Bestnoten erzielen. Ich habe das schon in der High School geschafft, als ich alle Extrakurse belegt habe. Das war keine allzu große Herausforderung. Also legte ich die Messlette für mein ersten Semester etwas höher und schrieb mich für 31 Einheiten (10 Kurse) ein. Der durchschnittliche Student belegt 12-15 Einheiten pro Semester. Unglücklicherweise wollte der Dekan der Informatik-Fakultät das nicht akzeptieren. Sie konnte das entscheiden, und sie dachte, ich mache entweder Spaß oder bin verrückt. Ich überredete sie von 18 zu 25 Einheiten, aber weiter wollte sie nicht gehen und selbst jetzt glaube sie noch, ich wöllte sie veralbern. Also belegte ich 25 Einheiten bei CSUN und trug mich für weitere 6 außerhalb vom Campus ein – insgesamt also doch 31 Einheiten. Das verstieß gegen die Regeln, da erlaubten Extra-Einheiten genau genommen auch die außerhalb vom Campus einschlossen, aber von sinnloser Bürokratie wollte ich mich nicht aufhalten lassen.

Ich widmete mich dem Studium von Zeitmanagement-Techniken und lernte meine Zeit äußerst effektiv zu nutzen. Ich schaffte in allen Kursen die Bestnote und legte die hervorragenden Zeugnisse beider Schulen dem Dekan vor – und fragte nach 39 Einheiten für mein zweites Semester. Dieses Mal war es nicht schwierig ihre Erlaubnis zu bekommen, aber ich glaube, sie war etwas verängstigt, als ich ging. Ich schaffte das Semester erneut mit Bestnoten.

Im Sommer 1993 arbeite ich Vollzeit als Spieleentwickler für verschiedene Firmen und wurde Vegetarier. Keine Sommerakademie. In meinem dritten und letzten Semester, machte ich noch zusätzlich meinen Abschluß in Mathematik (was ziemlich leicht war, da viele der Kurse auch zum Informatik-Studium gehörten) und belegte 37 Einheiten während ich weiterhin in Vollzeit arbeitete. Ich schloß mein Studium mit einem GPA von 3.94 ab und bekam die diesjährige Auszeichnung für den besten Informatik-Studenten. Zwei Abschlüsse in drei Semestern.

Durch diese Erfahrung lernte ich die Macht des Kontext noch mehr wertschätzen. So etwas hätte ich als Katholik niemals versucht. Ich hätte mir nie die Ziele gesetzt, wie ich es hier getan hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich verstehen kann, wie unterschiedlich man die Realität aus der Perspektive verschiedener Kontexte wahrnimmt, wenn man seinen noch nie geändert hat. Wenn man sich einem entmächtigenden Kontext verschreibt, dann ist man in seiner Fähigkeit, bestimmte Herausforderungen anzugehen, absolut eingeschränkt. Egal, wie sehr man es versucht (falls man es überhaupt versucht).

Im Jahr nach meinem Abschluss startete ich Dexterity Software, traf meine zukünftige Frau und erforschte weiter unterschiedliche Glaubenssysteme. Aber nun tat ich es sehr bewusst. Ich war angespornt von der Idee, dass, wenn ein Kontext die Tür zu zuvor ungenutztem Potential aufstoßen kann, was würden dann andere Kontext ermöglichen? Gibt es einen noch besseren Kontext als meinen aktuellen? Meine Erfahrungen in Berkeley und CSUN waren komplett unterschiedlich und mir war klar, dass es an meinen unterschiedlichen Glaubenssystemen lag. Eine “Religion” brachte mich fast ins Gefängnis; die andere erlaubte mir erfolgreich ein Potential anzuzapfen, von dem ich vorher gar nicht wusste, das es in mir steckt. Ich musste mehr darüber lernen.

In den nächsten 10 Jahren experimentierte ich mit Agnostizismus, diversen New-Age-Glaubenssystemen, Buddhismus, Objektivismus und mehr. Für ein paar Monate probierte ich sogar Scientology aus um zu sehen, was das genau ist. Ich wollte eine große Zahl verschiedener Kontexte verinnerlichen, sie von innen heraus kennenlernen und dann einen Schritt zurücktreten und ihre Stärken und Schwächen vergleichen. Das hat für eine Menge Instabilität in meinem Leben gesorgt, aber auch für unglaubliches Wachstum.

Ich war wie ein Küchenchef, der verschiedene Zutaten ausprobiert um herauszufinden, welches Rezept an Überzeugungen zum bestmöglichen Leben führen würde. Und um es nochmal zu sagen: “bestmöglich” ist selbst Teil des Rezeptes, d.h. meine Verständnis vom Sinn des Lebens wandelte sich ebenso.

Oft stellte ich fest, dass ein neuer Kontext mich zurückwarf und meine Resultate schlechter wurden. Andere Male war der neue Kontext mehr ermutigend und der Erfolg kehrte zurück. Auf lange Sicht gesehen, während ich neue ermächtigende Überzeugungen integrierte und entkräftende verwarf, begann sich mein Leben in allen Bereichen zu verbessern.

Flexibilität

Unsere Überzeugungen wirken wie Filter. Diese Filter helfen uns Dinge zu sehen, die wir sonst nicht wahrnehmen würden, aber sie können auch Teile der Realität ausblenden. Ich sehe Persönlichkeitsentwicklung als das Studium dieser Filter an – der Glaubenssysteme. Es gibt eine unendliche Menge an Filtern, so dass diese Suche niemals enden wird, aber je mehr Filter man persönlich untersucht, desto mehr versteht man die Natur der Realtität und seine Rolle darin.

Ich habe kein organisiertes Glaubenssystem erlebt, dass einen nicht auf gewisse Weise entmachtet. Das Problem ist, dass sie alle eine fixe Perspektive haben. Egal aus welcher Perspektive man die Realität betrachtet; es ist immer nur eine Projektion der Realität auf das eigene Glaubenssystem – nicht die Realität selbst. Je steifer die Perspektive ist, desto mehr Details wird man übersehen (Details welche nicht in die Projektionsfläche der eigenen Perspektive fallen, aber in anderen auftauchen) und desto weniger kann man sein wahres Potential nutzen.

Einige Jahre lang, hätte ich meine Religion als ein Feld und nicht als einen fixen Punkt beschrieben. Sie erfasste verschiedene Kontexte. Ich liess meinen Kontext gleiten und versuchte, die Realität aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen. Zuerst war das ziemlich beunruhigend und es war schwer, Ziele zu setzen und aktiv zu werden, aber ich empfand es dennoch als gewinnbringend, weil es mir zu mehr Klarheit verhalf. Ich begann Muster zu erkennen, wohin gewisse Perspektiven führen würden – sowohl für mich, als auch für andere. So wie man sich vorstellen kann, wohin ein Leben für die Kriminalität letztendlich führen wird, so kann man sich auch vorstellen, wohin ein Glaubenssystem mit einer bestimmten Form von Gott führen wird und wie sich dieser Pfad von anderen Optionen unterscheidet.

Das ist kompliziert, weil man nicht mit festen Ausgangspunkten oder Endstationen arbeitet. Es geht um Felder von Möglichkeiten, die zu Feldern an Potential führen. Zum Beispiel: ein Leben für die Kriminalität kann auf viele Arten beginnen und enden, aber man kann immernoch allgemeine Muster in den Wegen vom Anfang bis zum Ende erkennen. Man kann eine paar Verallgemeinerungen treffen, die ziemlich akkurat sein werden.

Ein Ergebnis dieser Introspektion war, dass ich ein paar Überzeugungen abwerfen und andere verstärken konnte. Manche Überzeugungen waren stetig entmächtigend, was bedeutete – hätte ich sie angenommen – dass ich mich selbst um den Zugang zu wertvollem Potential gebracht hätte. Dazu gehörte der Glaube an Himmel/Hölle und der an eine höhere Macht. Der zweite mag etwas überraschend erscheinen, aber ich entschied mich, ihn zu verwerfen, weil ich ihn immer weniger ermutigend empfand, als den Glauben an eine “niedere” Macht.

Ein Beispiel für eine höhere Macht, wäre ein bewusst wahrnehmender Gott oder Götter, wie man es im Christentum oder in der griechischen Mythologie findet. Eine niedere Macht wäre z.B. ein Feld, dass auf Intentionen antworten kann – so etwas wie die Macht in Star Wars oder was manche Leute als “Quelle” bezeichnen. Man kann zu der einen oder anderen Macht beten, aber im ersten Fall bittet und im zweiten Fall verkündet man. Viele Leute, mich eingeschlossen, haben festgestellt, dass verkündentes Beten besser funktioniert als gar nicht zu beten und besser als bittendes Beten. Ich sehe es hauptsächlich als das Verkünden einer Absicht an.

Um also zu entscheiden, welche Überzeugungen man willkommen heisseb und welche verwerfen sollte, kam ich immer wieder zu den Konzepten von Ermächtigung und Potential zurück. Ich bemühe mich, die Überzeugungen zu verwerfen, die meine Fähigkeit, mein Potential zu nutzen, beschneiden und die zu stärken, die mich weiteres Potential erschließen lassen. Wenn eine Form von Gebet überhaupt nicht zu funktionieren scheint, aber eine andere hingegen oft – dann nutze ich natürlich letzteren Kontext häufiger.

Die Welt durch meine Augen

Meine allgemeine Religion ist im Endeffekt eine Religion des persönlichen Wachstums geworden. Jedes Jahr verfeinere ich meine Überzeugungen, um sie mehr in Einklang zu bringen – mit meinem bestes Verständnis, wie die Realität tatsächlich funktioniert. Je besser wir die Realität verstehen, desto mehr Potential erschließen wir. So wie das Verständnis eines neuen physikalischen Gesetzes uns erlauben kann, Dinge zu tun, die vorher unmöglich waren – so funktionieren auch Überzeugungen hinsichtlich der Realität.

Wenn man der Überzeugung nachhängt, dass die Erde flach sei, dann wird das das Potential und die Resultate beeinträchtigen. Ebenso, wenn die religiösen Ansichten zu sehr von der aktuellen Realität abweichen, dann ist man dazu verdammt, sein Leben ohne eine Ahnung seines wahren Potentials zu verbringen. In meiner “Religion” ist es eine Sünde, sein Potential brach liegen zu lassen. Selbstoptimierung ist tief in meinem Verständnis von Moral verhaftet. Kein Wachstum ist für mich moralisch falsch – es steht im Gegensatz zum meinem Verständnis von der Bedeutung des Lebens.

Das einzig verlässliche Mittel, was ich zum Entdecken, welche Überzeugungen ermächtigen, gefunden habe, ist, sie zu testen und mit anderen Überzeugungen zu vergleichen. Das ist etwas, worüber ich anfangs unbewusst gestolpert bin und in einer sehr destruktiven Art und Weise. Aber bewusst und intelligent angewendet, kann es einem eine ganz neue Sichtweise auf das Leben geben. So wie Leute, die viel reisen, berichten, dass ihre Erfahrungen anderer Kulturen sie verändert haben; kann man das auch vom Erleben verschiedener Glaubenssysteme erwarten.

Ich erwarte natürlich nicht, dass sich jeder meiner Religion verschreiben wird. Es war eine persönliche Entscheidung von mir und wurde unzweifelshaft durch meine einzigartigen Erfahrungen geprägt. Dennoch hat das bewusste Wählen meiner Überzeugungen mir den Zugang zu Teilen meines Potentials erlaubt, was mir mit anderen Glaubenssystemen nicht möglich gewesen wäre. In den meisten Fällen, wäre ich wohl zu passiv geblieben und hätte es nicht geschafft, mich selbst zu fordern. Ich hätte dazu geneigt, mein Los im Leben zu akzeptieren, anstatt es bewusst mit zu prägen. Da meine Religion darauf basiert, aktiv mein eigenes Wachstum voran zu treiben und anderen dabei zu helfen, das gleiche zu tun, bin ich motiviert zu handeln. Schöne Gedanken oder Absichten sind nicht genug.

Ein anderer Teil meiner Religion ist das Streben das beste Ich zu werden, dass ich sein kann – keine Kopie von Jesus oder Buddha oder sonstwem. Das bedeutet, dass ich eine Menge Zeit damit verbringe, meine Stärken und Schwächen kennenzulernen und herauszufinden, wo ich wachsen kann und was ich wohl einfach akzeptieren muss.

Alles zählt

  • Ermutigen die aktuellen Überzeugungen einen, sein Bestes zu geben oder verdammen sie einen dazu, nur als Schatten dessen zu leben, was man wirklich sein könnte?
  • Kann man ehrlich sagen, dass man sein (nahezu) Bestes gibt?
  • Lebt man kongruent mit seinen tiefsten Überzeugungen?
  • Wie auch immer die persönlichen religiösen und spirituellen Überzeugngen aussehen; wie gut praktiziert man sie?
  • Predigt man Wasser und trinkt Wein?

Am Montag, als ich den Las Vegas Strip entlang spazierte, sah ich einen heruntergekommenen Obdachlosen auf einer der Brücken sitzen; nach Geld bettelnd. Jede Minute gingen über Hundert Leute an ihm vorbei, ohne dass nur einer ein nettes Wort oder ein Lächeln für ihn übrig hatte. Ich dachte mir:

“Wo sind all die Christen?”

Wenn Jesus das Vorbild für christliches Verhalten ist, was hätte Jesus in dieser Situation getan? Was hätten andere Vorbilder getan? Was würde man tun?

Die meisten Amerikaner nennen sich Christen. Ihren Taten nach zu folgen, sehe ich, dass die meisten es nicht sind.

Wenn man wirklich an etwas glaubt, dann wird man auch im Einklang damit handeln – immer. Wenn man an die Gravitation glaubt, dann wird man nie versuchen, sie zu widerlegen. Wenn man behauptet, einen Überzeugung zu vertreten, aber inkongruent agiert, dann glaubt man nicht wirklich daran. Man veralbert sich nur selbst. Beläufiges Glauben gibt es nicht.

Taten, nicht Worte, offenbaren Überzeugungen. Wenn man verstehen will, was man wirklich glaubt, dann muss man seine Taten beobachten. Das mag etwas Mut erfordern, aber wenn man der Spur seiner Taten folgt, dann führt es zu einem kongruenteren Glaubenssystem. Und wenn man dieses erreicht hat, kann man beginnen, sich bewusst neuen, ermächtigenden Überzeugungen zu widmen – während die Taten und Überzeugungen auf dem Weg dahin kongruent bleiben.

Aber man wird keinen Fortschritt machen, solange man behauptet eine Sache zu glauben, aber ständig dem zuwider handelt. Die meisten Leute verbringen in so einer Situation viel Zeit damit, ihre Taten ihren sogenannten Überzeugungen anzupassen… und finden nichts als Frustration. Ich sage, man sollte zuerst seine Überzeugungen seinen Taten anpassen und dann den Punkt erreichen, wo man absolut ehrlich mit sich selbst ist – inklusive Zweifel und alles andere. Dann wird man es viel leichter finden, sich vorwärts zu bewegen.

Keine Angst – kein göttliche Wesen wird einen dafür peinigen, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Und falls doch eins auftaucht, dann kann man mich als Sündenbock nennen. ;)

Auch wenn es ein ungemütlicher Ritt (für mich war es so) werden kann, wird man auf der anderen Seite doch als ganzheitlicheres und mächtigeres menschliches Wesen ankommen. Innere Inkonsistenzen beeinträchigen uns sehr, zwingen uns nur einen Bruchteil unseres Potentials auszuleben. Wenn unsere Taten und Überzeugungen in Konflikt stehen, dann können wir nicht klar denken. Wir handeln weniger intelligent und verschwenderisch – leicht manipulierbar durch andere. Wir sind uns über nichts im Klaren und schaffen es scheinbar nicht, konsistent in eine Richtung zu arbeiten. Wir sind wie ein ruderloses Schiff, das von den Wellen umhergeworfen wird.

Kongruenz ist Klarheit. Wenn man sich durch Beobachtung seiner Taten darüber klar wird, was man wirklich über die Realität glaubt und sich seinen tiefsten, dunkelsten Wahrheiten gegenüberstellt – die man nie sehen wollte – dann betritt man einen Pfad des Wachstums, der alle früheren Errungenschaften in den Schatten stellen wird. Man erschließt sich Ressourcen, die früher brach lagen – mehr Intelligenz, mehr Erkenntnis, mehr Bewusstsein. Und schließlich beginnt man, sein volles Potential zu leben; welches viel zu lange unter einem Berg des Leugnens begraben war.

Man darf keine Angst haben, zu erkennen, wer man wirklich ist. Man ist viel stärker, als man denkt.

Und dann…

Im nächsten Artikel untersuchen wir, wie man die wichtigste Entscheidung von allen trifft: Wie soll man leben und für was?