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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Der Sinn des Lebens: Seinen Zweck finden

Ist der Sinn und Zweck eines jeden vorbestimmt?

Der Sinn des Lebens (6-teilige Serie)

Das ist der dritte Teil der Artikelserie. Alle Artikel auf einen Blick:

  1. Einleitung
  2. Wie sollen wir leben?
  3. Seinen Zweck finden
  4. Vom Zweck zur Tat
  5. Der Übergang
  6. Bewusste Evolution

Hat jeder seinen vorbestimmten Zweck, den es zu erfüllen gilt?

Viele Bücher, die ich gelesen habe, scheinen davon auszugehen, dass wir entweder durch unsere Gene oder durch einen Gott mit einem vorbestimmten Zweck ausgestattet worden sind. Alles was wir machen müssen, ist, uns genug Zeit zu nehmen und in uns zu gehen, um diesen zu entdecken. Man setzt sich eines Tages hin und schreibt das Ziel seiner Mission auf – und vertraut darauf, dass das, was dabei herauskommt, einen durch den Rest seines Lebens führt. Vielleicht alle 6-12 Monate aktualisiert man sein Ziel.

Persönlich halte ich das für Schwachsinn. Ich sehe keinen Beweis dafür, dass es irgendeinen vorbestimmten Zweck in irgendjemand von uns gibt. Vielleicht hat man die Erfahrung einer starken sozialen Konditionierung gemacht, die auf einen bestimmten Zweck abzielt – z.B. wenn man als Prinz oder Prinzessin geboren wurde; dann bestimmt die DNA tatsächlich einige Aspekte deines Lebens – aber das ist kein ausreichender Beweis dafür, dass irgendeine Form göttlicher Macht am Werk ist. Ich denke, in den meisten Fällen kommt nur ein läppisches Missionsziel dabei heraus, dass nicht viel bedeutet.

Ich denke, wenn man von der Annahme ausgeht, dass man einen vorbestimmten Zweck in sich trägt und versucht diesen entdecken, in dem man sich einfach hinsetzt und sein(e) Ziel(e) aufschreibt, dann baut man sich ein Haus aus Stroh. Man hat keine rationale Grundlage dafür diesem Zweck zu vertrauen. In dem meisten Fällen wird man nur raten und stellt zurückblickend in ein paar Wochen fest, dass es einen doch nicht so interessiert, wie man im ersten Moment dachte. Man wird immer Zweifel an dem haben, was man da aufgeschrieben hat.

Wenn Menschen sich hinsetzen und versuchen ihren Zweck oder ihre Mission schriftlich festzuhalten, dann fehlt es ihnen gewöhnlich an ausreichend Klarheit, wie man das auf intelligente Weise macht.

  • Wie genau soll man seinen Zweck eigentlich definieren?
  • Muss man ihn einfach kennen und nur sein Gehirn wie einen Schwamm ausquetschen?
  • Was, wenn man sich einige unterschiedliche Missionen vorstellen kann, die zu einem passen würden, aber keine Ahnung hat, welche die Beste ist?
  • Was, wenn ein einem einfach nichts einfällt, was von Bedeutung erscheint?
  • Was dann?

Nur weil man keinen vorbestimmten Zweck in sich trägt, heisst das nicht, dass man nicht dennoch einen Zweck hat. Es bedeutet einfach nur, dass es etwas mehr Arbeit in Anspruch nehmen wird, seinen Zweck zu definieren. Der eigene Zweck ist nicht wirklich etwas, was man entdeckt. Genauer gesagt, ist der eigene Zweck etwas, was man basierend auf seiner Beziehung zur Realität erschafft. Ich würde es aber auch nicht wirklich freien Willen nennen. Es mag mehrere Optionen geben, aber nicht alle davon sind gleich gut.

Was benötigt man für eine intelligente Methode um seinen Zweck zu finden? Einen Prozess der Sinn macht, so dass man, wenn man seine endgültige Antwort gefunden hat, auch darauf vertrauen kann, dass man richtig liegt.

Wer sich jetzt fragt, warum es überhaupt wichtig ist, einen Zweck für sein Leben zu finden – der sollte folgenden Artikel lesen: Warum ist ein Sinn und Zweck wichtig?

Wie man auf intelligente Weise seinen Zweck findet

Ich werde zwei unterschiedliche Methoden vorschlagen, um seinen Zweck finden zu können. Idealerweise benutzt man beide, da jede Methode helfen wird, verschiedene Aspekte seines Zwecks zu verstehen. Das wird viel Arbeit, aber das Endergebnis wird es wert sein, weil man dann einen Punkt ungemeiner Klarheit erreicht. Danach wird es viel leichter sein, Entscheidungen zu treffen und Taten folgen zu lassen – und man wird feststellen, dass das Leben viel angenehmer wird, wenn man erst einmal seinen Zweck kennt.

Methode 1: Emotionale Intelligenz

Die erste Methode konsultiert die emotionale Intelligenz. Leidenschaft und Zweck gehen Hand in Hand. Wenn man seinen Zweck entdeckt, dann stellt man normalerweise fest, dass es etwas ist, für das man ungemein vie Leidenschaft aufbringt. Man wird emotional fühlen, dass es richtig ist.

Ich habe bereits einen Artikel zu dieser Methode geschrieben: Wie man in 20 Minuten den Sinn und Zweck seines Lebens entdeckt

Es gibt verschiedene mögliche Zwecke – aber welcher ist der Richtige?

Die Antwort, die man durch diesen Prozess findet, hängt allerdings stark davon ab, wie gut man Ideen erzeugen kann. Im Prinzip macht man folgendes: Man durchsucht den (Such-)Raum seiner möglichen Zwecke und bedient sich dabei der Heuristik seiner emotionalen Reaktion um festzustellen, wie nah man der Antwort ist. Eine Sache habe ich aber im originalen Artikel vergessen zu erwähnen: es ist notwendig, dass man sich über seinen allgemeinen Platz im Leben klar ist. Wenn man noch nicht diesen Level an Klarheit erreicht hat, dann wird man Probleme haben, diesen Prozess erfolgreich abzuschließen. Dann geht man das Problem aus dem falschen Kontext heraus an, so dass die potentiellen Antworten ebenso danebenliegen werden. Geht Müll rein, kommt auch Müll raus.

Um eine Analogie zu bemühen: Angenommen man schaut auf eine Karte der USA und versucht Las Vegas zu finden. Wenn man eine gute Karte hat, dann sollte das nicht lange dauern. Die Augen wandern auf die linke Seite (Westen) der Karte, wandern von Kalifornien wieder nach links zu Nevada und schon bald hat man Las Vegas im südlichen Teil entdeckt. Aber was, wenn man die gleiche Übung mit einer Karte der Staaten von 1870 macht? Jetzt ist es ein Problem, weil Las Vegas offiziell erst 1911 eine Stadt wurde. Also auf einer Karte von 1870 nicht zu finden. Man wird die Stadt nicht finden können, bis man erkennt, dass man auf eine ungenaue Karte blickt und sich eine aktuellere besorgt. So ähnlich ist das, wenn der persönliche Kontext kein gutes Abbild der Realität ist. Verzerrt durch zu viele falsche Überzeugungen und fehlerhafte Annahmen, wird man kaum fähig sein, einen bedeutungsvollen Zweck für sein Leben finden zu können – egal, welche Methode man anwendet. Er kann auf dieser Karte einfach nicht gefunden werden. Höchstwahrscheinlich wird man sich mit etwas zufrieden geben, was in der Nähe liegt, aber eben doch nicht ganz das Richtige ist. Man entscheidet sich vielleicht für Reno statt Las Vegas (Reno wurde 1868 zur Stadt, so dass man es auf der Karte von 1870 finden sollte).

Mein Ergebnis/Zweck mit dieser Methode war folgendes:

Bewusst und mutig zu leben, in Einklang mit Liebe und Mitgefühl, großartige Seelen in anderen zu erwecken und diese Welt in Frieden zu verlassen

Wenn man den letzten Artikel gelesen hat, dann wird man gewisse Muster in diesem Statement wieder erkennen, die im Zusammenhang mit meinen Konzept der Realität stehen:

  • Bewusst zu leben = Erkenntnis, benötigt für bewusstes, persönliches Wachstum
  • und mutig = Mut, eine Tugend; benötigt um persönliches Wachstum anzustreben
  • Einklang mit Liebe = Bedingungslose Liebe, was kein Gefühl ist, sondern eher ein Sinn für Verbundenheit mit allem, das existiert – was impliziert, dass die Arbeit an meinem eigenen Wachstum und dem Helfen Anderer dabei, miteinander kompatibel sind
  • und Mitgefühl = eine weitere Tugend, die dabei hilft seinen Mut zu zügeln
  • großartige Seelen in anderen zu erwecken = anderen dabei zu helfen, ein höheres Level an Bewusstsein/Erkentnis zu erreichen, was ihnen ermöglicht, ihr persönliches und bewusstes Wachstum voran zu treiben
  • und diese Welt in Frieden zu verlassen = das hat eine doppelte Bedeutung:
    1. Welt in Frieden = keinen Schaden anrichten, daran zu arbeiten, das Leben zu verbessern anstatt es zu zerstören, ein Erbe zu hinterlassen
    2. in Frieden zu verlassen = keine Reue, im Bewusstsein, dass ich mein Bestes gegeben habe und nicht mehr von mir zu erwarten war, innerer Frieden

Falls man es noch nicht gemacht hat, dann empfehle ich, diese beiden Artikel zu lesen, die dabei helfen, sich mit seinem allgemeinen Kontext zu identifizieren, indem man auch seinen Zweck definieren wird:

Methode 2: Rationale Intelligenz

Bei der zweiten Methode verwendet man seinen Vernunft und Logik um aus seinen Kontext heraus an sein Ziel zu gelangen. Je klarer und genauer der persönliche Kontext ist, desto leichter wird das sein.

Um seinen Zweck zu identifizieren, projiziert man seine komplette Vorstellung der Realität auf sich selbst. Wo gehört man hin – ausgehend von seinem aktuellen Verständnis der Realität? Wenn man sich dem sozialen Kontext verschrieben hat, den die meisten Menschen anscheinend verwenden, dann wird das praktisch unmöglich sein. Die Gründe dafür stehen im vorangegangen Artikel. Soziale Kontexte bringen einfach nicht die benötigte Klarheit mit sich. Im besten Fall findet man einen schmächtigen Zweck, der nur die Grundlagen wie Geld verdienen, eine Familie grüunden, Freunde haben und nett sein, umfasst. Aber er wird keine echte Substanz beinhalten. Wenn man ihn anderen zeigen würde, dann wären diese danach nicht schlauer, wer man eigentlich ist.

Verschwommener Kontext, verschwommene Projektion, verschwommener Zweck.
Klarer Kontext, klare Projektion, klarer Zweck.

Da mein Kontext der Realität darauf basiert, das Leben als einen Prozess kontinuierlicher Evolution zu sehen (und ich verwende den Begriff “Evolution” schlicht im Sinne von Wachstum und Veränderung, nicht im strengen biologischen Sinn der natürlichen Auslese), führt es mich zu seinem sehr simplen Ergebnis, wenn ich ihn auf mich selbst projiziere. Ich bin ein Teilnehmer im Prozess des Wachstums und der Veränderung.

Das ist eine so einfache Herangehensweise, dass man es leicht übersehen kann. Alles, was man wirklich macht, ist, seinen allgemeinen Kontext des Lebens zu betrachten und dessen Qualitäten auf sich selbst zu projizieren. Die Projektion wird der persönliche Zweck; die Rolle, die man im Leben spielt.

Stellen wir uns ein Hologramm vor. Wenn man ein Stück davon abschneidet, dann ist das komplette, originale Bild immernoch in diesem kleineren Stück enthalten. Die Realität ist ein großes Hologramm und man selbst ist ein Teil davon. Man erbt alle Eigenschaften der Realität. Die Meinungen, die man über die Realität hat, werden zu Meinungen über sich selbst. Wenn die Ansichten genau sind, dann bekommt man auch einen sinnvollen, machbaren Zweck.

Diese Methode hilft auch dabei, Probleme im persönlichen Kontext zu identifizieren, da man merken wird, dass etwas nicht stimmt, wenn man eine falsche Ansicht auf sich selbst projiziert.

Nehmen wir an, der eigene Kontext der Realität ist, was auch immer die katholische Kirche lehrt. Wenn man dann diesen Kontext auf sich selbst projiziert, dann wird man denken, dass der Zweck der Dienst an Gott ist, der Kirche in religiösen Dingen zu gehorchen und zu versuchen, wie Jesus zu werden.

Wenn man einen Null-Kontext der Realität (Nihilismus) hat, dann findet man auch keinen Sinn und Zweck. Wenn man nichts auf X projiziert, dann bekommt man nichts.

Wenn man den Zweck nicht mag, den man bekommt, wenn man diese Methode anwendet, dann bedeutet das in Wahrheit, dass man den verwendeten Kontext nicht mag. Das ist ein Konflikt, der gelöst werden muss. Man muss entweder den Kontext akzeptieren und den Zweck, den er mit sich bringt – oder man muss den Kontext ändern.

Beide Methode kombinieren

Ich denke, es ist hilfreich, beide Methoden zu verwenden um seinen Zweck zu definieren, damit man sieht, wohin sie führen. Wenn der Kontext stimmig ist, dann sollte man mit beiden Ansätzen kongruente Antworten bekommen. Die emotinale und rationale Intelligenz werden sich jeweils anders ausdrücken, aber man sollte feststellen, dass es im Prinzip das Gleiche ist. Aber in den meisten Fällen wird das nicht der Fall sein – die Antworten fallen unterschiedlich aus und das bedeutet, dass der persönliche Kontext inkongruent ist. Rational sieht man die Realität auf die eine Weise, aber man fühlt sie auf eine andere. Vielleicht hat man religiöse Überzeugungen, aber folgt diesen nur sporadisch – sie sind nicht wirklich ins Leben integriert. Man spürt vielleicht in seinem Herzen, dass die Überzeugungen richtig sind, aber man denkt nicht immer an sie. In diesem Fall muss man das Missverhältnis identifizieren, herausfinden, wo es herkommt und es solange bearbeiten, bis beide Seiten zustimmen oder man sich im Klaren ist, welche Seite recht hat. Das Bewusstsein hört der emotionalen und der rationalen Seite zu und agiert als Unterhändler zwischen beiden.

Zum Beispiel, wenn man emotional spürt, dass es der Zweck ist, eine Art Künstler oder Musiker zu sein, aber rational denkt man, dass man bedürftigen Leuten helfen sollte, dann muss man sich damit auseinandersetzen und den Kontext nach seiner Meinung fragen. Es wichtig, immer daran zu denken, dass der Kontext die Menge der persönlichen Ansichten über die Realität ist. Wenn man so einen Konflikt entdeckt, dann spricht das üblicherweise für Lücke im persönlichen Kontext – eine unscharfe Region, die man noch nicht erforscht hat. In diesem Fall stellt man vielleicht fest, dass man gemischte Gefühle bezüglich des tatsächlichen Werts von Kunst und Musik hat. Teilweise sieht man es als Dienst am Menschen und teilweise als eine relative Zeitverschwendung, verglichen mit anderen Karrieremöglichkeiten. Man muss sich entscheiden, was der präzisere, ermächtigerende Standpunkt ist. Man muss die Lücke in seinem Kontext schließen. Der letzte Artikel erläuert, wie man das macht.

Das kann ein längerer Prozess werden, wenn man nur ein sehr ungenaues Konzept der Realität hat oder man zuviele innere Konflikte mit sich rumträgt. Für viele Menschen bedeutet das, dass man Unstimmigkeiten ausreißen und Lücken im Kontext bewusst schließen muss. Es wird dann eine lange Zeit dauern, bis man genug korrigiert hat, um ausreichend Klarheit zu gewinnen, damit man seinen Zweck exakt definieren kann.

An diesem Punkt wird der persönliche Zweck vermutlich sehr abstrakt und wenig fassbar sein, weswegen wir uns im nächsten Artikel damit beschäftigen, wie man ihn auf Ziele, Projekte und Taten herunterbricht.