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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Der Sinn des Lebens:
Wie sollen wir leben?

Griechenland und seine Philosophen

Der Sinn des Lebens (6-teilige Serie)

Das ist der zweite der Artikelserie. Alle Artikel auf einen Blick:

  1. Einleitung
  2. Wie sollen wir leben?
  3. Seinen Zweck finden
  4. Vom Zweck zur Tat
  5. Der Übergang
  6. Bewusste Evolution

Wie sollen wir leben? Wofür sollen wir überhaupt leben? Wie können wir das Richtige vom Falschen unterscheiden? Gibt es einen vernünftigen Weg diese Fragen zu beantworten, bei dem man nicht auf blinden Glauben zurückgreifen muss?

Befragen wir die alten Griechen dazu

Sokrates

Die Menschen versuchen schon seit Tausenden von Jahren diese Fragen zu beantworten. Einer von ihnen war Sokrates (469-399 v. Chr.). Einer seiner größten Erfolge, war die Idee, die Überzeugungen seines Gegenübers durch ein Kreuzverhör eingehend zu prüfen, was als Dialektik bekannt wurde. Dazu gehörte das Stellen und die Beantwortung forschender Fragen um an einen Punkt zu gelangen, den man als wahr annehmen konnte. Im Prinzip spielte er den Advocatus Diaboli und forderte die Leute dazu heraus, das zu rechtfertigen, was sie behaupteten zu wissen.

Zum Beispiel gibt es die Anekdote, wo Sokrates einen jungen Mann trifft, der vor Gericht zog um seinen Vater wegen Pietätslosigkeit anzuklagen. Als Sokrates davon hörte, erkannte er an, dass der Mann ein mutmaßlicher Experte für Frömmigkeit sein müsse, denn man muss schon ein Frömmigkeitsexperte sein um seinen eigenen Vater der Pietätslosigkeit anklagen zu können. Dann bittete Sokrates demütig den Mann darum, Frömmigkeit für ihn zu definieren, da er behauptete, dieses Konzept nicht zu kennen. Der Mann versuchte mehrfach vergebens es zu definieren und Sokrates hielt immer eine einfache und nicht abstreitbare Erklärung dagegen, warum jede angebotene Antwort nicht gültig sein könnte.

Man kann sich gut vorstellen, dass Sokrates letztendlich das Establishment so genervt und sich eine Todesstrafe eingehandelt hat. Er hätte dem entkommen können, aber er entschied sich in Athen zu bleiben und das Gift zu nehmen. Sokrates hatte enormen Respekt vor dem Gesetz, auch wenn das bedeutete sein eigenes Leben opfern zu müssen, um seinen Prinzipien treu zu bleiben. Als ich von seinem Leben las, da konnte ich nicht anders, als einen riesigen Respekt vor ihm und seiner Philosphie des Lebens zu haben.

Aristoteles

Ein weiterer Philosoph, der einen bedeutenden Beitrag zu der Frage, wie man leben sollte, geleistet hat, war Aristoteles (384-322 v. Chr.), der unter Plato studierte, welcher wiederum unter Sokrates studiert hatte. Der junge Aristoteles entwickelte Platos Ideen bezüglich der Natur der Realität weiter, aber ging schließlich in eine neue Richtung und widmete sich dem Problem, wie man sein Leben führen sollte.

Aristoteles beste Antwort, wie man leben sollte, war das Konzept der Eudaimonie. Es bedeutet soviel wie “Glücklichkeit” oder “Menschliches Aufblühen”. Persönlich würde ich es als “Erfüllung” übersetzen, auch wenn das nicht wirklich perfekt passend ist. Eudaimonie ist ein Prozess, ein rechtschaffendes Leben zu führen, kein fixer Zustand des Seins. Es ist nicht wirklich ein Gefühl, wie “Glücklichkeit” suggeriert. Aristoteles kam zu dieser Antwort, weil er feststellte, dass Eudaimonie das einzige potentielle Ziel im Leben war, dass man als einen Selbstzweck betrachten konnte, anstatt als nur ein Mittel zu einem anderen Zweck. Ich denke, das ist der Grund, das “Glücklichkeit” eine der beliebtesten Übersetzungen ist, weil das Glücklichsein ein Selbstzweck ist und nicht für etwas anderes gedacht ist.

Aristoteles war daran interessiert, einen Weg zu finden, wie man richtig lebt, wenn soetwas überhaupt existiert. Seine Antwort Eudaimonie besteht aus zwei Hauptkomponenten: Tugendhaftigkeit und Beschaulichkeit. Das Hauptproblem ist – um diese Tugenden entdecken zu können – muss man Leute betrachten und analysieren, die scheinbar erfolgreich und rechtschaffend sind. Wie sich herausstellte, zeigte das Verhalten solcher Leute einen gewissen Grad an Integrität, Ehre, Mut, Ehrlichkeit, Rationalität, Fairness, usw. Das ist nicht nur eine persönliche Ansicht, die man an sich selbst zugesteht – solche Werte können von außen festgestellt werden, so dass Aristoteles hier seinen Versuch, einen semi-objektiven Standard für das richtige Leben zu finden, weiter verfolgen konnte. Wie Sokrates wurde Aristoteles zum Tode verurteilt, aber er entschied sich aus Athen zu fliehen und im Exil zu leben. (Ich kann euch sagen, ich bin ungemein froh darüber, in einer Gesellschaft zu leben, in der das Philosophieren aktuell nicht mit dem Tode bestraft wird.)

Das Hauptproblem, was ich in Aristoteles’ aufschlussreichem Versuch, diese Frage zu beanworten, sehe, ist, dass die Lösung irgendwie zirkulär ist. Um gut zu leben, muss man rechtschaffend leben, Zeit mit Selbstreflektion verbringen und sich selbst studieren, aber woher weiß man, nach welchen Kriterien man die Tugenden auswählen soll oder wie entscheidet man, was man genauer studieren sollte? Wir müssen dazu im Endeffekt Menschen finden, die gut leben und erfolgreich sind – oder wie in Aristoteles’ Zeit, als empfohlen worde, zu versuchen, es den Göttern gleich zu tun, da sie offensichtlich ganz gut leben. Das ist ähnlich gewisser, aktueller Religionen, die ein Modell für Tugenden anbieten, das man nachahmen soll. Aristoteles beantwortet aber eine Schlüsselfrage nicht: Was ist das bestmögliche Leben, dass man leben könnte? Eudaimonie deutet einen Weg zur Beantwortung dieser Frage an, aber es bleiben dennoch klaffende Löcher.

Nach Aristoteles haben viele andere sich mit der Frage, wie man leben sollte, beschäftigt. Jede Religion hat ihre eigene Antwort. Manche Leute sagen, es gibt keine Antwort, das die Antwort nicht wichtig ist, das die Antwort unmöglich für uns entdeckbar ist oder das die Antwort einfach eine Frage der persönlichen Entscheidung ist. Die schlimmste Antwort ist aber das, was die meisten Leute machen – die Frage komplett zu ignorieren.

Seinen persönlichen Kontext wählen

Wofür sollen wir leben? Wohlstand? Macht? Dienst für andere? Langlebigkeit? Vernunft? Liebe? Glauben? Familie? Gott? Tugenden? Glücklichkeit? Erfüllung? Komfort? Zufriedenheit? Integrität? Werfen wir einen Blick auf diese Liste. Es stehen hunderte Werte zur Auswahl.

Es ist wichtig eine globale Entscheidung darüber zu trefen, wie wir unser Leben leben wollen, da diese Entscheidung den Kontext für alles, was wir machen, bereitstellt. Wenn man seinen Kontext nicht wählt, dann bekommt man den üblichen, durchschnittlichen Kontext verpasst, was bedeutet, dass man sich im Endeffekt von anderen seinen Kontext diktieren lässt. Um es mal übertrieben zu verallgemeinern, dann ist das in den USA ein größtenteils kommerzieller/materialistischer Kontext. Man soll sich einen Job suchen, eine Familie gründen, etwas Geld sparen und in Ruhestand gehen. Sei ein guter Bürger und mach nicht zuviel Ärger. Aber mach auch nichts wirklich Bedeutendes. Sei ein gutes Zahnrad im Getriebe. Andere Kulturen haben ihre eigenen durchschnittlichen Kontexte. Die meisten Menschen nehmen diesen, mit nur geringen individuellen Änderungen, einfach an.

Den kulturellen Standardkontext zu wählen, ist das Schlechteste was man machen kann. Betrachten wir das einfache Beispiel “Demokratie vs. Diktatur”. In einer Demokratie ist niemand wirklich für den kulturellen Kontext im Ganzen verantwortlich, wodurch die meisten üblichen Kontexte als ein Mischmasch verschiedenster Puzzlestücke enden, die im Großen und Ganzen kaum zusammen passen. Das führt üblicherweise zu Verwirrung und Mittelmäßigkeit. So eine Gesellschaft bietet nur eine sehr verschwommene Auffassung darüber, wie man leben sollte – wie z.B. einen Job zu kriegen, eine Familie zu haben, sich von Ärger fern zu halten und still und leise in den Ruhestand zu gehen. Wenn man einen Amerikaner fragt, was es heisst, dass bstmöglichste Leben zu leben, dann wird man eine Menge unterschiedlicher Antworten bekommen. Und die meisten davon werden ziemlich undeutlich und unfokussiert sein – die Art von Antworten, die Sokrates problemlos auseinander flücken würde.

Falls man in einer Kultur lebt, wo der Kontext bewusst vorgegeben wird, dann muss man sich sorgen, wer denn diesen vorgibt, was ihre Motive sind und ob man ihnen trauen kann. In einer ausgeprägten Diktatur findet man üblicherweise einen fokussierteren Kontext als in einer Demokratie. Wenn man jemand zu Zeiten Nazi-Deutschlands gefragt hätte, was es heisst, sein Leben bestmöglich zu führen, dann wette ich, wären die Antworten deutlich homogener und eingeschränkter ausgefallen. Aber das Problem ist natürlich, dass solche Kontexte meist darauf ausgelegt sind, die Mächtigen auch weiter an der Macht zu halten. Es gibt hier mehr Druck konform zu bleiben. Auf lange Sicht gesehen, wird so eine Art Kontext aber wohl eher zu Desillusionierung, Gefühlslosigkeit oder Fanatismus führen.

Lässt man sich seinen Kontext also von der Gesellschaft vorschreiben (genau das passiert, wenn man keine bewusste Wahl trifft), dann endet man höchstwahrscheinlich mit einem sehr unscharfen und unfokussierten Kontext oder einem, der sich auf die falsche Sache konzentriert. So oder so – keine tolle Wahl. Und gewiss nicht die optimale Wahl. So ein Kontext wird einem nicht genug Orientierung bieten, um sein Leben richtig leben zu können. Man wird eine Menge Zeit damit verbringen, durch das Leben zu stolpern oder viele Fehler machen, die einem später lange nachhängen werden.

Letztendlich muss man seinen eigenen Kontext wählen, wenn man dem für sich “bestmöglichen Leben” näher kommen will. Man kann nicht einfach den Standardkontext seiner Gesellschaft übernehmen und versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wenn man versucht, sich anzupassen, dann verschwendet man sein Leben – verglichen mit dem, was man hätte haben können, wenn man einen besseren Kontext gewählt hätte.

Also verdammt nochmal, wie sollen wir herausfinden, wie wir leben sollen? Einfach raten und auf das Beste hoffen? Gibt es einen rationalen, vernünftigen Weg um so eine schwere Entscheidung treffen zu können?

Ich kann diese Entscheidung nicht für dich treffen, aber ich kann erläutern, wie ich sie für mich getroffen habe – wie ich letztendlich eine Antwort gefunden habe, die mich sehr befriedigt hat. Ich denke, ein Teil meiner Antwort ist recht persönlich, aber ein anderer Teil ist universell auf uns alle anwendbar.

Tugenden leben

Als ich erwachsen wurde und ernsthaft anfing, über die Frage, wie man leben sollte, nachzudenken, blieb ich zum ersten Mal richtig stecken, als ich den Punkt erreichte, an dem Aristoteles aufgehört hat. Anfang und Mitte 20 arbeitete ich viel daran, tugendhaft zu leben. Für mich war das bestmögliche Leben, ein möglichst tugendhafter Mensch zu werden: Ehre, Integrität, Mut, Mitgefühl, usw. Ich erstellte eine Liste mit den Tugenden, die ich erreichen wollte und begann Übungen zu erfinden, die mir bei ihrer Entwicklung helfen sollten. Benjamin Franklin hat etwas sehr Ähnliches gemacht – wie ich in seiner Autobiographie gelesen habe – und wählte jede Woche eine Tugend aus, auf die er sich konzentrierte, um seinen Charakter weiter zu formen.

Seltsamerweise gab es ein bestimmtes Computerspiel, in das ich mich während dieser Zeit total verliebt habe – Ultima IV. Auch heute noch würde ich sagen, dass es mein absolutes Lieblingsspiel ist. In diesem Rollenspiel ist man der Avatar, auf der Suche nach Wahrheit. Das Ziel ist nicht einen Feind zu vernichten, sondern etwas zu erreichen, was der “Kodex der ultimativen Weisheit” genannt wird. Um dieses Ziel erreichen zu können, muss man seinen Charakter entsprechend der acht Tugenden entwickeln. Alle dieser Tugenden leiten sich von den acht möglichen Kombinationen von Weisheit, Liebe und Mut her:

  1. Wahrheit = Ehrlichkeit
  2. Liebe = Mitgefühl
  3. Mut = Tapferkeit
  4. Wahrheit + Liebe = Gerechtigkeit
  5. Wahrheit + Mut = Ehre
  6. Liebe + Mut = Aufopferung
  7. Wahrheit + Liebe + Mut = Spiritualität
  8. Die Abwesenheit von Wahrheit, Liebe und Mut ist Stolz, dessen Gegenteil Demut ist.

Ich fand dieses System der Tugenden absolut brilliant, insbesondere da es aus einem Spiel ist. Jahre später, traf ich endlich Richard Garriott, den Designer der Ultima-Reihe auf der Electronics Entertainment Expo (E3). Ich fragte ihn, wie er auf dieses System gekommen ist und wie er die Tugenden ausgewählt hatte. Er erzählte mir, dass er anfangs eine lange Liste beim Brainstorming aufschrieb und dann begann, gewisse Muster darin zu erkennen, wie diese Tugenden zueinander in Beziehung standen.

So seltsam es auch ist, dass ich diese Erkenntnisse durch ein Spiel gewonnen habe, so sehe ich ein tugendhaftes Leben auch heute noch ziemlich ähnlich. Ein Leben, wo diese acht Tugenden durch Überlappung der Ausgangsmenge von Wahrheit, Liebe und Mut gewonnen werden. Bei der Kombination dieser drei “Grundtugenden” empfinde ich aber “Integrität” als passender – statt “Spiritualität”. Ultima V erforschte später das Gegenteil davon; also die Laster, die man aus Falschheit, Hass und Feigheit ableiten kann. Leider hat die Ultima-Reihe danach ziemlich an Reiz verloren und ihre besondere Seele verloren. Ich hätte zu gern gesehen, wie man diese Idee der Tugenden weiterentwickelt hätte.

Ich habe mich sehr stark daran orientiert, als ich 1994 Dexterity Software gegründet habe. Ich gab mein Bestes um diesen Tugenden gerecht zu werden und integrierte sie in die Firma, soweit es nur ging. Ein Beispiel: In den knapp 6 Jahren, in denen Dexterity monatliche Honorarzahlungen verschickt hat (das waren insgesamt viele Hunderte), ging nicht ein einziger Scheck zu spät raus – auch nicht um einen Tag. Ich kennen keinen anderen Spiele-Publisher, der von sich dasselbe behaupten könnte – zumindest nicht die, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Diese Verpflichtung war für mich eine Frage der Ehre und mein persönliches Konzept von Tugendhaftigkeit war in meine Firma integriert. Ehre war mir immer wichtiger als Profit… und ist es auch immer noch.

Der Nachteil meiner Versuche möglichst tugendhaft zu leben, waren Leute, die es ausnutzten und deutlich machten, dass Tugendhaftigkeit keine von ihren Stärken war. Unglücklicherweise ist die Spieleindustrie voll von solchen Leuten, insbesondere, wenn es um größere Mengen Geld geht. Ich war darauf vorbereitet, mit Leuten Geschäfte zu machen, denen Ehre wichtig ist, aber musste leider feststellen, dass es davon nicht allzu viele gab. Viel zu vielen Leuten war Geld einfach wichtiger als persönliche Ehre. So schwamm ich gegen den Strom. Aber dennoch ziehe ich meine Wahl der Alternative vor.

Ich versuchte tugendhaft zu leben, aber nach und nach begannen die inneren Konflikte zuzunehmen. Daran waren aber nicht die Tugenden an sich schuld, sondern eher meine beschränkte Kapazität um in vollem Einklang mit ihnen zu leben. Mein tagtägliches Leben verlief recht tugendhaft, aber wie sah es im Ganzen betrachtet aus? Wie sah es zum Beispiel damit aus, eine Spielefirma zu leiten, mit dem Zweck die Menschen zu unterhalten? War das tugendhaft genug? Ich begann mich mehr unter Druck zu setzen; nach einem höheren Ideal zu streben. Ich arbeitete zwei Jahre freiwillig als ein Repräsentant der Association of Shareware Professionals (es gab kein Gehalt). Ich schrieb eine Menge kostenloser Artikel. Ich gab bereitwillig Ratschläge und coachte kostenlos viele Leute. Ich sprach kostenlos auf Konferenzen. Ich verlangte von mir mehr Aufopferung zum Vorteil anderer. Ich liess einige Möglichkeiten vorbeiziehen, mehr Geld zu verdienen und verfolgte stattdessen andere Optionen, wo ich etwas zurückgeben konnte.

Ich konnte spüren, dass das eine Verbesserung für mich darstellte, aber es schien noch nicht genug zu sein. Ich fühlte mich immernoch nicht, als wäre ich nah am Optimum – also bezüglich meiner Fähigkeit ein tugendhaftes Leben führen zu können. Anfangs dachte ich, so wäre schlicht die Natur des Lebens – das es ein lebenslanger Kampf sein würde. Aber bald fühlte ich mich unwohl; irgendetwas war nicht richtig. Jahrelang fand ich nicht heraus, was es war – also blieb ich einfach bei dem, was ich wusste. Ich war an denselben Punkt gelangt, den wohl auch Aristoteles erreicht hatte. Der Punkt, der verhinderte, dass er die Antwort auf die Frage “Was ist das bestmögliche Leben?” finden konnte. Ich wusste, es ist etwas anderes, als was ich jetzt habe, aber ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte.

Was ist das bestmögliche Leben?

Schließlich fand ich einen anderen Weg um mich dem Problem, wie man leben sollte, zu nähern. Ich frage mich

“Warum ist es überhaupt eine so komplizierte Frage? Was ist so schwierige daran?”

Das brachte mich zu einer neuen Sichtweise, die mich schnell zu einer weiteren Frage führte:

“Was müsste sich ändern, damit sich diese Frage leichter beantworten lässt?”

Bingo.

Mir wurde plötzlich klar, warum diese Frage sich so hartnäckig einer Antwort verweigerte. Um sie präzise beantworten zu können, müsste ich alles wissen. Ich müsste Gott sein.

Seien wir ehrlich – unsere menschliche Intelligenz ist limitiert. Unsere Technologie ist ein Beweis dafür. Mein PC ist besser in Arithmetik als ich. Diese winzige CPU kann eine Menge Aufgaben erledigen, die mein viel größeres Gehirn nicht packt. Meine Festplatte enthält mehr Daten, als ich mir in meinem Leben jemals merken könnte. Natürlich gibt es auch Bereiche, wo mein Hirn die CPU schlägt, aber der Punkt ist, das es doch deutliche intellektuelle Grenzen gibt, was unsere Weichmasse zu leisten im Stande ist.

Ich stellte mir eine Menge interessanter Fragen um eine neue Sichtweise zu finden. Kann der Geist seine eigenen Grenzen erkennen? Wenn superintelligente Aliens auf die Erde kommen würden – was würden sie als Grenzen der menschlichen Intelligenz sehen und wo würden sie diese wahrnehmen? Was kann man Gehirn eindeutig NICHT leisten?

Was, wenn ich deutlich intelligenter wäre, als ich es jetzt bin? Würde ich anders leben? Welche Bereiche meines Lebens würde ein intelligenterer Mensch als dumm, unnötig oder schädlich ansehen? Wenn ein intelligenteres Wesen versuchen würde mein Leben zu optimieren – da es meine intellektuellen Grenzen deutlich wahrnehmen kann – was würde es ändern? Wie würde ich das Leben eines Gorillas oder einer Maus optimieren, wenn ich mit ihnen kommunizieren könnte? Was nehme ich als deren intellektuelle Grenzen wahr? Was wäre das bestmögliche Leben für diverse andere Spezies?

Und viele, viele weitere solcher Fragen.

Was schließlich passierte, war eine Veränderung meines Kontexts. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, tatsächlich an die Grenzen meiner Intelligenz zu stoßen. Ich konnte wahrnehmen, wo sich die Wände befinden. Einige dieser Grenzen waren offensichtlich, wie z.B. die Grenzen beim Kopfrechnen, bei der Gedächtnisleistung und der Geschwindigkeit. Aber ich begann auch andere Grenzen zu sehen. Wieviele unterschiedliche Konzepte kann ich zeitgleich im Kopf behalten? Wie genau kann ich die Zeit, Temperatur oder das Gewicht wahrnehmen – ohne ein Meßgerät? Wieviele Problemlösetechniken kenne ich wirklich und was sind ihre Stärken und Schwächen?

Ich begann das Gehirn etwas genauer zu studieren und verglich meine wahrgenommen, mentalen Grenzen mit dem, was über die physische Struktur des Hirns bekannt war. Die aktuellesten Forschungen auf diesem Gebiet sind absolut faszinierend. Mit Hilfe von Medikamenten kann man jemand das Bewusstsein rauben. Durch die elektrische Stimulation eines Neuronenbündels kann man eine Erfahrung induzieren, die das Testsubjekt als spirituell bezeichnen würde (Knopfdruck-Spiritualität?). Man kann einer Person chirurgisch die Fähigkeit zum Klavierspielen nehmen.

Als ich ein größeres Verständnis für die menschliche Intelligenz entwickelte, wurde mir klar, dass es das größte Problem ist – bezüglich der Frage, wie man leben sollte – das die Antwort eine weitaus höhere Intelligenz erfordert, als wir momentan besitzen. Um wissen zu können, was das bestmögliche Leben ist – was mathematisch gesehen ein Optimierungsproblem ist – müsste man wissen, wie alle möglichen Varianten aussehen. Und das erfordert eine so große Menge an Daten, die wir unmöglich verarbeiten können.

Angenommen es gibt nur eine Million unterschiedlicher Varianten, wie man sein Leben leben könnte. Um die Beste auswählen zu können, muss man sich jede davon ansehen, ein paar Kriterien überprüfen und dann die mit der höchsten Punktzahl auswählen. Dabei gibt es drei große Probleme.

Das erste Problem ist, dass es viel zu viele Möglichkeiten gibt. Das zweite Problem ist, dass man die Zukunft akkurat hervorsagen können muss, um wissen zu können, wie jedes Leben weiter verläuft. Und das dritte Problem ist, dass man sich Kriterien zur Bewertung einfallen lassen muss. Die ersten beiden Probleme sind zur Zeit offensichtlich unlösbar, aber was ist mit dem dritten?

Das dritte Problem ist praktisch das, was Aristoteles zu lösen versuchte – die Bewertungskriterien. Tugendhaftes Leben ist eine mögliche Antwort, aber immernoch etwas ungenau.

Hier sind wir nun auf ein paar ernsthafte Probleme gestoßen. Als erstes haben wir einen Suchraum mit möglichen Lösungen, der viel zu groß ist, um komplett erforscht zu werden. Er ist so groß, dass wir ihn nicht einmal in seiner Gesamtheit wirklich verstehen können. Und zweitens müssen wir Bewertungskriterien finden, um auf eine intelligente Weise jede der Optionen miteinander vergleichen zu können. Und diese Kriterien dürfen nicht zu sehr von der unbekannten Zukunft abhängen.

Die Suche beginnt

Auf der Suche nach dem höchsten Gipfel

Widmen wir uns dem ersten Problem – dem des gigantischen Suchraums. Zuerst einmal ist das Finden einer optimalen Lösung praktisch unmöglich. Also ist die wahre Antwort, auf die Frage, wie man am besten lebt, nicht findbar. Wir sind noch nicht schlau genug, um sie finden zu können. Das ist nicht sehr befriedigend, aber es hilft uns dennoch etwas weiter. Nun stehen wir vor der Frage:

“Wie nähern wir uns der optimalen Lösung an?”

Glücklicherweise kennt die Mathematik die Antwort auf diese Frage: Heuristiken. Eine Heuristik ist eine Regel, die dabei hilft einen Suchraum zu erkunden, um sich der optimalen Lösung zu nähern, wenn man weiß, dass man nicht den kompletten Raum betrachten kann. Ein Beispiel hierfür: Bergsteigen.

Stellen wir uns eine große 3D-Karte vor, die es zu erkunden gilt, auf der Suche nach dem höchsten Punkt. Beim Bergsteigen startet man an einem zufälligen Punkt auf der Karte und sorgt einfach dafür, dass man mit jedem Schritt ein Stück bergauf geht. Wenn man nicht mehr höher steigen kann, dann hat man eine Spitze gefunden – ein lokales Maximum. Ohne die Karte weiter zu erforschen, kann man nicht sicher sein, dass der letzte Hügel auch der höchste auf der Karte war. Also erforscht man die Karte weiter, indem man an anderen Punkten erneut startet und die gleiche Bergsteiger-Heuristik anwendet. Bevor man nicht die ganze Karte erforscht hat, kann man nicht sicher sein, dass man das globale Maximum (den höchsten Berg) gefunden hat, aber je mehr man erforscht, desto sicherer wird man.

Was bedeutet das nun für uns Menschen? Es schlägt einen Ansatz wie beim Bergsteigen vor. Eine Zeitlang testet man einen Weg zu leben und dann versucht man sich zu verbessern, in dem man “aufsteigt”. Man optimiert ein paar der Parameter um es besser zu machen. Angenommen, man versucht Gewicht zu verlieren, mehr Geld zu verdienen oder seine Beziehungen zu verbessern – eins oder alles davon mag man als einen Schritt “bergauf” ansehen. Und man geht einfach solange bergauf, bis es nicht mehr weiter geht.

Natürlich ist das Problem mit diesem Ansatz der Natur einer Heuristik geschuldet – man kann in einem lokalen Maximum stecken bleiben, dass weitaus kleiner als das mögliche globale Maximum ist. Die Spitze, auf die man sich zu bewegt, mag verglichen mit dem Rest nur ein Maulwurfhügel sein. Ein weiteres Problem ist, dass es mehr als das ganze Leben dauern kann, auch nur einen Hügel zu erklimmen. Vielleicht stirbt man, bevor man mit diesem Ansatz wirklich etwas erreicht.

Ahh, aber als menschen haben wir ein machtvolles Werkzeug auf unserer Seite, dass dieses Problem etwas überschaubarer macht – Vorstellungsvermögen. Wir müssten nicht alle Permutationen physisch austesten. Wir können sie im Geist ausprobieren. Aber das wird nur gut funktionieren, wenn unsere mentale Karte der Realität die echte Welt relativ genau abbildet. Mit anderen Worten wäre es besser, wenn unsere Simulation ziemlich genau an die Realität herankommt oder unsere Schätzungen liegen so stark daneben, dass die Erkenntnisse wertlos sind.

Wer erinnert sich an Selbstdisziplin: Akzeptanz? Um hier erfolgreich sein zu können, muss man die Realität so akzeptieren, wie sie sich einem bietet. Das gilt für alles; egal was sie über uns offenbart und wie unwillig wir sind, es sehen zu wollen. Sonst ist unsere Simluation voll von Fehlern. Dinge, die in unserer Fantasie funktionieren und in der realen Welt scheitern.

Je genauer unser mentales Modell der Realität ist, desto größer ist unsere Fähigkeit auf intelligente Weise die möglichen Wege durch das Leben einzuschätzen. Das bedeutet, dass man sich selbst kennen muss – in all seiner Nacktheit, sowohl das Gute, das Schlechte und das Hässliche. Man muss ein tiefes Verständnis für seine eigene Natur entwickeln, so wie man wirklich ist. Das schlägt den Bogen zum letzten Artikel, wo es darum ging, seine Ansichten bzw. Überzeugungen mit seinen Taten in Einklang zu bringen. Man muss innerlich kongruent sein oder die Simulationen werden nur Müll produzieren, dem man nicht vertrauen kann.

Ich bin mir nicht sicher, ob jeder fähig ist, das wirklich gut hinzubekommen. Es wird ein hoher Grad an Intelligenz und Konzentration benötigt, um sich vorstellen zu können, wie es wäre ein alternatives Leben zu leben und es objektiv zu bewerten. Aber mehr haben wir nicht. Wir können nur unser Bestes geben.

Ich denke, die optimale Lösung wäre, sich verschiedene Varianten, wie man sein Leben führen könnte, möglichst bildhaft vorzustellen und die jeweiligen Stärken und Schwächen einzuschätzen. Wenn man eine gewisse Zahl an Varianten durchprobiert hat (und ich weiß nicht, wieviele genug sein werden – je mehr, desto besser), dann wählt man eine davon aus und beginnt sie zu leben. Währenddessen bleibt man offen für weitere (gedanklich durchlebte) Varianten und wenn man eine finden sollte, die besser als die aktuelle ist, dann wechselt man zu dieser neuen, “höheren” Lebensweise.

Wie vergleicht man ein Leben mit einem anderen?

Sehen wir uns nun die Bewertungskriterien näher an. Was bedeutet “bergauf”? Wie vergleichen wir die Leben miteinander?

Viele Menschen haben versucht eine Antwort auf diese Frage zu finden. Eine der beliebtesten Antworten in der Selbsthilfe-Szene beschäftigt sich mit dem Glücksgefühl. Und wird gesagt, wir sollen das machen, was uns am glücklichsten macht. Freude suchen. Schmerz vermeiden. So ziemlich alles, was ich über Persönlichkeitsentwicklung gelesen habe, beschreibt eine Variation von Glück als das ultimative Ziel im Leben.

Aber ich glaube, dass man sich mit dieser Antwort um die Wahrheit drückt. Glück ist ein nur ein Gefühl. Und mein ganzes Leben in den Dienst der Suche und Beibehaltung eines bestimmten Gefühlszustandes zu stellen, ist eindeutig suboptimal. Zum einen, bin ich emotional sehr belastbar und es braucht nicht viel um mich glücklich und zufrieden zu machen. Glück und Wohlbefinden können zum großen Teil mit einer sehr gesunden Ernährung und viel Training aufrecht erhalten werden. Ich kann meine Gefühle bereits gut lenken und glücklich sein, so dass ich mir sicher bin, dass ich hier eine bessere Antwort finden kann.

Auch wenn wir Erfüllung und Aufblühen zu Glück hinzuzählen, drückt die Antwort sich immernoch um das Wesentliche. Mit so einer Antwort auf die Frage, wie wir leben sollen, macht man nicht mehr, als die Frage über den Zaun zu unserer emotionalen Intelligenz zu werfen. Wir sagen damit, dass die Antwort, auf wie man leben sollte, das ist, was auch immer unsere Gefühle uns sagen. Man nimmt damit an, dass, wenn wir uns erfüllt fühlen, wir auch optimal leben. Ich kann keinen logischen Grund erkennen, warum diese Antwort korrekt sein sollte, wenn ich bedenke, was ich darüber weiß, wie Gefühle funktionieren. Nicht gut genug.

Aus diesen Gründen lehnte ich alle Antworten ab, die suggerierten, das die optimale Weise zu leben, in einem emotionalen Zustand oder Gefühl gefunden werden kann. Ich kann bewusst wählen, wie ich mich fühlen möchte – je nachdem worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Es gibt keine Möglichkeit ein Gefühl in mir herbei zu führen, dass ich nicht durch bewusste Ausrichtung meiner Vorstellungkraft selbst erzeugen kann. Ich kann mich selbst steuern.

Und dann haben wir noch eine ganze Menge anderer Selbsthilfe-Experten, die das Ziel des Lebens darin sehen, erfolgreich zu sein, wohlhabend zu werden, erfüllende Beziehungen zu haben, usw. Naja, wie man bereits vermutet, ist das nur Marketing-Gelaber ohne echte Substanz dahinter. Die meisten dieser Bücher zielen darauf ab, zu zeigen, wie man im existierenden sozialen Kontext optimale Resultate erreichen kann. Aber wie wir bereits festgestellt haben – auch wenn man hier in die Erfolgsspur findet – führt man so nur ein suboptimales Leben. Man verbringt sein ganzes Leben nur damit einen Maulwurfshügel zu erklimmen und lässt den Großteil seines Potentials unberührt.

Ich bin diese Frage so angegangen, dass ich zuerst mein Leben im Rahmen meines besten Verständnis der Realität betrachtet habe. Das bedeutete, dass ich mir die Geschichte des Lebens, so wie wir sie verstehen, angesehen habe, dann unsere mögliche Zukunft und wohin das alles führt, sowie den aktuellen Zustand indem wir leben. Ich hatte das Gefühl, dass eine Betrachtung des bestmöglichen, menschlichen Lebens im Rahmen der Vergangenheit, Gegenwart und projizierten Zukunft stattfinden muss. Wenn ich mir ansehe, wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat, dann sehe ich diese Macht der Evolution als etwas viel großartigeres als meine persönliche Existenz an. Ich sehe, dass das Leben kontinuierlich seine Komplexität, seine Intelligenz und die allgemeine Chance auf Überleben ausgebaut hat. Wenn ich mich selbst in diesem Kontext sehe, dann sehe ich, dass ich drei grundlegende Optionen habe. Ich kann mit der Evolution kooperieren, gegen sie arbeiten oder sie ignorieren. Mein menschliches Bewusstein gibt mir die Fähigkeit, diese Wahl bewusst zu treffen.

So optimal, wie es nur geht

Ich entschied, dass das bestmögliche Leben im Bereich der Kooperation mit der Evolution zu finden sein muss, anstatt gegen sie zu arbeiten. Also impliziert das für mich zwei Dinge:

  1. Ich muss an mir arbeiten um das bestmögliche Individuum zu werden
  2. Ich muss am Leben an sich arbeiten, um es bestmöglich zu entwickeln

Es stellt sich heraus, dass diese Ziele hochkompatibel miteinander sind, da es eine positive Rückkopplungsschleife zwischen der persönlichen Evolution und der seiner eigenen Umgebung gibt. Wenn man nur an sich selbst arbeitet, dann wird die Umgebung einen letztendlich zurückhalten. Das ist wie, wenn Tarzan unter Affen lebt. Und wenn man nur daran arbeitet, anderen zu helfen, dann wäre das ebenso suboptimal, weil man sie nur lehren kann, was man gerade weiß. Ohne sein eigenes Wissen auszubauen, kann man auch seine Lehrkapazität nicht vergrößern. Eine Balance zwischen diesen beiden Punkten ist nötig.

Für mich läuft das darauf hinaus, dass man an seinem persönlichen Wachstum arbeiten muss und anderen dabei hilft, selber zu wachsen. Das wurde für mich zum Kriterium um das bestmögliche Leben, dass ich zu führen hoffte, finden zu können.

Was bedeutet es nun zu wachsen? Für mich heisst das, dass man kontinuierlich versucht, seine mächtigsten, evolutionären Gaben weiter zu entwickeln – was für mich meine Intelligenz, mein Bewusstsein und mein Verständnis der Realität sind. Und um anderen beim Wachstum helfen zu können, musste ich konsequenterweise auch meine kommunikativen Fähigkeiten verbessern.

Den Hauptzweck meines Lebens sehe ich darin, dem Prozess der Evolution zu dienen. Das ist für mich wichtiger als alles andere. Alles andere in meinem Leben ist, verglichen dazu, sekundär und muss sich dieser Agenda hinten an stellen. Wen interessiert schon ein neuer Job oder mehr Geld, wenn man die Möglichkeit hat, bewusst an der Evolution des Lebens an sich teilhaben zu können? Verglichen damit verblassen für mich alle anderen potentiellen Lebensweisen.

Verknüpfen wir das nun mit dem Konzept der Heuristik. Dann ergibt sich folgende, allgemeine Strategie:

  1. Das bestmögliche Leben vorstellen, dass man führen kann. Das Bewertungskriterium ist der Dienst an der Evolution an sich.
  2. Es Leben – es erfahren.
  3. Wann immer man überzeugt ist, dass es einen besseren als den aktuellen Weg gibt der Evolution zu dienen: Nach und nach zu diesem übergehen.

Das ist meine Antwort auf die Frage, wie man leben sollte: Ich investiere den Großteil meines Lebens in die Suche nach mehr Wachstum. Für mich macht das perfekt Sinn. Wenn wir nicht herausfinden können, wie man optimal lebt, dann ist es die beste Lösung, die Suche danach zu verbessern. Wenn der Computer nicht genug Leistung bringt, dann sollte man seine Zeit in Aufrüstung investieren.

Ich finde, diese Antwort passt gut zu Aristoteles’ Konzept der Tugendhaftigkeit. Intelligenz schlägt eine Richtung vor und Tugendhaftigkeit hilft den Pfad zu finden. Ich glaube, dass beides essentiell ist, um optimal leben zu können. Ich denke aber, dass Intelligenz das wichtigere von beiden ist, da die Tugenden sich von ihr herleiten lassen. Man kann sich die Tugenden als intellektuelle Eselsbrücken vorstellen. Wenn es zuviele Daten gibt um eine wirklich intelligente Entscheidung treffen zu können, dann kann man auf die Tugenden zurückgreifen und darauf vertrauen, dass sie zumindest keine dumme Wahl darstellen. Im Zweifel ehrlich, ehrenhaft und mutig sein.

Weichware 2.0

Können wir unser Gehirn auf Version 2.0 upgraden?

Wenn man plötzlich feststellt, dass man wie ein Affe lebt, dann könnte man das akzeptieren, den ganzen Tag dem Futtern von Bananen widmen und versuchen ein guter Affe zu sein oder man könnte versuchen mehr als ein Affe zu sein und sich zu einem Menschen zu entwickeln. Wenn man das macht, dann wirken alle Affenziele und -errungenschaften völlig bedeutungslos, verglichen mit seinen neuen menschlichen Fähigkeiten. Wie albern werden Ziele wie der Aufbau einer Firma oder einer Marketingkarriere auf eine weiterentwickelte Spezies wirken?

Auf der evolutionären Leiter sind wir im Moment nur eine Horde Affen. Aber wenn wir weiter wachsen, dann werden wir bald viel mehr sein. Es ist gut möglich, dass Computertechnologie sich mit unserer eigenen Weichware eng verflechten wird, um uns noch schlauer und leistungsfähiger zu machen. Aber auch bevor das passiert, können wir mehr über unser Gehirn lernen und seine Grenzen ausloten. Schluss damit, nur mit 3% unserer Hirnleistung zu leben und auf zu 100%!

Es gibt viele Wege, den Prozess der Evolution bewusst zu unterstützen und unsere Fähigkeit dazu ist momentan natürlich eingeschränkt (obwohl immer mehr dieser Schranken jedes Jahr fallen). Ich denke, dass eine heute lebende Person, die ihr Leben der Evolution unserer Spezies widmet, einen dramatischen Einfluss haben kann. Wir erinnern uns immernoch an Aristoteles für seinen Beitrag. Was könnten wir noch alles erreichen, wenn sich Tausende von uns einem ähnlichen Zweck widmen?

Ich kann das jetzt nicht beweisen, aber eine Sache fällt mir immer mehr auf. Je mehr ich daran arbeite mein Leben an diesen Prozess der Evolution anzupassen, desto müheloser scheint mein Leben zu werden. Es ist, als ob ich von einem Magneten hindurch gezogen werde. In den letzten Jahren hat mein Leben hervorragend funktioniert und ich fühle, als könnte ich klarer denken denn je. Das war ein erneuter Kontextwechsel für mich, aber es fühlt sich an, als ob es von Monat zu Monat stärker wird. Es ist ein Gefühl der Klarheit, dass mein Leben dafür bestimmt ist. Selbstdisziplin wird auch weiterhin benötigt, aber ich bin jetzt stärker und weitaus fähiger sie konsistent anzuwenden. Ich glaube, der Grund hierfür ist, dass ich das Gefühl habe, tatsächlich das bestmögliche Leben zu leben, was mir nach aktuellem Wissensstand möglich ist. Wenn ich versuche mir etwas besseres vorzustellen, dann ist es nur eine Steigerung von dem, was ich bereits habe und keine Änderung dessen, was ich mache. An diesen Punkt zu gelangen, war alles andere als leicht und ich bin sicher, dass noch weitere Veränderungen vor mir liegen. Das ist die Natur des Wachstums – alte Ziele werden nach und nach von neuen überholt.

Als Nächstes erforschen wir, wie man diese philosophischen Gedanken in einen persönlichen Sinn und Zweck übersetzt, mit dem man auch arbeiten kann. Im übernächsten Artikel geht es dann darum, wie man diesen Sinn und Zweck auf Ziele, Projekte und Taten herunterbricht und in Fahrt kommt. :)