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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Die Grundlagen beherrschen

Wenn ich von mir behaupten könnte, dass ich eine Superpower hätte, dann wäre es, dass ich schnell lernen kann. Mehr als jede andere Fähigkeit, war sie über den längsten Zeitraum hin weg, die Wertvollste für mich. Selbst wenn ich bei etwas zu Anfang nicht besonders gut bin, bin ich jedoch in der Lage es schnell zu lernen und aufzunehmen. Das kommt von verschiedenen Gewohnheiten, die ich mir angeeignet habe, und die schnelles Lernen unterstützen.

Die Wichtigste dieser Gewohnheiten ist, dass man von Anfang an das Meistern erwartet.

Wann immer man versucht, etwas Neues zu lernen, sollte man mit der Erwartung herangehen, dass man es schließlich beherrschen wird, egal wie lange es dauert. Man sollte erwarten, ein Experte zu werden. Man sollte von sich selbst als Profi im Training denken.

Wenn man lernt, Golf zu spielen, sollte man sich als zukünftiger professioneller Golfspieler betrachten. Wenn man Führungsqualitäten lernt, sollte man sich als zukünftiger Führer der Welt betrachten. Wenn man Martial Arts lernt, sollte man sich vorstellen, der nächste Bruce Lee zu werden.

Es ist dabei völlig egal, ob man tatsächlich irgendwann meisterhaft wird. Darum geht es nicht. Der Punkt ist, dass man seinen momentanan Fokus schärft, indem man sich darauf konzentriert, irgendwann richtig gut zu sein. Wenn man sich vorstellt, dass man irgendwann sein Land leiten wird, wird man sehr viel besser aufpassen und viel besser lernen, wie man Menschen führt und sie im Rahmen kleiner Projekte handhabt.

Als ich anfing, öffentliches Sprechen zu lernen, fing ich mit der Erwartung an, dass ich schließlich einer der Top-Redner auf der Welt sein werde, auch wenn ich Jahrzehnte bräuchte, dahin zu gelangen. Das versetzte mich in den Kontext, im vergangenen Jahr wirklich hart an den Grundlagen zu arbeiten, weil ein Top-Profi in der Lage sein muss, die Grundlagen nahezu tadellos zu handhaben.

Die Einstellung macht den Meister

Eine weitere Möglichkeit, um diese Idee anzuwenden, ist, dass man sich vorstellt, dass man das, was man lernt, irgendwann jemandem anderen beibringen muss. Wenn einem das so mehr zusagt – großartig – dann macht man es so.

Man sollte mal darüber nachdenken, wie diese Einstellung die aktuellen Handlungen anspitzen kann. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass man etwas völlig Neues lernt. Sagen wir, man lernt, Schach zu spielen. Im ersten Szenario stellen wir uns vor, dass es einem egal ist, wie gut man wird und man nur sehen will, wie es für es so läuft. Im zweiten Szenario malt man sich aus, wie man der nächste Schach-Weltmeister wird und wie man sogar Gary Kasparovs Karriere in den Schatten stellt. Nun wird klar, wie der heutige Fokus für das Erlernen des Schachs durch die zweite Einstellung geschärft wird – jetzt in diesem Moment – auch wenn man nie Großmeister wird? Was würde man mit der zweiten Einstellung anders machen, das man mit der ersten nicht tun würde?

Die Einstellung, etwas meistern zu wollen, zwingt einen dazu, einen strategischen Langzeit-Lern-Ansatz zu entwickeln. Man begreift, dass anfängliche Schwächen im Prozess aufgebauscht werden, so dass man sich die Zeit nimmt, ein solides Fundament ohne Lücken zu schaffen. Wenn man Golf lernt, nimmt man sich Zeit, seinen Griff und die Haltung gleich zu Anfang zu perfektionieren, weil man weiß, dass, wenn man bald zu schwierigeren Techniken fortschreitet, schlechte Angewohnheiten sonst nur festigen wird.

Ein Grund, weshalb Menschen dabei scheitern, schnell zu lernen, ist, dass sie kein ausreichend stabiles Fundament haben. Sie beeinträchtigen ihren Lernprozess, indem sie sich zwingen, über Konzepte hinauszugehen, die sie noch nicht verstanden haben.

Wenn man eine 1 in Arithmetik bekommt, sollte man nicht mit Algebra weiter machen – denn wenn man das macht, dann wird man sich selbst dabei beeinträchtigen, die Analysis zu begreifen.

Zuerst muss man die Grundlagen verstehen, egal wie lange es dauert. Man sollte in jeder einzelnen Fähigkeit zuerst eine 1 verdienen, bevor man zu den schwierigeren Fähigkeiten weitergeht. Auf lange Sicht gesehen, ist das der schnellste Weg etwas zu lernen. Man muss sich das Recht verdienen, vom Anfänger zum Fortgeschrittenen und zum Experten aufzusteigen.

Wenn man also merkt, dass beim Erlernen von etwas Neuem festsitzt und es wirklich nur langsam voranzugehen scheint und man es einfach nicht versteht, dann sollte man sich ehrlich selbst fragen:

“Gibt es vielleicht eine Voraussetzung, die ich bisher nicht erfüllt habe?”

Fast immer wird die Antwort “Ja” sein. Wenn man zum Beispiel Schwierigkeiten hat, das kreative Schreiben zu erlernen, fragt man sich ob man Grammatik, Satzbau, Absatzaufbau etc. bereits begriffen hat.

Übung macht den Meister

Man sollte zurück gehen und grundlegende Fähigkeiten auffrischen – so oft wie nötig. Profis in nahezu jedem Bereich nehmen sich dafür eine Menge Zeit. Professionelle Golfer schlagen hunderte Golfbälle auf dem Übungsplatz. Schachspieler üben Züge aus dem Buch und End-Szenarios immer und immer wieder. Professionelle Football-Spieler (ob die amerikanische oder europäische Version, kann man sich aussuchen) trainieren körperlich hart, um ihre Körper in entsprechender Kondition zu halten. Einer meiner Kollegen bei den Toastmasters sagt mir immer wieder, dass der beste Weg, eine Rede zu verbessern “Übung x 3” ist, d.h. Übung, Übung, Übung.

Wenn man als Kind eine schlechte Ausbildung hatte, sollte man als Erwachsener die Verantwortung dafür übernehmen, das zu korrigieren. Man sollte zurückgehen und erneut lernen, was man als Kind hätte lernen sollen, bis man alle Grundlagen beherrscht. Wenn die Lese-, Schreib-, und mathematischen Fähigkeiten nicht wenigstens auf dem Level der 12. Klasse sind, wie wenn man das Gymnasium absolviert, dann sollte man sie dahingehend ausbauen.

Oft stellt sich Erfolg – in seinen zahlreichen Facetten – nicht ein, indem man eine neue tolle, komplizierte Technik anwendet, sondern eher weil man die Grundlagen konsequent beherrscht. Man muss keine neue tolle Übungsausrüstung kaufen, um Gewicht zu verlieren, wenn man grundlegende sportliche Übungen beherrscht. Man kann alles an Gewicht verlieren was man will, wenn man nur joggt oder Rad fährt.

Das gilt auch für Fähigkeiten der persönlichen Organisation. Man kann sich alle möglichen schicken neuen Technologien in sein Leben holen, um sich besser zu organisieren, es wird aber nichts nützen, wenn man nicht die grundlegende Fähigkeit der Selbstdisziplin beherrscht. Einer undisziplinierten Person zusätzliche Technik zur Verfügung zu stellen, wird nur zu einem noch größeren Durcheinander führen.

Wenn man sich je dabei erwischt, dass die Lösung für die eigenen Probleme etwas Schickes und Kompliziertes ist, dann sollte man diese Annahme in Frage stellen. Kann man das Problem auf einen Mangel an grundlegenden Fähigkeiten zurückführen? Neue Technik wird einem nur zu noch mehr zu dem machen, was man schon ist. Wenn man schon an sich unorganisiert ist, wird Technik nur dafür sorgen, dass das physische Durcheinander zum Technik-Durcheinander wird. Wenn man nicht kochen kann, besteht die Antwort nicht aus mehr Töpfen.

Es gibt hier keine Abkürzungen. Wenn man etwas Neues lernen will, dan sollte man die Einstellung verinnerlichen, dass man etwas wirklich können will und sich dann die Zeit nehmen, die Grundlagen wirklich zu beherrschen. Wenn man das macht, kann man anhaltenden Erfolg garantieren.