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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Eine wissenschaftliche Methode sein Bewusstsein zu erforschen

Wie kann man mit einer pseudo-wissenschaftlichen Methode sein Bewusstsein erforschen?

Zu welchem Grad ist es uns möglich, die “Wahrheit” herauszufinden, wenn wir unser Bewusstsein an sich erforschen? Was können wir über unsere innere Realität wirklich wissen?

Natürlich haben wir die wissenschaftliche Methode:

  1. Beobachten.
  2. Hypothese aufstellen.
  3. Testen.
  4. Schlussfolgerungen ziehen.
  5. Die Ergebnisse sinnvoll nutzen.

Und offensichtlich hat die wiederholte Anwendung der wissenschaftlichen Methode in der externen Welt einige bemerkenswerte Entdeckungen produziert.

Aber unglücklicherweise können wir nicht einfach die wissenschaftliche Methode verwenden, um unser Verständnis des Bewusstseins zu erweitern. Warum nicht? Weil die wissenschaftliche Methode einen unabhängigen Beobachter voraussetzt und dieses Privileg haben wir nicht, wenn wir unser eigenes Bewusstsein studieren. Du kannst nicht völlig unabhängig dein Bewusstsein beobachten ohne es dabei zu beeinflussen. Wir können das Subjekt nicht von dem Objekt in unseren Bewusstseinsexperimenten trennen. Wir spielen simultan die Rolle des Beobachters und des Beobachteten.

Mit “Bewusstsein” meine ich unseren Bewusstheitssinn. Dein Bewusstsein ist der Denker deiner Gedanken. Wir können externe Geräte benutzen um unsere Hinrwellen aufzuzeichnen und wir können uns selbst Mittel verabreichen, die unseren Bewusstseinszustand verändern. Aber uns fehlt ein “Außen” – im dem Sinne, dass wir unser Bewusstsein nicht aus der Perspektive des Bewusstseins selbst betrachten können. Ich kann mein eigenes Bewusstsein erleben, aber eben nur mein eigenes und nicht das eines anderen. Ich kann dein Bewusstsein weder beobachten noch testen während du es erlebst.

Und doch trotz dieser Probleme sind wir nicht völlig hilflos. Wir haben eine Fähigkeit unser Bewusstsein zu beobachten. Wir können uns unserer eigenen Gedanken und Überzeugungen bewusst werden.

Aber wie studieren diese subjektiven Erfahrungen auf eine intelligente Weise? Die wissenschaftliche Methode lässt uns nur die Ränder des Bewusstseins erforschen, aber nicht das saftige Innere. Wenn wir also nicht die wissenschaftliche Methode verwenden können, welche intelligenten Alternativen stehen uns dann zur Verfügung?

Ich habe auf diese Frage keine ideale Antwort. Aber auch wenn wir nicht einfach alle die wissenschaftliche Methode anwenden können, so können wir doch unser Bestes geben, indem wir eine individualisierte, subjektive Version davon benutzen, bei der wir mit uns selbst etwas experimentieren und sowohl die Rolle des Beobachters als auch die des Beobachteten spielen. Das ist etwas chaotisch und ungenau, das gebe ich zu, aber ich denke, es ist besser als nichts. Es fördert ein paar nützliche Daten zu Tage – auch wenn das Interpretieren dieser, dem Entwirren eines Spinnennetzes ähneln kann.

Eine der wahrscheinlich nützlichsten Methoden, die ich entdeckt habe, ist die Veränderung meiner Überzeugungen zu einem bestimmten Thema und das Erfahren der Realität aus diesem neuen Glaubenssystem heraus. Dabei mache ich mir jede Menge Notizen über meine Wahrnehmungen und Gedanken, insbesondere von denen, die sich scheinbar verändert haben. Wenn ich dann wieder andere Überzeugungen annehme, dann kann ich sowohl meine Notizen als auch meine Erinnerungen durchgehen und sie aus einer neuen Perspektive betrachten. Und das Ganze kann ich immer wieder machen, wenn ich meine Überzeugungen und Ansichten anpasse. Noch einmal: das ist etwas chaotisch und ungenau, weil meine Notizen und Erinnerungen keine supergenaue Wiedergabe meines Bewusstseins sind, aber das sind die besten Hilfsmittel, die mir zur Verfügung stehen. Diese Methode erlaubt es mir als halb-unabhängiger Beobachter, Veränderungen in meinem Bewusstsein zu untersuchen, weil ich den Vorteil der zeitlichen Perspektive habe. Ich kann die Eindrücke meiner Erfahrungen später immer wieder untersuchen – so wie ein Paläontologe Fossilien untersucht.

Meine Notizen und meine Erinnerungen sind zusammen das, was es mir erlaubt, einen früheren Kontext teilweise wieder in mein Bewusstsein zu laden. Wie wenn man ein Stück Software von der Festplatte seines Computers in den Arbeitsspeicher lädt, wo der Prozessor sie dann ausführen kann. Mit etwas Übung kann ich mein Bewusstsein ganz gut aufsplitten – ähnlich einem Multi-Tasking-Prozessor. So kann ich simultan eine frühere Erfahrung neu erleben und sie aus einer anderen Perspektive beobachten.

Die Fähigkeit dazu hast du auch, obwohl du vermutlich bisher nicht versucht hast, sie zu entwickeln. Bist du vertraut mit dem Konzept der späten Einsicht? Die späte Einsicht hast du, wenn du eine vergangene Erfahrung aus einer neuen Perspektive betrachtest. Du spielst also die Rolle des Beobachters (deine aktuelle Perspektive) während du zeitgleich das zu Beobachtende lädst (deine Erinnerung). So erinnerst du dich an die Dinge, die du als Teenager gemacht hast und denkst dir

“Das war wirklich dämlich.”

Alle Leser im Teenager-Alter: Bitte beachten! Aber anstatt die Erinnerung einfach neu zu durchleben und auf sich zu beziehen, bleibst du unabhängig und betrachtest sie mit dem gewissen zeitlichen Abstand.

Späte Einsicht gibt dir aber jedoch nur eine Perspektive und das ist etwas zu beschränkend für unsere Zwecke. Wenn du die späte Einsicht nutzt, dann betrachtest du nur die Vergangenheit aus dem Blickwinkel der Gegenwart. Hast du jemals versucht, die späte Einsicht in umgekehrter Form zu nutzen? Das solltest du mal ausprobieren, wenn du die mentale Gymnastik schaffst. In diesem Fall würdest du zurück zu der alten Erinnerung gehen und dich mit dieser komplett verbinden. Sieh sie durch deine eigenen Augen – sei wirklich dort. Nutz deine Vorstellungskraft um es so real wie möglich zu machen. Hör die Geräusche. Riech die Gerüche. Denk die gleichen Gedanken, die du damals gedacht hast. Erlaube dir für einen Moment wieder diese Person zu werden. Lade dein altes Ich wieder in dein Bewusstsein.

Jetzt, während du diese alte Perspektive beibehälst, lädst du deine aktuelle Realität als wäre sie eine Erinnerung. Bleib von ihr unabhängig und betrachte deine Gegenwart aus der Perspektive eines Dritten. Es kann halfen, wenn du dir dein aktuelles Ich auf einer Kinoleinwand vorstellst, während dein echtes Ich (was in diesem Fall dein altes Ich ist) davor sitzt und sich den Film anschaut. Du siehst also dein aktuelles Ich auf der Leinwand aus der Sicht deines alten Ichs. Dann schau dir deine aktuelle Realität einfach eine Weile an und erlaube dir, diese aus der Sicht deines alten Ichs zu interpretieren. Ich denke, du wirst diese umgekehrte “späte Einsicht” sehr faszinierend und erleuchtend finden. Zum Beispiel könntest du damit ausprobieren, was dein Teenager-Ich über dein heutiges Ich denken würde. Probier es aus!

Diese Methode kannst du auch mit zwei alten oder zwei imaginären zukünftigen Erinnerungen (oder einem Mix davon) nutzen. Wenn du mental zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln kannst, während du sowohl die Rolle des Beobachters als auch des Beobachteten einnimmst, dir dabei Notizen machst, was du entdeckst (damit du sie dir später aus noch ganz anderen Perspektiven ansehen kannst), dann wirst letztendlich ein pseudo-wissenschaftliches Logbuch erstellen, dass dir bei der Erforschung deines eigenen Bewussteins hilft.

Durch diesen Prozess war es mir möglich zu entdecken, wie ich über Atheismus aus der Sicht eines Katholiken, eines Buddhisten, eines Agnostikers, eines anderen Atheisten, usw. denke. Das hat mir geholfen, mich der “Wahrheit” etwas weiter anzunähern, die unabhängig von meiner Perspektive zu existieren scheint. Zum Beispiel war es für mich immer wichtig, mich gut zu fühlen, egal, welches Glaubenssystem ich angenommen hatte. Ein Glaubenssystem das mich in einen Zustand der Angst versetzt, mag aus ihm selbst heraus normal erscheinen, aber von außen betrachtet, wirkt es ohne jede Frage abscheulich. Ich fühlte, dass ich bessere Entscheidungen treffen kann, wenn ich unterschiedliche Überzeugungen und ihre Konsequenzen sowohl von innen nach außen als auch von außen nach innen betrachten konnte.

Du kannst diese Methode auch nutzen um Entscheidungen für deine Zukunft zu treffen. Angenommen, du willst dich für eine Karriere entscheiden und du bist dir nicht sicher, was sich richtig anfühlt. Das ist bei Menschen in ihren Zwanzigern häufig so. Sagen wir, du kannst dich nicht entscheiden, ob du Medizin (um ein Arzt zu werden) oder Jura (um böse zu werden) studieren sollst. Nur Spaß! ;)

Stell dir also vor, wie es wäre ein Arzt zu sein und dann, wie es wäre ein Anwalt zu sein. Aber höchstwahrscheinlich machst du das aus deiner aktuellen Perspektive heraus und das wird dir wohl nicht die nötigen Informationen liefern um diese Entscheidung zu treffen. Ich empfehle schon, dass du das machst, aber dann mach danach folgendes: Stell dir vor du bist Arzt und gehe in dieser Rolle richtig auf. Dabei stellst du dir vor, du wärst ein Arzt, der darüber nachdenkt ein Anwalt zu sein – wie fühlt sich das an? Benutz die Kinoleinwand-Technik von oben. Dann drehst du das Ganze um. Stell dir vor, wie es ist ein Anwalt zu sein, der darüber nachdenkt, wie es als Arzt wäre. Das ist nicht späte Einsicht oder ein Blick in die Zukunft – es ist wohl mehr ein “seitlicher Blick”. Aber ich denke, das ist hilfreich, wenn du dich in Situationen befindest wo du zwischen zwei ähnlich ansprechenden (oder nicht ansprechenden) Alternativen wählen musst. Vielleicht findest du so genau das Extra an Information, dass du für mehr Klarheit benötigst. Wenn du ein Arzt wirst, wirst du es dann bereuen nie ein Anwalt geworden zu sein? Und wie sieht’s umgekehrt aus?

Dieser Prozess hat mir damals sehr geholfen, als ich meine Karriere überdacht habe. Schreiben und Reden über Persönlichkeitsentwicklung war die einzige Variante, die aus allen Perspektiven Sinn gemacht hat. Und sie sah insbesondere beim Blick von innen nach außen gut aus. Es war die eine Karriere, die mich nie denken lassen würde

“Vielleicht sollte ich irgendetwas anderes machen.”

Und so kam es, wie es kommen musste.

Hoffentlich war das jetzt genug um dir ein Verständnis für meine pseudo-wissenschaftliche Methode zur Bewusstseinserforschung zu vermitteln – oder für die Erforschung von Glaubenssystemen, die ein Teil des Bewusstseins sind. Es ist eine etwas wilde Sache, aber so bin ich. ;)

Diese Methode sollte dir zumindest einen Weg aufzeigen, wie du deine Überzeugungen erforschen kannst und dabei eine gewisse Fähigkeit zur Verfügung hast um zu beobachten, zu hypothetisieren und zu testen ohne dich dabei in den Wirren deiner Gedanken zu verlieren. Und wenn du Angst davor hast, es auszprobieren, naja, dein Mangel an Mut ist doch ein guter Platz um mit dem Experimentieren zu beginnen, oder?

Also, schau dich in deinem Bewusstsein um und lass es mich wissen, wenn du etwas interessantes entdeckst.