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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Hinterfrag deinen Glauben

Bist du dir sicher, dass dein Glaube und deine Überzeugungen das einzig Wahre sind?

In diesem Artikel möchte ich über einige persönliche Erfahrungen sprechen, die ich gemacht habe, als ich verschiedene Glaubenssysteme ausprobiert habe.

Im Alter von 17 Jahren begann ich zum ersten Mal ernsthaft meine Ansichten über die Realität in Frage zu stellen. In meinem Fall hatte das viel mit der Religion und der Kultur zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Ich war zu der Zeit Katholik und stand kurz davor mein letztes Jahr in der Highschool zu beginnen. Mein Bewusstsein hatte endlich den Punkt erreicht, wo ich fähig war, ein paar Fragen zu stellen, auf der Suche nach dem, was sich für mich wie die Wahrheit anfühlte. Es begann mit einer Art nagendem Gefühl, dass das, was mir gelehrt wurde, mir nicht als die Wahrheit vorkam. Es fing an, sich falsch anzufühlen. Mit “falsch” meine ich, dass es sich nicht mehr wirklich echt anfühlte.

Die Menschen um mich herum wirkten von der Wahrhaftigkeit dieses Glaubenssystem überzeugt, aber meine Ausbildung lehrte mich auch, dass die meisten Menschen auf der Welt keine Katholiken sind. Als Teenager hat mich das verwirrt. Ich zog in Betracht, dass die meisten Menschen auf dieser Welt Ansichten haben müssen, die sich sehr von meinen unterscheiden. Und dennoch wuchsen sie genauso auf und lebten ihr Leben auf die selbe Weise. Mein Glaubenssystem schien keine gute Antwort darauf zu kennen, warum es Milliarden Nicht-Katholiken gibt – zumindest keine, die für mich Sinn ergab. Waren die anderen einfach ignorant? Böse? Fehlgeleitet? Verdammt zur Hölle zu fahren? Reif für die Konvertierung? Auf der Suche nach Hilfe? Ich begann mich zu fragen, wie es wohl wäre, als Nicht-Katholik zu leben.

Ich stellte diese und viele andere Fragen den Menschen um mich herum. Wie du dir vorstellen kannst, nahmen mich die meisten nicht ernst. Die aufgeschlossensten Antworten bekam ich von einigen Jesuitenlehrern an unserer Schule. Okay, einer dieser Lehrer stellte sich später als Kinderschänder raus (im Ernst, auch wenn ich damals nichts davon mitbekam) … Aber meist wurden meine Fragen einfach abgeblockt und ich bekam nicht die Antworten, mit denen ich etwas anfangen konnte.

Kurze Randbemerkung: Ich bin froh an diesem Ort und zu dieser Zeit zu leben, dann zu anderen Zeiten oder in anderen Kulturen wäre ich wohl dafür gesteinigt worden anstatt nur ignoriert zu werden (so wie der Heilige nach dem ich benannt bin).

Von dieser Zeit an, begann ich mich intensiv für Glaubenssysteme zu interessieren, hauptsächlich, weil ich das Gefühl hatte, dass mein eigenes nicht sonderlich gut zu meinen tatsächlichen Erfahrungen mit der Realität passte. Ich lernte, dass es noch eine Menge anderer Kontexte gab, in denen andere Menschen lebten. Woher wusste ich dann, ob mein Kontext tatsächlich der beste für mich ist? Es war einfach nur einer, in den ich hinein geboren wurde. Ich stellte fest, dass andere Menschen, die in anderen Kontexten lebten, nicht automatisch böse, gestört oder fehlgeleitet waren.

Ich lernte einen anderen Jungen in meinem Alter kennen, der von sich behauptete ein Atheist zu sein. Das fand ich ziemlich interessant. Seine Ansichten über die Natur der Realität unterschieden sich stark von meinen, aber anstatt dem bösen Ausgestoßenen, den ich erwartet hatte, wirkte er auf mich anständig und intelligent – eine wirklich seltene Qualität bei Teenagern.

Als Katholik wurde mir von einem meiner Lehrer beigebracht, Nicht-Katholiken (insbesondere Atheisten) mit einem Gefühl von Mitleid anzusehen und mir zu sagen:

“Wie du willst, aber ich unterwerfe mich der Gnade Gottes.”

Aber nachdem ich einige Nicht-Katholiken kennenlernte und feststellte, dass sie ihr Leben zu genießen schienen – ohne Furcht vor Reue – fühlte ich mehr Mitleid mit mir als für sie. So war es nur noch eine Frage von Monaten, bevor ich die ganze Last des Glaubenssystem meiner Kindheit abgeworfen habe und ein Atheist wurde. Wie du dir vorstellen kannst, war das keine einfache Situation für mich, wenn man bedenkt, dass ich noch ein Jahr in eine katholische Schule gehen musste. Aber im Große und Ganzen fühlte ich mich in diesem neuen Kontext sehr gestärkt. Zum einen verschwand damit eine riesiger Berg an Angst, ganz neue Möglichkeiten eröffneten sich und ich fühlte mich geistig viel klarer. Das war eins meiner besten Jahre als Schüler. Es machte mir viel Spaß an meinen eigenen Zielen statt an denen Gottes zu arbeiten. Ich bin sogar den American Atheists beigetreten und habe ihr Magazin gelesen (zumindest, wenn meine Familie es nicht vorher abgefangen hat).

In diesem neuen Kontext fiel mir auf, dass ich jeden in einem anderen Licht sah. Jetzt waren die hochreligiösen Menschen die echten Spinner. Es fiel mir auch schwer, mich mit Leuten abzugeben, die davon ausgingen, dass ich die Ewigkeit in der Hölle verbringen werde, nur weil ich meinen Kontext verändert hatte. Die ganze Problematik mit der Trennung von Staat und Kirche wurde mir richtig bewusst. Mir fiel auch die Verwendung des Wortes “Gott” im amerikanischen Treueschwur auf. Als Atheist gefiel mir das gar nicht. Das war mal etwas, was ich absolut richtig angesehen habe, aber in diesem Kontext bekam es etwas, was ich tolerieren musste.

Nach dem Atheismus driftete ich in den Agnostizismus, denn die Erfahrung den Atheismus aus einer katholischen Perspektive und den Katholismus aus einer atheistischen Perspektive zu sehen, hat mich äußerst neugierig gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass eins davon die echte Wahrheit darstellte. Es waren einfach verschiedene Perspektiven, verschiedene Wege die Realität zu sehen, aber weder das eine, noch das andere konnte seine Wahrheit beweisen. Mir fiel auch auf, dass jedes Glaubenssystem zu einem gewissen Grad die Erfahrungen kontrollierte, die ich in mein Leben ziehen konnte. In jedem Kontext sah ich genügend Beweise, dass der Kontext der richtige ist. Jeder Kontext wurde zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Das machte mich nur noch neugieriger, also begann ich Anfang 20 bewusst auf eine Reise durch verschiedene Glaubenssysteme zu gehen. In den ersten paar Jahren studierte ich viele New-Age-Sichtweisen (inkl. dem Sprechen mit Engeln, spirituellen Führern, usw.) und östliche Religionen wie Hinduismus und Buddhismus. Ich war fasziniert, wie stark sich mein Erleben der Realität veränderte, wenn ich meinen Kontext wechselte. Ich konnte ein paar wirklich erstaunliche spirituelle Erfahrungen machen, von denen sich viele auch in meinem physischen Erleben der Realität widerspiegelten. Ich lernte, dass bestimmte Samen nur in bestimmten Böden gedeihen können.

Ich habe sogar für ein paar Monate Scientology ausprobiert um zu sehen, wie es dort ist. Ich dachte mir:

“Hier haben wir einen Kontext, den soviele Menschen als komplett durchgeknallt ansehen, aber offensichtlich sehen die Menschen in ihm das nicht.”

Ich wollte es selbst herausfinden, als ging ich in eins ihrer Häuser und sagte im Prinzip

“Assimiliert mich.”

Und das haben sie auch mit Freude gemacht. Ich las Dianetics und besuchte ein paar der Kurse über die Grundlagen von Scientology. Andere Mitglieder lehrten mich zu auditieren (sowohl Geben als auch Nehmen) und ich verbrachte viele Stunden in ihrem Haus bis ich das Gefühl hatte eine gutes Verständnis für die Grundlagen entwickelt zu haben und den Kontext von innen heraus zu verstehen – inklusive wie Scientologen Nicht-Scientologen sehen.

Das war eine faszinierende Erfahrung. Einerseits fand ich dort einige sektenähnliche Muster (die die meisten Mainstream-Religionen aber auch haben) und andererseits stellte ich fest, dass die Scientologen einige der nettesten Menschen waren, die ich bisher getroffen hatte und die Kinder schienen ziemlich weitentwickelt zu sein, was ihre Bewusstheit und ihr Bewusstsein anging. Eine Sache die ich an Scientology gar nicht mag, war aber, dass es fast unmöglich war, wieder von ihrer Mailingliste runterzukommen – ich habe wöchentlich Post von ihnen bekommen, sogar noch 5 Jahre nach meinem Ausstieg und einigen Umzügen.

Auf diese (Test-)Weise verfuhr ich noch einige Jahre länger. Wie du dir vorstellen kannst, sorgte das für etwas Instabilität in anderen Bereichen meines Lebens, aber der Prozess machte mir wirklich Spaß und ich dokumentierte diese Erfahrungen in meinem Tagebuch (das erlaubt mir, frühere Kontexte nochmal aus der Sicht eines Eingeweihten zu betrachten). Eine meiner Stärken ist, dass ich ein schneller Lerner bin, so dass es mir leicht fiel, sehr schnell in ein neues Glaubenssystem einzutauchen.

Auch wenn ich bis jetzt über spirtuelle bzw. religiöse Ansichten geschrieben habe, so haben meine Experimente doch mehr mit dem Verständnis für die Natur der Realität zu tun. Es waren also nicht nur religiöse Glaubenssysteme, die ich getestet habe. Zum Beispiel habe ich mich auch mal für einen Monat dem Feng Shui verschrieben, einfach, weil es etwas war, was ich noch nie ausprobiert hatte. Von außen betrachtet, schien es im schlimmsten Fall harmlos zu sein und im besten Fall, würde es eine Menge Spaß machen. Es gibt verschiedene “Schulen” des Feng Shui, aber die grundlegende Idee ist, dass man an einen Fluss von Energie glaubt (genannt Chi) und lernt, wie man Objekte platzieren muss um diesen zu optimieren. Ich habe also erstmal ungefähr ein Dutzend Feng-Shui-Artikel online gelesen und mir ein Einsteiger-Video angesehen und dann nach ein paar Tagen einige der Ideen umgesetzt. Ich habe um das Haus herum etwas aufgeräumt und einige Möbel in meinem Heimbüro umgestellt. Mein Schreibtisch war nun zur Tür ausgerichtet statt zur Wand (bekannt als die “Kommando-Position”), so dass ich nun nicht mehr fürchten muss, von hinten attackiert zu werden während ich Artikel schreibe. Ihr habt es gehört – ich seh euch jetzt kommen! ;)

Eine der vielen Feng-Shui-Ideen, die ich über das Wochenende umgesetzt habe, war das Zusammenstellen eines kleinen Schreins mit einem Brunnen und ein paar Pflanzen, der Wohlstand symbolisieren sollte. Am gleichen Tag noch bekam ich einen unerwarteten Scheck über 75$ (eine Steuerrückzahlung vom Staat Nevada, weil sie ein Plus von 300 Millionen erwirtschaftet hatten). Zwei Tage später fand ich 40$ in bar, von denen ich gar nichts mehr wusste – es lag an einem Fleck, der schon seit über einem Jahr aufgeräumt werden sollte. Wiederum etwas später habe ich einen Vertrag unterzeichnet, der mir 1000$ einbrachte (den hatte ich allerdings erwartet) und meine Frau erzählte mir, dass der Druck ihres Buches (sie publizierte auf eigene Faust ihr zweites Buch) ein paar Hundert Dollar weniger als erwartet kosten wird. Das Glaubenssystem gefällt mir.

Nachdem ich so viele verschiedene Glaubenssysteme erlebt hatte, begann ich darüber nachzudenken, wie ich mein eigenes persönliches Glaubenssystem designen könnte. Viele der Ansichten, die ich ausprobierte, standen in Konflikt zu einander, so dass ich nicht alle beibehalten konnte, aber einige waren auch kongruent und konnten auf interessante Weise miteinander kombiniert werden. Ich stellte fest, dass jeder Kontext eine einzigartige Perspektive hat, aber ich sah auch Möglichkeiten, diese zu verbessern, in dem man Elemente von anderen Kontexten einbezieht. Und hauptsächlich wollte ich etwas zusammenstellen, dass sich wahrhaftig anfühlt und mich stärkt.

Ich fragte mich:

“Mit all den Elementen, die ich in den verschiedenen Glaubenssystemen gefunden habe, was ist da der beste Nährboden, den ich erschaffen könnte?”

Wenn der Boden sehr reichhaltig ist, dann bedeutet das für mich, dass man auch eine große Vielfalt an Getreide säen kann und es würde richtig gut wachsen. Mit anderen Worten: wenn der Kontext im Hintergrund einen gut genug bestärkt, dann können daraus einige der besten Ziele entstehen, die man sich setzen kann und der Kontext wird einem auch noch dabei helfen, diese zu erreichen.

Alle Kontexte, die ich kennengelernt habe, hatten ihre Stärken und Schwächen. Eine der Hauptstärken sind die Ansichten, die dich in etwas bestärken oder ermächtigen – egal welchen Kontext ich ausprobiert habe, es gab immer ein paar Ansichten, die das getan haben. Aber es gab auch immer Ansichten, die mich entmündigt haben. Oft war es der Teil, wie das Glaubenssystem die Nichteingeweihten betrachtete und die “von Gott inspirierten” Geschichten, die erzählt wurden um zu beweisen, dass das hier das einzig Wahre ist.

Ein Beispiel: Ich fand, den Glauben an eine Art universelle Macht oder Gott ermächtigend. Ich bin dazwischen oft gewechselt, ein paar Jahre habe ich mit diesem Glauben gelebt, dann wieder ein paar Jahre ohne und im Großen und Ganzen mag ich diese Ansicht. Ich bin der Meinung, dass eine Art Glaube an Gott einen potenten Nährboden bereit stellt. Diese Art von Gott ist aber kein weiser Mann oder eine Vaterfigur. Im Katholizismus wäre es mit dem heiligen Geist vergleichbar. Es ist mehr eine Präsenz, auf die man zurückgreifen kann, so wie eine Art Hintergrundstrahlung puren Bewusstseins.

Ich finde praktisch alle Arten von dogmatischen Überzeugungen oder solchen, die suggerieren, ob eine bestimmte Gruppe von Menschen richtig oder falsch liegt, entmündigend. Ebenso der Glaube an Himmel und Hölle. Ich finde auch den Glauben an irgendein Kastensystem entmündigend. Also habe ich mich gegen solche Ansichten entschieden.

Ich habe in jedem Kontext ein paar Goldstücke gefunden, die ich als wahr empfand, aber auch jede Menge Kram, den ich für Quatsch halte. Also wurde es man langfristiges Ziel, den ganzen Quatsch loszuwerden und die Goldstücke zusammenzutragen und sie zu meinem persönlichen Lebenskontext zu machen. Und natürlich ist das ein Kontext, der sich immer weiter verändert.

Obwohl es definitiv einige Schlaglöcher auf dem Weg dahin gab, bin ich doch mit der Entwicklung und Evolution meines persönlichen Kontextes sehr zufrieden. Es war eine wunderbare Reise meinen Kontext bewusst zu erschaffen anstatt einfach blind zu akzeptieren, was man mich gelehrt hat.

Es würde vermutlich ein ganzes Buch füllen, wenn ich komplett erklären wöllte, wie mein persönlicher Kontext heute aussieht, aber ich werde in der nächsten Zeit verschiedene Elemente hier besprechen und erklären, wie und warum ich diese ausgewählt habe.

So wie ich das sehe, haben wir aber immer einen Kontext. Überhaupt keine Überzeugungen zu haben, ist am Ende auch nur ein Glaubenssystem. Wenn du also denkst, du willst gar keinen Kontext haben, dann würde ich aus meiner Sicht einfach sagen, dass du gerade einen Überzeugung genannt hast, die Teil deines Kontextes ist. Wenn du an etwas glaubst oder nicht glaubst, dann hast du einen Kontext. Ein Glaube an eine absolut objektive Realität, die von dir separat existiert, ist immer noch ein Kontext. Es ist deine Wahl.