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Jnana Yoga & Fehlerfreie Überzeugungen

Wie Jnana Yoga dein Leben verbessern kann

Laut dem Hinduismus gibt es verschiedene Wege, die zum Ende des menschlichen Leidens führen. Diese sind als die vier Yogas bekannt:

  • Karma Yoga (Taten, Arbeit, Dienst)
  • Bhakti Yoga (Liebe, Hingabe, Verehrung)
  • Raja Yoga (Meditation, Mentale Kontrolle, “Psychisches” Training)
  • Jnana Yoga (Wissen, Philosophie, Nachfrage)

Kein Yoga ist besser oder schlechter als die anderen, aber jeder wird ganz individuell feststellen, dass er sich zu einem Yoga mehr hingezogen fühlt als zu den anderen.

Jnana Yoga

Wenn du dieses Blog regelmäßig liest und ein paar meiner längeren Artikel genossen hast, dann sollte es ziemlich offensichtlich sein, dass von diesen vier Jnana Yoga meine persönliche Präferenz ist – was also dem Versuch entspricht, die Realität durch den Prozess ständiger Nachfrage zu verstehen. In Wahrheit arbeite ich aber mit allen vier von diesen Yogas. Ich drücke das Karma Yoga durch meinen Akt des Schreibens und dem Wunsch anderen zu helfen aus. Bhakti Yoga (Liebe) ist ein interner, wenig publiker Weg für mich. Und ich habe eine ganze Menge verschiedener Meditationen ausprobiert – ganz im Sinne des Raja Yoga. Aber Jnana Yoga bleibt das unwiderstehlichste für mich. Ich scheine eine unstillbare Neugier danach zu haben, die Realität auf einem intellektuellen Level verstehen zu können. Es ist für mich nicht genug, die Wahrheit einfach nur als etwas in meinem Herzen zu spüren oder Seelenfrieden durch meine Taten zu finden. Ich strebe danach ein mentales Modell der Realität zu erschaffen, dass so akkurat wie nur möglich ist.

Wenn es dir mit dem Jnana Yoga ähnlich geht, dann findest du den Prozess der Nachfrage wahrscheinlich ebenso faszinierend und lohnend. Vermutlich magst du vorurteilsfreie, intellektuelle Diskussionen auf hoher Ebene. Und vielleicht fühlst du dich oft frustriert oder isoliert, weil du nur wenige Menschen um dich herum triffst, die sich für ähnliche Dinge interessieren wie du. Formale Religionen sind wahrscheinlich zu steif und ritualistisch für dich – regelrecht langweilig. Für dich ist die Suche nach Spiritualität ein Pfad des Wissens, des Verstehens und der Weisheit. Dein Wunsch nach Wissen ist sehr stark.

Aber wenn Jnana Yoga nicht deine Sache ist, dann findest du vermutlich, die Idee der Frage nach der Natur der Realität sinnlos, überwältigend oder unpraktisch ist. In diesem Fall interessierst du dich vermutlich in diesem Blog mehr für die praktischen Artikel zum Thema Produktivität, die dir dabei helfen, deine Fähigkeiten für das was du bereits machst, noch weiter zu verbessern… im Gegensatz zu den Artikeln, die dich herausfordern, eben das, was du bisher gemacht hast, in Frage zu stellen – ob es überhaupt Sinn macht. Daran ist nichts Falsches – es sind schlicht unterschiedliche Wege.

Die Suche nach Genauigkeit

Eine der großen Herausforderungen der Persönlichkeitsentwicklung und allgemein im menschlichen Leben, ist die Tatsache, dass wir in einer Welt leben, deren Regeln wir nicht völlig verstehen. Und dennoch können wir nicht einfach eine Pause einlegen und im Handbuch nachschlagen – zumindest nicht auf eine direkte und offensichtliche Art und Weise.

Als ich ein Teenager war, begann ich die Natur der Realität in Frage zu stellen, statt einfach nur das zu schlucken, was mir gelehrt wurde – ob es nun von einem Priester oder einem Wissenschaftler kam.

Was hat mich dazu gebracht, überhaupt erst damit anzufangen, solche Fragen zu stellen? Es war etwas sehr Simples – Ungenauigkeit. Ich habe immer wieder festgestellt, dass die Welt nicht in auf diese Weise funktioniert, wie ich es von ihr erwartet habe. Und als Konsequenz daraus, habe ich zu einem gewissen Grad darunter leiden müssen. Wenn deine Überzeugungen inkongruent mit der Realität sind, dann ist eine Form des Leidens das Resultat.

Es hat mich viele Jahre gekostet, um zu realisieren, dass mein Gefühl des Leidens, des Schmerzes oder anderen unerfreulichen Erlebnissen NICHT durch die Realität an sich verursacht wurden. Mein Unverständnis gegenüber der Realität war ihre Ursache. Ungenauigkeit ist die Wurzel allen Übels.

Dem Weg des Jnana Yoga zu folgen, ist wie Detektiv spielen, wobei alles was du erlebst, ein Hinweis bzw. ein Wegweiser auf die darunterliegende Realität ist. Meine größten Durchbrüche sind dadurch entstanden, dass ich ein Stück Information bemerkt habe, dass nicht in mein aktuelles Modell der Realität zu passen schien. Wenn du dir die Zeit nimmst, über dein Erleben der Realität nachzudenken, dann wirst du vermutlich zumindest ein paar Stücke bemerken, die einfach nicht reinzupassen scheinen. Hast du jemals etwas erlebt, was du einfach nicht erklären kannst? Hast du das Gefühl, du würdest versuchen, einen Quader durch ein rundes Loch schieben zu wollen, wenn du es in dein aktuelles Modell der Realität einbauen willst?

Nehmen wir zum Beispiel das Konzept der objektiven Realität, welches suggeriert, dass wir alle physische Wesen in einem physischen Universum sind und unsere Gedanken und unser Bewusstsein sind nur Randerscheinungen der physischen Welt. Fällt dir etwas ein, was einfach nicht in dieses Modell passt – etwas, das ein Stück abzustehen scheint?

Denk genau drüber nach.

Wie wäre es mit der Tatsache, dass du du bist? Du bist du und du allein, nicht ich und niemand sonst. Fällt dir daran etwas Merkwürdiges auf?

Du merkst, dass du einen physischen Körper hast und wenn du dich umsiehst, dann stellst du fest, dass eine ganze Menge anderer physischer Körper gibt, die auch auf dieser Welt herumlaufen. Du kannst sie sogar anfassen und mit ihnen interagieren. Man hat dich gelehrt, dass es über sechs Milliarden dieser Körper auf der Erde herumlaufen. Soweit kein Problem.

Aber wieviele Bewusstseine nimmst du wahr? Du nimmst jede Menge sich bewegender, sprechender Körper in der Welt wahr, aber du kannst nur ein Bewusstsein wahrnehmen. Mit Bewusstsein meine ich Bewusstheit und diese Bewusstheit scheint eine lokale Verbindung zu genau deinem Körper zu haben, aber du kannst keine Verbindung zwischen deinem Bewusstsein und den Körpern anderer Menschen wahrnehmen – zumindest nicht in dem Maß, wie du die Verbindung zu deinem Körper wahrnimmst. Kommt dir das nicht etwas merkwürdig vor? Warum zum Teufel sollte dein Bewusstsein nur lokal auftreten?

Du kannst dir ziemlich sicher sein, dass ich genau wie du einen Körper habe – du kannst ihn zumindest durch deine Sinne wahrnehmen. Du kannst herkommen und mich finden und mit meiner physischen Form in Kontakt treten. Aber kannst du auf mein Bewusstsein zugreifen? Gibt es für dich überhaupt irgendeinen Grund für die Annahme, dass ich wie du auf die gleiche Art bewusst bin? Deine Sinne sagen dir, dass es eine Menge Menschen auf dieser Welt gibt, die physische Körper haben, die deinem ähnlich sind. Aber du hast nicht die selbe Bewusstseins-Wahrnehmung. Ich wage sogar zu behaupten, dass das einzige Bewusstsein, dass du wahrnimmst, dein eigenes ist. Soweit du es feststellen kannst, bist du das einzig wirklich bewusste Wesen auf dieser Welt, nicht wahr? Warum würdest du annehmen, dass irgendeiner der anderen herumlaufenden Körper in deiner Welt wie du ein individuelles Bewusstsein hat? Ist das nicht eine etwas gewagte Aussage, wenn man sich die verfügbaren Beweise dafür ansieht?

Nimmst du das auch an, wenn du träumst? Also… nimmst du an, dass deine Traumcharaktere ein separates Bewusstsein haben, dass sich von deinem unterscheidet? Warum zum Teufel nimmst du das dann an, wenn du wach bist?

Das Einzige, was du wirklich mit Sicherheit wissen kannst, ist, dass du viele andere physische Körper herumlaufen sehen kannst, aber du kannst nur bei einem direkt feststellen, dass er bewusst ist – bei dir selbst.

Warum ist das jetzt so? Hat das Modell der objektiven Realität eine gute Erklärung dafür parat? Sagt es dir, warum deine Bewusstheit mit dir verbunden ist und nicht mit mir oder irgendjemand anderem? Wenn man der objektiven Realität Glauben schenken soll, warum hast du dann überhaupt ein lokales Bewusstsein? Würde es nicht viel mehr Sinn machen, wenn es überhaupt kein Bewusstsein (oder Bewusstheit) im Universum gäbe? Oder zumindest, wenn es ein Bewusstsein auf der Welt gibt, wäre es dann nicht logischer, wenn es völlig unlokal und nicht auf einen bestimmten physischen Körper festgelegt wäre? Das sind einige wirklich große Löcher im Paradigma der objektiven Realität.

Der Prozess der Nachfrage kann Risse in gewissen Glaubenssystemen erzeugen und indem man diese angeknacksten Überzeugungen fallen lässt (egal wie sehr du an ihnen vielleicht hängen magst), kannst du nach und nach ein tieferes Verständnis für die wahre Natur der Realität entwickeln. Um die Realität verstehen zu können, musst du zuerst deine falschen und ungenauen Überzeugungen über Bord werfen. Dieser Prozess ist noch grundlegender als die Wissenschaft, weil die Wissenschaft von der Existenz einer objektiven Realität ausgeht. Jedoch beginnt der Prozess der Nachfrage mit dem, was du wirklich durch direkte Erfahrung wissen kannst und zwingt dich nicht zu solchen unbeweisbaren Annahmen. Dein eigenes Bewusstsein ist fundamental für deine Lebenserfahrung, insofern musst du von seiner Existenz nicht überzeugt werden – deswegen ist dein Bewusstsein vermutlich auch der beste Ausgangspunkt, wenn man ein akkurates Modell der Realität entwickeln möchte. Jedes Modell der Realität, dass du anstrebst, muss zumindest die Existenz deines Bewusstseins erklären können und warum du es auf die Weise erlebst, wie du es tust – eingeschlossen der anscheinend lokalen Verbindung zu deinem physischen Körper. Ansonsten ignorierst du von Anfang an ein entscheidendes Stück Information.

Der Glaube an die objektive Realität benötigt eine ziemliche Menge Vertrauensvorschuss. Er ist nicht fundamental. Es ist nur eine von vielen Theorien, eine die mit einer Annahme beginnt und einige problematische Löcher enthält.

Ein weiteres fehlerhaftes Modell der Realität wäre ein rein subjektives, das suggeriert, dass die gesamte Realität durch deine eigenen Gedanken erschaffen wird. Durch Versuch und Irrtum findest du sicherlich heraus, dass ein subjektives Modell der Realität (in Hinsicht auf deinen eigenen Geist) auch nicht sonderlich akkurat erscheint.

Auf der Suche nach der Wahrheit, stellst du wahrscheinlich fest, dass die Realität sowohl objektive als auch subjektive Elemente enthält. Manche Dinge scheinen durch deine Gedanken beeinflusst oder sogar kontrolliert zu werden. Anderes hingegen scheint davon unabhängig zu sein. Aber die fundamentalste Sache, die du wahrnehmen kannst, ist die Existenz dieses eines Bewusstseins, dass still beobachtet, wie sich die Realität vor dir ausbreitet.

Du weißt, dass du mit Jnana Yoga Fortschritte machst, wenn dein Erleben der Realität aus Verblüffung und Wundern besteht. Du solltest überrascht sein, vielleicht sogar etwas verschreckt, wenn du versuchst deinen Geist soweit beanspruchst, die Realität so genau wie möglich zu verstehen. Was ist Realität? Sie ist nicht vollständig objektiv, aber auch nicht subjektiv. Sie ist nicht wirklich ein Ding, aber auch nicht ein Gedanke. Wie funktioniert sie? Was steckt unter der Motorhaube? Was ist ihre Natur?

Auch wenn du vielleicht gewillt bist, dich mit deinem aktuellen Modell der Realität zufrieden zu geben, achte mal darauf, wo dieses Modell anfängt, Risse zu bekommen. Du weißt, dass es bricht, wenn dir irgendeine Form des Leidens widerfährt. Aber Leid ist nicht dazu da, um dich zu bestrafen. Es dient als ein Weckruf, der dir sagt, dass du ein ungenaues Modell der Realität hast und dass du die Fehler in deinem mentalen Modell beheben musst, um das Leid zu beenden.

Deine Überzeugungen korrigieren

Was passiert, wenn ein Computerprogramm von einem Programmierer erschaffen wird, der von falschen Annahmen ausgeht? Das Programm wird Fehler enthalten – Bugs genannt. Es wird nicht optimal funktionieren und vielleicht sogar abstürzen. Deine eigene mentale Software funktioniert genauso. Wenn deine Überzeugungen hinsichtlich der Realität ungenau sind, dann wirst du Bugs entdecken. Ab und zu stürzt es vielleicht sogar ab. So wie ein Computerprogramm auf einer bestimmten Hardware läuft, so musst du auch in den Grenzen deiner eigenen physischen Hardware arbeiten. Aber wenn du Softwareabstürze (nicht Hardwareabstürze) erlebst – z.B. Depression, Hoffnungslosigkeit, Wut, Frustration, Apathie, Schuld, Missgunst, Scham oder Angst – dann liegt das daran, dass dein Code Bugs enthält. Es bedeutet, dass du ein paar inakkurate Annahmen gemacht hast. Dein “Code” besteht aus deinen Überzeugungen hinsichtlich der Realität.

Wenn du genaueren Code laufen lassen willst (und somit weniger Leid und Schmerz in deinem Leben haben möchtest), dann musst du ein akkurates Verständnis für die Hardware, das Betriebssystem und die Umgebung entwickeln, in der dein Code läuft. Du musst die Einführung von Programmierfehlern verhindern und wann immer du Fehler entdeckst (die als eine Form von Leid auftreten), sie schnellstmöglich entfernen. Das bedeutet, dass du die Überzeugung identifizieren musst, die das Leid verursacht und sie entweder löschen oder umschreiben.

Deine mentale Software muss nicht jedes mögliche Feature haben um richtig laufen zu können. Sie muss nur frei von Fehlern sein. Ungeschriebener Code ist per Definition fehlerfrei. Du kannst keinen Code abstürzen lassen, der nicht existiert. Analog dazu kannst du kein Leid erleben, wenn deine Überzeugungen hinsichtlich der Realität fehlerfrei sind – also keine Ungenauigkeiten enthalten. Wenn dein Code akkurat ist (auch wenn es nicht viel davon gibt), dann wirst du in deinem täglichen Leben Zustände von Frieden, Verwunderung und Begeisterung erleben. Dein Code wird nicht nur reibungslos laufen, sondern auch auf elegante Weise. Eine der tiefsten Befriedigungen beim Programmieren ist die Erschaffung von wirklich elegantem Code. Eleganter Code ist sowohl akkurat als auch effizient – auf eine Art und Weise die über pure Logik hinaus geht. Hier wird Code zur Kunst. Es kommt der Perfektion so nahe, wie es ein Computerprogramm nur sein kann.

So ähnlich ist es auch mit deinen Überzeugungen hinsichtlich der Realität; wenn sie elegant werden, dann wirst feststellen, dass das Programm deines Lebens fast unbegreiflich reibungslos abläuft. Das ist die Art und Weise wie es Jnana Yoga möglich macht, Leid zu überwinden und Frieden zu empfinden.