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Ohne Ziele leben

Sollte man ganz ohne Ziele leben?

Goal-Free Living von Stephen Shapiro

Ich habe neulich das Buch Goal-Free Living von Stephen Shapiro gelesen. Hauptsächlich deswegen, weil ich davon überzeugt bin, dass es wichtig ist, sich Ziele zu setzen und der Titel des Buches da offensichtlich einen anderen Ansatz suggeriert. Als mich meine Frau fragte, warum ich so ein Buch lese, habe ich geantwortet:

“Ich lese es, weil der Autor vermutlich anderer Meinung ist als ich.”

Ich habe festgestellt, dass ich oft mehr aus den Büchern lerne, die eine andere Philosophie als meine vertreten, da sie mich dazu zwingen meine eigene Position zu überdenken und mich geistig frisch halten.

Nach der Lektüre finde ich aber, dass der Titel leicht übertreibt, was den tatsächlichen Inhalt angeht – aber nicht so weit, dass es irreführend wäre. Der Autor stellt klar, dass er nicht generell und in jeder Situation dagegen ist, sich Ziele zu setzen. Aber er warnt davor, sich zu sehr darauf zu stützen und schlägt vor, dass es doch viel besser ist, für sein Leben einen Kompass zu haben statt einem vorgefertigten Plan. Übermäßig starre Ziele, an die man sich exzessiv klammert, sind in der Tat etwas, was man vermeiden sollte, insofern stimme ich dem Autor hier zu. Im Großen und Ganzen mochte ich das Buch und ich stimme seiner Philosophie auch in gewissem Maße zu, wobei ich aber doch mehr zum Ziele setzen tendiere, als zu der Variante ohne sie zu leben. Und das liegt schlicht daran, weil ich glaube, dass die meisten Menschen zu ziellos leben und ihnen etwas Fokus und Richtung in ihrem Leben gut tun würde.

Obwohl der Autor und ich es auf verschiedene Weise ausdrücken würden, so glaube ich, dass er das Klammern an Ziele als Hauptproblem ansieht. Wenn man sich zu sehr an fixe Ziele klammert, dann verliert man die nötige Flexibilität um sich auf aktuelle Möglichkeiten und Chancen einzustellen – was natürlich ein suboptimaler Ansatz ist. Man entwickelt eine Art Tunnelblick, bei dem man sich so sehr auf das fokussiert, was man haben will, wodurch man blind gegenüber anderen Dingen wird, die vielleicht sogar noch besser wären. Konsequenterweise kann eine zu starke Verhaftung an den gesetzten Zielen dazu führen, dass man weniger bewusst lebt. Das trifft insbesondere auf die Geschäftswelt zu. Schon der bloße Akt, – wenn man sich Geschäfts- oder Karriereziele setzt – kann dich gegenüber kreativen Chancen blind machen, die einfach außerhalb des Blickfeldes deines Geschäfts oder deiner Karriere liegen.

In der Tat war es für mich mal ein Problem, dass ich gegenüber günstigen Gelegenheiten blind war. Vor ein paar Jahren war ich sehr auf mein Spiele-Unternehmen fokussiert – mit jeder Menge klar formulierter Ziele – und diese Herangehensweise hat mir auch definitiv dabei geholfen, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Aber ich war zu sehr auf Ziele fixiert, wie z.B. die Veröffentlichung von neuen Produkten und das Erreichen bestimmter Verkaufszahlen – und auch wenn das damals gut und richtig erschien, so haben sie mich doch immer auf dem gleichen ausgetretenen Pfad gehalten. Als ich schließlich bei meinen Zielen etwas lockerer wurde und mir selbst erlaubt habe, für eine Weile ohne genaue Ziele zu leben, erkannte ich, dass es für mich an der Zeit war, die Spiele-Industrie zu verlassen und diese Website über Persönlichkeitsentwicklung zu starten. Und das ist auch genau das, was ich gemacht habe. Aber um das zu schaffen, musste ich einige Ziele begraben, von denen ich mich nur sehr schwer trennen konnte, weil ich schon soviel in sie investiert hatte. Rückblickend weiß ich jetzt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, aber das war damals keine einfache Sache für mich, weil ich einfach noch so sehr an meinen alten Zielen hing.

Jedoch glaube ich nicht, dass die Blindheit gegenüber Chancen ein Problem mit dem Setzen von Zielen an sich ist, sondern eher den potentiellen Nebeneffekten geschuldet ist, die das Bewusstsein absenken können. Ziele können dabei helfen unser Bewusstsein zu vergrößern oder zu verkleinern. Der Trick ist, diese positiven bewusstsein-vergrößernden Vorteile mitzunehmen ohne dabei auch noch die bewusstsein-verkleinernden Effekte mitzuschleifen.

Als meine Frau und ich uns vor etwas über einem Jahr das Ziel gesetzt haben, ein Haus zu kaufen, war das schon eine weitreichende Entscheidung für uns. Es hat uns neue Möglichkeiten eröffnet und ein paar Wochen später, sind wir in unser neues Heim gezogen. Wenn wir uns dieses Ziel nicht gesetzt hätten (was schon recht spezifisch war und eine feste Deadline hatte), dann kann ich mir nicht vorstellen, wie wir das sonst hätten schaffen sollen. Die Alternative, weiterhin viel Geld für Miete auszugeben, war einfach nicht länger erstrebenswert.

Ein nachhaltiger, positiver Cashflow durch StevePavlina.com mit mindestens $3000/Monat, war ein weiteres weitreichendes Ziel, das ich mir gesetzt hatte. Das war eins meiner großen Ziele nach dem Start der Seite. Anfangs dachte ich, ich würde das durch Produktverkäufe machen, aber dann erzählte mir jemand von AdSense und ich nach einem schnellen Test, sah ich sein Potential. Mein Ziel hat sich nicht verändert, aber ich habe den Plan den neuen Umständen entsprechend angepasst – und mein Ziel auch erreicht.

Aber ich hatte auch andere Ziele, die mein Bewusstsein verringert haben. Eins davon war ein Buch darüber, wie man eine unabhängige Softwarefirma aufbaut, dass ich schreiben wollte. Ich begann das Buchprojekt ungefähr zeitgleich mit dem Aufbau der Website. Ich dachte, ich benötige das Buch-Einkommen um die Website ausbauen zu können. Aber anstatt mir zu helfen, hat mich dieses Ziel nur davon abgehalten, mich völlig meiner neuen Karriere zu widmen und so habe ich es nach ein paar Monaten abgebrochen. Es wäre besser gewesen, wenn ich mir dieses Ziel gar nicht erst gesetzt hätte. Dieses Ziel blickte in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft.

Für mich ist das Setzen von Zielen sehr wertvoll, aber auch nach über 15 Jahren Erfahrung damit, lerne ich da immer noch dazu. Wenn ich ein Ziel richtig setze, dann kann das Wunder bewirken. Aber wenn ich mir ein falsches Ziel setze, dann behindert es mich nur. Mein Verständnis von “richtigen” Zielen ist, das sie mir dabei helfen, mein Bewusstsein zu vergrößern und ich mich strecken muss anstatt in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben und meine Möglichkeiten einzuschränken.

Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir klare Ziele brauchen und Zeiten, wenn keine Ziele angebrachter sind. Als ich z.B. die Website gestartet habe, hatte ich jede Menge klarer Ziele. Einige von ihnen, wie z.B. Besucher- und Einkommensziele, haben mir dabei geholfen, fokussiert zu bleiben. Aber nachdem ich einen nachhaltigen, positiven Cashflow erreicht hatte, habe ich mich bewusst dafür entschieden, das mit den Zielen etwas lockerer zu nehmen und ein paar Monate ohne irgendwelche zu leben, damit Raum für neue Ideen entsteht. Wenn diese Periode endet, dann werde ich mir wieder Ziele setzen und mich darauf fokussieren.

Das richtige Setzen von Zielen ist wie eine Konversation. Man braucht die richtige Balance aus Reden und Zuhören. Wenn du die ganze Zeit redest, dann läuft die Konversation aus dem Ruder. Wenn du die ganze Zeit zuhörst, dann wirst du ein passiver Beobachter und kein aktiver Teilnehmer. Wenn du erkennst, das du zuviel redest, dann ist es an der Zeit mehr zuzuhören, was dem ziel-freien Leben entspricht. Aber wenn du lange genug passiv warst, dann wird es Zeit, eine aktivere Rolle einzunehmen und dem Universum mitzuteilen, was du willst.

Die Konversationsmetapher passt auch gut zu dem Intention-Manifestations-Modell.

  1. Reden = Zielesetzung = Intentionen
  2. Zuhören = ziel-freies Leben = Manifestation

Du musst beide Seiten ausbalancieren.

Es gibt eine Zeit zu reden und eine Zeit zuzuhören, eine Zeit Ziele zu setzen und eine Zeit ohne sie zu leben, eine Zeit für Intentionen und eine Zeit der Manifestation. Das ist meine Version von Kohelet 3:1-8.

Woher weißt du nun, ob es die richtige Zeit ist um Ziele zu setzen oder ohne sie zu leben? Der Schlüssel ist, herauszufinden, ob du dich in deinem Leben gerade in einer Phase der Expansion oder Kontraktion befindest. Mehr Details dazu kannst du im Artikel über Lebenszyklen lesen.