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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Selbstdisziplin: Ausdauer

“Nichts in der Welt kann Ausdauer ersetzen. Talent wird es nicht tun; nichts ist alltäglicher, als erfolglose Männer mit Talent. Genialität wird es nicht tun; unbelohnte Genies gab es viele. Bildung wird es nicht tun; die Welt ist voller gebildeter Obdachloser. Ausdauer und Entschlossenheit allein sind allmächtig. Der Slogan ‘Immer weitermachen’ hat und wird immer die Probleme der menschlichen Rasse lösen.”
— Calvin Coolidge, 30. Präsident der Vereinigten Staaten

Ausdauer ist der fünfte und letzte Pfeiler der Selbstdisziplin.

Was ist Ausdauer?

Ausdauer ist die Fähigkeit, eine Tätigkeit beizubehalten, egal wie man sich fühlt. Man macht weiter, auch wenn man Lust hätte aufzuhören.

Wenn man an einem großen Ziel arbeitet, dann wird die Motivation wachsen und verebben, wie die Wellen, die die Küste treffen. Manchmal fühlt man sich motiviert, manchmal nicht. Aber es nicht die Motivation, die Resultate hervorbringen wird – es sind die eigenen Handlungen. Ausdauer befähigt einen, weiterhin tätig zu sein, auch wenn man sich nicht motiviert fühlt und so wird man weiterhin Ergebnisse erzielen.

Ausdauer wird irgendwann eigene Motivation erzeugen. Wenn man einfach immer weiter macht, wird man schließlich Ergebnisse erzielen und diese können sehr motivierend sein. Man kann z.B. sehr enthusiastisch werden, wenn man erst einmal die ersten 5kg mit einer neuen Diät und Sportprogramm verloren hat und die eigene Kleidung viel lockerer sitzt.

Wann man aufgeben sollte

Sollte man immer Ausdauer beweisen und niemals aufgeben? Sicherlich nicht. Manchmal ist Aufgeben ganz klar die beste Option.

Schon mal von einem Unternehmen gehört, dass sich Traf-O-Data nannte? Was ist mit Microsoft? Beide Unternehmen wurden von Bill Gates und Paul Allen gegründet. Traf-O-Data war das erste Unternehmen, welches sie 1972 gründeten. Die Geschichte von Traf-O-Data kann man hier nachlesen. Gates und Allan betrieben sie einige Jahre lang, bevor sie die Firma an den Haken hingen. Sie gaben auf. Mit Microsoft haben sie es etwas besser gemacht.

Wenn sie Traf-O-Data nicht aufgegeben hätten, dann hätten wir heute nicht so eine wunderbare Sammlung Microsoft und Bill Gates Witze.

Wie weiß man also wann man weitermachen oder aufgeben soll?

Ist der eigene Plan immer noch korrekt? Wenn nicht, sollte man ihn aktualisieren. Ist das eigene Ziel immer noch korrekt? Wenn nicht, sollte man es entweder verwerfen oder aktualisieren. Es bringt keine Lorbeeren, an einem Ziel zu klammern, dass einen nicht länger inspiriert. Ausdauer ist nicht Sturheit.

Das war eine besonders schwer zu lernende Lektion für mich. Ich glaubte immer daran, dass man nicht aufgeben darf; dass wenn man sich einmal ein Ziel setzt, man dabei bleiben sollte bis zum bitteren Ende. Der Kapitän geht mit dem Schiff unter und so. Wenn es mir je misslänge, ein angefangenes Projekt abzuschließen, würde ich mich sehr schuldig fühlen.

Schließlich fand ich heraus, dass das Blödsinn war.

Wenn man als Mensch überhaupt wachsen will, dann wird man jedes Jahr eine anderer Mensch sein, als im Jahr davor. Und wenn man bewusst die eigene Persönlichkeitsentwicklung verfolgt, dann werden die Unterschiede oft dramatisch und rasant sein. Man kann daher nicht garantieren, dass die Ziele, die man sich heute setzt, immer noch dieselben sein werden, die man in einem Jahr erreichen will.

Mein erstes Unternehmen war Dexterity Software. Ich gründete es 1994, als ich gerade vom College kam. Aber nachdem ich es mehr als ein Jahrzehnt geleitet hatte, war ich reif für etwas Neues. Ich leite Dexterity nebenbei, aber es ist nicht mehr mein Vollzeit-Fokus. Ich brauche nur ein bis zwei Stunden in der Woche um es zu führen, teilweise weil ich es so konzipiert habe, dass es möglichst automatisch läuft und mich mit einem passiven Einkommen versorgt. Ich war erfolgreich – in dem Umfang, den ich beabsichtigte. Ich hätte es viel weiter ausbauen können, aber ich wusste, dass ich nicht den Rest meines Lebens damit verbringen wollte, Computerspiele zu entwickeln. Meine eigene Spielefirma zu gründen war mein Traum, als ich 22 Jahre alt war und nachdem ich ein paar Dutzend Spiele veröffentlicht hatte, fühlte ich, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Der 22-jährige Steve ist sehr zufrieden. Aber heutzutage habe ich andere Träume.

Habe ich Dexterity aufgegeben? Man könnte es so sehen, aber es wäre korrekter zu sagen, dass ich mit einer neuen Vision infiziert war, die weitaus wichtiger für mich war. Hätte ich stur mit Dexterity weiter gemacht, dann hätte diese Seite nie existiert. Ich würde an einem Spiel arbeiten anstatt an meinem ersten Buch.

Um Platz für neue Ziele zu schaffen, müssen wir alte verwerfen oder abschließen. Und manchmal sind neue Ziele so unwiderstehlich und inspirierend, dass keine Zeit bleibt, die alten zu beenden – sie müssen halbfertig abgebrochen werden. Ich fand das immer unangenehm, aber ich weiß, dass es notwendig ist. Der schwere Teil ist, bewusst zu entscheiden, ein altes Projekt aufzugeben und zu wissen, dass es nie beendet werden wird. Ich habe eine Akte voller Spieleideen und einigen Pototypen für neue Spiele, die niemals das Tageslicht sehen werden. Bewusst zu entscheiden, dass diese Projekte aufgegeben werden, war wirklich schwer für mich. Ich brauchte sehr lange, um damit zurecht zu kommen. Aber es war nötig für mein eigenes Wachstum, dazu fähig zu sein.

Ich musste immer noch das Problem lösen, mir keine Ziele mehr zu setzen, die in einem Jahr vielleicht schon überholt waren, aufgrund meines persönlichen Wachstums. Wie habe ich das Problem gelöst? Ich mogelte. Ich fand heraus, dass der einzige funktionierende Weg, mir Langzeitziele zu setzen, der war, Ziele an den Prozess meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung anzupassen. Das Streben nach Persönlichkeitsentwicklung war lange eine stabile Konstante für mich, obwohl sie sich paradoxerweise gleichzeitig verändert. Anstatt mir also feststehende Ziele zu setzen, wie ich es mit meiner Spielfirma tat, began ich mir weit gestecktere, dynamische Ziele zu stecken, die sich an meine eigene Entwicklung anpassten. Dieses neue Unternehmen erlaubt es mir meine Persönlichkeitsentwicklung voll zu verfolgen und das, was ich lerne, mit anderen zu teilen. Wachstum an sich ist also das Ziel – für mich und Andere. Das erschafft eine symbiotische Beziehung, in der die Hilfe für Andere mein Wachstum anregt, was wiederum neue Ideen entstehen lässt, um Anderen zu helfen. Jeder, der diese Seite seit letztem Jahr gelesen hat, hat diesen Effekt wahrscheinlich beobachtet.

Das direkte und bewusste Streben nach Persönlichkeitsentwicklung ist die einzige Art Mission, die für mich funktionieren würde. Wenn ich es beispielsweise zu meiner Mission machen würde, in der Immobilienbranche zu arbeiten, dann würde mir es sicher nach ein paar Jahren langweilig werden. Da ich unbegrenzt weiter wachsen will, muss ich ein bestimmtes Level an Herausforderungen beibehalten und die Messlatte immer wieder höher legen. Ich kann die Dinge nicht zu niveaulos werden lassen und riskieren, dass ich in ein Muster der Nachlässigkeit falle.

Der Wert der Ausdauer kommt nicht daher, dass man sich stur an die Vergangenheit klammert. Er kommt aus der Vision der Zukunft, die so verlockend ist, dass man fast alles dafür geben würde, sie wahr werden zu lassen. Die Vision, die ich nun von meiner Zukunft habe, ist viel größer als die, die ich für Dexterity hatte. Fähig zu sein, Menschen bei ihrer Entwicklung zu helfen und ihre schwierigsten Probleme zu lösen, ist für mich viel inspirierender als Menschen zu unterhalten. Die alten Ideen begannen aus mir zu weichen, als ich Dexterity leitete. Ich bevorzugte logische Puzzlespiele, die Menschen zum Denken herausforderten. So schlug ich oft die Gelegenheit aus, Spiele zu veröffentlichen, von denen ich zwar glaubte, dass sie Geld einbringen würden, aber nicht viel wahren Nutzen für die Menschen hätten.

Ausdauer beim Handeln kommt von der Ausdauer einer Vision. Wenn man sich völlig klar darüber ist, was man will, und zwar so, dass sich die Vision nicht viel ändert, wird man in den eigenen Handlungen beständiger sein – und ausdauernder. Und diese Beständigkeit zu Handeln wird beständige Ergebnisse liefern.

Kann man einen Teil seines Lebens nennen, wo man ein Beispiel von Langzeit-Ausdauer bereits demonstriert hat? Wenn man solch ein Gebiet identifizieren kann, kann es einem vielleicht einen Hinweis auf die eigene Mission geben – etwas worauf man hinarbeiten kann, wo Leidenschaft und Selbstdisziplin synergetisch funktionieren.

Dies ist der letzte Artikel einer 6-teiligen Reihe: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6