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Spiritualität außerhalb der Höhle

Findet man wahre Spiritualität erst in der Einsamkeit?

Manchmal lassen sich Menschen von dummen Überzeugungen von ihrem Streben nach spiritueller Entwicklung und einem höheren Bewusstsein abbringen. Eine von diesen Ansichten ist der Glaube, das es der Gipfel einer jeden spirituellen Entwicklung sei, wenn man ein hermitähnlicher Guru wird, der sich komplett von der aktiven Teilnahme an der Welt zurückzieht und praktisch nichts anderes macht außer zu meditieren und zu fasten.

Auch wenn ein paar spirituell Suchende die moderne Welt meiden und sich in die Einsamkeit zurückziehen, so gibt es doch keinen rund, dass diesen Lifestyle teilen musst, wenn du dich entscheidet, ein höheres Bewusstsein anzustreben. Persönlich halte ich solche Menschen, die sich von der Welt zurückziehen, für Drückeberger. Wie spirituell entwickelt bist du, wenn du nur in der Einsamkeit glücklich sein kannst? Da finde ich es viel beeindruckender, wenn jemand eins mit der Welt sein kann während er an einer Straßenecke in Manhattan steht.

Ich sehe mich als eine sehr spirituelle Person, aber ich habe kein Interesse an einem Leben in der Höhle. Genau genommen liebe ich es absolut in Las Vegas zu leben. Jetzt denkst du vielleicht, dass nichts unspiritueller sein kann als die Stadt der Sünde, aber tatsächlich empfinde ich genau das Gegenteil. Geh’ mal in eins der Casinos und schau dir all die Menschen an, die für die richtigen Karten und Würfel beten. ;)

Es mag dich auch überraschen, dass Vegas mehr Kirchen pro Einwohner hat, als jede andere Stadt in Amerika. Vielleicht zählen sie da die ganzen Hochzeitskapellen mit.

Eine Sache, die auf der Suche nach Spiritualität in Vegas, besonders lustig ist, ist die Tatsache, dass man dort praktisch jedes menschliche Laster auf einem Fleck finden kann. Glücksspiel ist allgegenwärtig – sogar außerhalb der verrauchten Casinos, denn sogar Lebensmittelgeschäfte und Restaurants haben Automaten und der Flughafen von Vegas ist voll damit. Kostenloser Alkohol fließt rund um die Uhr. Und natürlich gibt die riesigen Buffets, die Oben-ohne-Tänzerinnen, die Strip-Clubs und die Call Girls. Es ist schwer die Präsenz der Casinos zu ignorieren, das der Strip von überall aus in der Stadt gut sichtbar ist. Ich kann aus meinem Schlafzimmerfenster gucken und sehe den mächtigen Lichtstrahl vom Luxor-Hotel, wie er in die den Himmel empor schießt – wenn man in der Nacht rumfährt, kann man sich gut daran orientieren. Aber mit soviel Exzess kommt auch Ehrlichkeit daher. Nichts ist schlecht oder falsch – es ist alles nur eine Entscheidung. Wenn du den ganzen Tag trinken, zocken und nackte Frauen sehen willst, dann wird dich niemand stoppen oder dich dafür verurteilen. Die Türen stehen weit offen. Und merkwürdigerweise finde ich, dass es diese offenen Schamlosigkeit ist, die Vegas zu einem sehr bewussten Ort zum leben machen. Dank weniger sozialer Hemmungen wird die Angst aus der Gleichung genommen und was bleibt, ist eine reinere Form des freien Willens.

Ich finde, das Vegas eine wirklich fantastische Stadt ist um seiner spirituellen Entwicklung nachzugehen. Mit solch einem Überfluss an Energie wie hier, ist es wirklich ein sehr pulsierender Ort zum leben. Die überwiegende Mehrheit meiner lokalen Freunde haben sich irgendwann einmal entschieden, hierher zu ziehen – nur die wenigstens sind hier geboren worden. Und weil es eine bewusste Entscheidung war (sowohl für die, die hier leben, als auch für die, die hier jedes Jahr zu Besuch sind), habe ich das Gefühl, dass genau dies das gesamte Bewusstsein der ganzen Stadt anhebt.

Fast sofort, nachdem meine Frau und ich im Januar 2004 hierher gezogen sind, stellten wir fest, dass sich die Menschen hier anders verhalten als ihre Gegenparts in Los Angeles. Das trifft insbesondere für das Service-Personal zu – Angestellte in Lebensmittelgeschäften, Kellner, Bedienungen und Verkäufer. Ich rede hier von dem Gebiet, wo die Einwohner leben, nicht wo die Touristen sich meist aufhalten – kilometerweit weg vom Strip. Zuerst dachten wir, das sei nur eine Art Neue-Einwohner-Syndrom, aber nach ein paar Trips zurück nach L.A., bestätigte sich der Unterschied. Die typischen Vegas-Bewohner, die wir trafen, schienen deutlich glücklicher und bewusster zu sein, als die Menschen, die in ähnlichen Jobs in L.A. arbeiten.

Ich bin überzeugt, dass die pulsierende Energie an diesem Ort mein spirituelles Streben verbessert hat. Vegas war jahrelang die am schnellsten wachsende Stadt der USA, insofern denke ich, dass mit all dieser frischen Energie, die hierher strömt, die Menschen auch mehr Motivation haben, aus sich rauszugehen und neue sozialen Verbindungen zu knüpfen. Und diese gesteigerte Sehnsucht nach sozialen Kontakten ist etwas, was – wie ich finde – mir wirklich sehr bei meinem spirituellen Wachstum geholfen hat.

Auch wenn es möglich ist, seine spirituelle Entwicklung in der Isolation voranzutreiben, so glaube ich doch, dass es noch besser ist, wenn es durch die Interaktion mit anderen Menschen passiert. Wir sind sowieso alle auf irgendeine spirituelle Weise miteinander verbunden, also warum erforschen wir diese Verbindung nicht durch direkte Interaktion mit anderen menschlichen Wesen? Wie meine Frau gern sagt:

“Jeder hält ein Teil des Puzzles in seinen Händen.”

Persönliche Beziehungen können eine unglaubliche Quelle für spirituelles Wachstum sein. Es ist möglich, dass wir den Kontakt zur Realität verlieren, wenn wir zuviel Zeit mit uns allein verbringen, aber es ist recht unwahrscheinlich, wenn man ein Überfluss an sozialer Interaktion zur Verfügung hat. Wenn wir in unserem Denken zu unpraktisch werden, dann werden es uns die Menschen um uns herum schon sagen, wenn wir den Weg aus den Augen verlieren.

Meiner Meinung nach ist das Streben nach Spiritualität in Wahrheit das Streben nach Präzision, wobei es unser Ziel ist, das bestmöglichste Modell der Realität zu entwerfen. Wenn dabei vergessen, andere menschliche Wesen einzubeziehen, dann werfen wir eine Menge potentiell gültiger Informationen weg, was unser Modell zur Ungenauigkeit verdammt. Spiritualität ist in Wahrheit Verständnis. Ich behaupte, je genauer dein Verständnis der Realität ist, desto spiritueller wirst du werden.

Wenn das Streben nach Spiritualität dazu führt, dass du deine Fähigkeit, in der modernen Welt zu funktionieren, verlierst, dann behaupte ich, hast du einen falschen Weg eingeschlagen. Wahre Spiritualität sollte unglaublich praktisch sein. Wenn deine Vorstellung von der Realität akkurat ist, dann solltest du es nicht nötig haben, eben dieser entfliehen zu müssen um dich gut und vollständig zu fühlen. Du solltest sogar besser als die durchschnittliche Person funktionieren können, insbesondere, wenn du mit den Herausforderungen des modernen Alltags konfrontiert wirst.

Es ist nicht notwendig, spirituelle Entwicklung in Isolation zu betreiben. Ja, stille Reflektion hier und da ist wunderbar, genauso wie Meditation. Aber das sollte mit jeder Menge sozialer Interaktion kombiniert werden. Erlaube dir selbst, spirituelle Lektionen zu lernen, die sowohl von deiner inneren, als auch von deiner äußeren Welt bereitgestellt werden. Manchmal wirst du die Antworten in Stille finden und manchmal durch Kommunikation. Achte auf beide Kanäle.