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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Tagebuch führen
als Hilfsmittel zur Problemlösung

Ein Tagebuch zu führen ist eines der mächtigsten Hilfsmittel für die Persönlichkeitsentwicklung.

Ich habe seit 1996 Tagebücher handschriftlich verfasst und vor zwei Jahren (2002) bin ich zu einer Tagebuchsoftware übergegangen, welche ich schneller und bequemer finde. Das Programm, welches ich nutze, heißt The Journal.

Es ist als 45-Tage-Testversion verfügbar und kostet 49,95$ (ca. 37,58€), aber ehrlich gesagt, finde ich den Preis zu niedrig, verglichen damit, wie wertvoll es für mich ist. Ich finde 79,99$ wäre ein fairer Preis. Ich habe kürzlich erst eine weitere Kopie für meine Frau gekauft, da sie mittlerweile auch ein Tagebuch führt. Obwohl man sicher auch mit Word ein Tagebuch auf dem Computer führen kann, mag ich an dieser Tagebuchsoftware, dass sie über einen eingebauten Kalender verfügt, so dass es leicht ist, Einträge ganz einfach am Datum zu erkennen und man die Einträge auch nach verschiedenen Schlüsselwörtern durchsuchen kann.

Was mache ich mit meinem Tagebuch?

Obwohl viele Menschen Tagebücher haben, um Lebensereignisse niederzuschreiben, plage ich mich normalerweise nicht mit solchen Einträgen und gehe selten zurück und lese vergangene Einträge. Für mich ist es hauptsächlich ein Hilfsmittel zur Problemlösung, eine Möglichkeit komplexe Entscheidungen zu durchdenken, bis sie den Punkt der Klarheit erreichen. Im Monat schreibe ich durchschnittlich 5-10 Einträge und beginne jeden Eintrag normalerweise, indem ich eine Frage oder ein Problem an den Anfang stelle, das ich lösen will. Dann geht es weiter, indem ich den möglichen Lösungsraum des Problems erforsche. Manchmal kann das Problem sehr einfach sein, wie zum Beispiel:

“Welches Thema soll ich für meinen nächste Rede (oder meinen nächsten Artikel) wählen?”

Zu anderen Gelegenheiten erforsche ich jedoch viel umfassendere Fragen, wie

“Wo will ich 2010 sein und was muss ich also anfangen zu tun/nicht mehr tun, um dahin zu kommen?”

Manchmal mache ich einfach ein Brainstorming, um mögliche Lösungen zu erhalten, während ich ein anderes Mal von verschiedenen Blickwinkeln aus über ein Problem schreibe, um es vollständiger zu verstehen. Ich könnte mich zum Beispiel fragen:

“Wie würde Albert Einstein dieses Problem lösen? Leonardo da Vinci? Jim Carey? Captain Picard?”

Oder ich könnte fragen:

“Welche guten Seiten hat dieses Problem? Wie kann ich es vermeiden, dieses Problem überhaupt zu lösen? Wie würde die optimale Lösung für dieses Problem aussehen?”

Ich finde diese Art Übungen sehr wertvoll. Wenn ich versuche, ein Problem nur dadurch zu lösen, indem ich es durchdenke, habe ich oft Erfolg bei kleineren Problemen – kompliziertere Problemen zu durchdenken, misslingt aber oft. Entweder finde ich überhaupt keine befriedigende Lösung oder ich verstehe das Problem nicht gut genug, um die Lösungen, die ich finde, gut zu finden, aber nachdem ich drüber geschlafen habe und am nächsten Tag einen neuen Blick darauf geworfen habe, sieht es oft gar nicht mehr so schwierig aus. Anstatt die Dinge also in meinem Kopf zu durchdenken, gehe ich diese großen, haarigen Probleme an, indem ich über sie schreibe. Das Denken läuft oft im Kreis und unsere Hirne haben die Tendenz, Dinge überzugeneralisieren, d.h. wir versuchen, Dinge zu vereinfachen, indem wir sie in Muster einzuordnen versuchen.

Manchmal ist es aber wichtig die nackten Fakten eines Problems zu betrachten ohne es unreif in irgendein Muster, eines vorangegangenen Problems zu pressen, welches man schon gelöst hat. Wenn man zum Beispiel seine eigene Firma leitet und einen vorübergehenden Verkaufsrückgang erlebt, welcher bereits ein Problem sein kann, welches man schon einmal erlebt und gelöst hat, muss man eventuell trotzdem die Möglichkeit betrachten, dass dieser Verkaufsrückgang seinen einzigartigen Grund hat und nicht gelöst werden kann, indem man die vorangegangene Lösung anwendet.

Mentale Limits überwinden

Indem ich Probleme auf dem Papier untersuche, vermeide ich zirkuläres Denken und es ist auch leichter, Lücken in der möglichen Lösung zu identifizieren, die man noch überdenken muss. Wenn ich einmal von einem gewissen Blickwinkel über ein Problem geschrieben habe, kann ich diesen Teil ad acta legen und dazu übergehen, den nächsten Teil zu untersuchen. Die niedergeschriebenen Aufzeichnungen machen es leicht, das Problem von einer ausreichenden Zahl an verschiedenen Perspektiven zu betrachten, so dass ich sicher bin, dass ich es genügend verstehe, um eine intelligente Entscheidung zu treffen. Tagebuch schreiben hilft mir also tatsächlich einige funktionelle Begrenzungen des Hirns zu bewältigen und den mentalen Arbeitsspeicher, welcher für die Problemlösung zu Verfügung steht, effektiv zu erweitern.

Manche Probleme sind durch ihre Natur schon einfach zu groß, damit sie durch unsere Gedanken allein verstanden werden können. Man kann unseren bewussten Geist nur auf einen kleinen Teil eines gegebenen Problems konzentrieren. Gehirne sind schon ziemlich leistungsfähig, aber der bewusste Geist ist immer noch extrem beschränkt in seiner Fähigkeit multiple Gedanken simultan zu durchdenken. Man kann zum Beispiel seine Augen schließen und sich einen Apfelbaum vorstellen, aber kann man diesen Baum aus hundert verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig visualisieren und zur gleichen Zeit den Blickwinkel auswählen, aus dem man die meisten Äpfel sieht? Sogar eine einfache Frage, wie

“Was esse ich zum Abendbrot?”

reicht aus, um einen an das mentale Limit zu bringen. Um wirklich die bestmögliche Entscheidung zu treffen, müsste man alle möglichen Abendbrot-Varianten durchdenken, die man essen könnte und ihren Geschmack, ihre Textur, ihren Nährwert, ihre Kosten, ihre Zugänglichkeit etc. überprüfen. Für eine ziemlich simple Entscheidung wie diese, würde man wohl läppische drei oder vier Möglichkeiten beachten und dann diejenige auswählen, die einem im Moment als die Beste erscheint. Was aber, wenn man eine sehr viel bedeutsamere Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen treffen muss, bei der es sehr viel wichtiger ist, sich in seiner Wahl sicher zu fühlen, so dass man meint, dass man zumindest nah am Optimum ist?

Das Leben ist voller solcher Entscheidungen. Welche Karriere soll man wählen? Wo soll man leben? Soll man sich scheiden lassen oder in einer unglücklichen Ehe bleiben? Das sind alles bedeutende, lebensverändernde Entscheidungen. Sicherlich kann man sich entscheiden, sie willkürlich und ohne eingehendere Erörterung zu treffen, aber man ist selbst derjenige, der mit den Konsequenzen leben muss. Wenn es einem misslingt, die Anstrengung hervorzubringen, das ganze Ausmaß des eigenen Intellekts anzuwenden, um die bestmögliche Entscheidung zu treffen, wenn so viel auf dem Spiel steht, was sagt das dann über den Wert aus, den man auf sein eigenes Leben legt?

Übung macht den Meister

Während nicht einmal das Tagebuchschreiben die wesentlichen Einschränkungen des bewussten Geistes, Lösungsräume mit Millionen von Möglichkeiten nicht systematisch durchdenken zu können, bewältigen kann, ist jedoch das Schreiben über ein Problem wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung. Man muss immer noch einen großen Teil der Entscheidung an das Unbewusste abgeben, an die Intuition und an die Emotionen. Aber je mehr man von diesem Prozesses in sein Bewusstsein ziehen kann (indem man entweder Papier oder einen Computermonitor als Ausdehnung des Bewusstseins nutzt), desto mehr Klarheit und Bildschärfe gewinnt man, wenn man weiß, dass die eigene Entscheidung richtig ist. Und auf lange Sicht gesehen – nachdem man ein paar Jahre lang diese mentale Disziplin geübt hat, um bewusstere Entscheidungen zu fällen – erntet man viel großartigere Resultate.