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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Wie egoistisch ist man?

Wie egoistisch ist man? Darf man das sein?

Einige Leser haben mich darüber informiert, dass sie enorme Schwierigkeiten mit dem Thema Egoismus bzw. Selbstlosigkeit haben. Tief in sich wollen sie ein Leben, in dem sie anderen dienen (AD), aber sie bemerken, dass ihr aktuelles Leben ausschließlich so konzipiert ist, dass sie sich selbst dienen (SD). Das führt häufig dazu, dass sie sich schuldig fühlen, aber normalerweise ist das nicht genug Antrieb um etwas zu ändern.

Es gibt genug Überzeugungen, die AD und SD in Konflikt bringen; meist wird eins von beiden favorisiert.

Zunächst gibt es die Seite, die AD vorzieht. Um anderen zu dienen, muss das “Ego sterben”. Das Ego wird als etwas betrachtet, das sich selbst überwinden muss. Um erleuchtet zu werden, muss man seine eigenen Bedürfnisse opfern und einem höheren Nutzen zu dienen. Viele Gesellschaften verehren Menschen, die scheinbar dieses Modell erfüllen.

Dann gibt es auch noch die SD-Seite. Die Menschen werden egoistisch geboren und man kann nicht erwarten, dass sie gegen ihre eigenen Interessen handeln. Egoismus ist in unserer Biologie verankert – sogar in unseren Genen kodiert. Am Ende sind wir auch nur Pawlow’sche Maschinen, die auf einen Reiz eine Reaktion folgen lassen und von Freude und Schmerz angetrieben werden. Die, die dem höheren Nutzen dienen, tun dies nur, weil es ihnen auf einer Ebene große Freude bereitet oder sie empfinden Schmerzen, wenn sie es nicht tun würden.

Ich finde, dass beide Standpunkte nicht funktionieren. Sie nehmen an, dass AD und SD zueinander in Konflikt stehen. Aber ist das wirklich so?

Wohin führt SD letztendlich?

Was würde passieren, wenn man komplett den SD-Weg einschlägt und ihn so weit, wie irgendwie möglich geht? Was wäre das egoistischste Leben, das man sich vorstellen kann? Was ist die größte Freude, die man sich vorstellen kann?

Würde man ein zweiter Hitler werden, die Welt erobern und alle unter seine Kontrolle bringen wollen? Okay, dann stelle man sich jetzt vor, man wäre der höchste Führer und Lenker auf diesem Planeten. Was dann? Was würde man mit der ganzen Macht anfangen? Wenn man sich nicht bemühen müsste, sie zu halten, würde man sich sicher nach einer Weile langweilen.

Der SD-Weg lässt sich bei den meisten auf Angst zurückführen. Je mehr Geld, Kontrolle und Macht man erreicht, desto ängstlicher wird man, es oder sie zu verlieren. Das Streben nach immer mehr Macht ist endlos. Die Situation ist nie völlig sicher.

Aber was, wenn man irgendwie diesen Weg gehen und totale, absolute Sicherheit erreichen könnte? Was würde man dann tun? Was würde man tun, wenn man keine Angst hätte?

Vielleicht würde man etwas beitragen wollen… einen Unterschied machen wollen… ein Vermächtnis zurücklassen. Wenn Angst und Sicherheit dich nicht mehr motivieren würden, was würde dann an ihre Stelle treten?

Ich denke, dass das Streben nach SD – wenn man es weit genug durchdenkt und sich vorstellt, dass man bei jedem Schritt Erfolg hätte – einen schließlich zu einer Form des AD bringt.

Wohin führt AD letztendlich?

Was, wenn man nun mit AD beginnt? Was, wenn man andere Menschen komplett über sich selbst stellt? Was, wenn man anstrebt, den größtmöglichen Beitrag zu leisten, egal, was einen das persönlich kosten würde? Wohin führt das?

Man stelle sich vor, dass man massiven Erfolg dabei hat, anderen zu dienen. Man hat jede bekannte Krankheit geheilt, das Ökosystem ausbalanciert, Armut und Leiden beseitigt und das Selbstbewusstsein jedes Menschen maximiert. Man hat die Probleme der Menschheit gelöst. Keiner braucht deine Hilfe mehr.

Was machst du dann? Dich dran erfreuen? Mal an sich selbst arbeiten für eine Weile? Führt das dann nicht wieder zurück zu SD?

Synergie zwischen SD und AD

Ich bin mir natürlich völlig darüber im Klaren, dass man weder den AD- noch den SD-Weg während eines menschlichen Lebens bis zum Ende gehen kann. Es wird auf jeder Seite immer noch etwas mehr zu tun geben. Aber dieser Denkansatz machte mich neugierig – wenn man die eine Seite ausreizt und damit wieder auf der anderen Seite ankommt, was bedeutet das dann?

Für mich zeigt das an, dass SD und AD auf dem selben Weg liegen. Wenn man jeweils ans Ende des einen kommt, beginnt wieder der andere. Vielleicht sind AD und SD völlig verdreht – wie ein Möbiusband .

Biologisch gesehen, macht das Sinn für mich. Damit die Menschen überleben, müssen AD und SD in Balance sein. Wenn wir uns nur um uns selbst und nicht um andere kümmern, würden wir nicht für unsere Kinder sorgen (neben anderen Schwierigkeiten) und wir würden schließlich aussterben. Wenn wir uns nur um andere und nie um uns selbst kümmerten, würden wir uns nicht mehr um unsere Grundbedürfnisse sorgen und würden wahrscheinlich an der Vernachlässigung unserer Gesundheit sterben.

Um optimal SD zu sein, muss man wenigstens teilweise AD sein. Und um optimal AD zu sein, muss man zumindest teilweise SD sein. Manchmal ist es das Selbstloseste, was man tun kann, egoistisch zu sein – und andersherum.

Wenn man einem höheren Zweck dienen will, muss man zuerst seine eigenen Bedürfnisse erfüllen. Man muss sich um seine Gesundheit kümmern, um seine finanziellen Bedürfnisse, um seine Bildung, etc.

Wenn man sich um seine eigenen Interessen kümmern will, braucht man die Unterstützung der Gemeinschaft um einen herum, die einem hilft, erfolgreich zu sein. Zumindest finanziell bekommt man das hin, indem man Produkte und Dienstleistungen von anderen kauft.

Kongruenzprobleme diagnostizieren

SD und AD müssen in Balance bleiben. Man kann nicht nur einen Weg wählen. Man braucht beide.

Was ist aber mit Situationen, wenn beide im Konflikt stehen? Ich streite sicher nicht ab, dass es solche Situationen gibt. Aber ich rate nicht, dass man unheimlich viel Zeit damit verbringt, herauszufinden, wann man SD und wann man AD wählt. Ich schlage vor, dass man an seinem Lebensziel arbeitet und dort versucht, AD und SD in Harmonie zu bringen.

Nehmen wir zum Beispiel eine Job-Situation, die fast nur aus SD besteht. Man macht den Job des Geldes wegen, für andere Vergütungen oder für ein Gefühl der Sicherheit, aber diese Arbeit dient auf keinerlei bedeutungsvolle Art einem höheren Nutzen. Nehmen wir noch an, die Firma produziert Junk Food – die Art von Produkten, die der Gesundheit der Menschen auf lange Sicht nur schadet. Aber die Firma und man selbst wird dafür bezahlt.

In seiner Freizeit aber arbeitet man ehrenamtlich, verbringt viel Zeit mit seiner Familie, usw. In seinem privaten Leben versucht man deutlich mehr AD zu sein.

SD und AD stehen im Konflikt. Sind sind nicht ausbalanciert.

Wieviele solcher Unternehmen kennst du, die so arbeiten? Die Arbeit, die sie machen, ist fast ausschließlich SD; dienen den Bedürfnissen des Unternehmens und der Investoren, aber ab und an steuern sie zu sozialen Projekten etwas bei und verzieren das Ganze mit einem niedlichen Leitspruch. Innerlich werden sie von anderen Werten geleitet (meistens Gier), als sie nach aussen hin projizieren (anderen zu dienen).

Das ist pure Shizophrenie.

Wenn man sich in einer solchen Situation befindet, dann kann man damit beginnen, sich klar zu machen, wo man hauptsächlich AD und wo SD ist. Wo wird man zu sehr von Eigeninteresse geleitet und schadet anderen? Und wo opfert man zu viel und schadet sich selbst?

Nicht schummeln

Wenn sich die Leute in einer nicht ausbalancierten Situation finden, versuchen sie zu schummeln.

Sie versuchen SD oder AD für ihre Situation umzudefinieren. Eine Firma, die von Gier getrieben wird, versucht dann zum Beispiel mit einem netten Leitspruch aufzuwarten, welches ein AD-Licht auf ihre geschäftlichen Ziele wirft. Aber keiner glaubt ihnen. Das ist nur ein netter Anstrich, motiviert die Leute aber nicht. Die meisten Unternehmensleitbilder, die ich von Fortune 500 Firmen gesehen habe, fallen in dieses Muster. Sie sind in einer so unklaren und nicht präzisen Sprache geschrieben, dass sie nichts Greifbares aussagen. Ich würde ihnen mehr Anerkennung schenken, wenn ihre Leitsprüche mit:

“Unsere Mission ist, unsere Investoren ekelhaft reich zu machen und unsere Konkurrenz zum Schweigen zu bringen.”

beginnen würden. Das wäre wohl eine akkuratere Aussage über ihren Sinn, als das, was es durch den PR-Filter schafft.

Wenn Menschen sich in einer hauptsächlich SD-geprägten Situation befinden, versuchen sie einige AD-Komponenten hinein zu rationalisieren. Sie versuchen das Gute in dem zu finden, was sie tun.

“Hey, wenigstens zahle ich meine Steuern. Wenn ich diesen Job nicht mache, macht ihn jemand anderes. Ich bin nur ein guter Ernährer.”

Belüge dich nicht selbst. Du kennst die Wahrheit.

Den Weg zur AD- und SD-Kongruenz finden

Es ist nicht einfach, einen Weg zu finden, auf dem AD und SD konform gehen. Aber es ist möglich. Auf einem solchen Weg, zeigen Gier und Dienst in die gleiche Richtung. Während man immer noch kleinere Konflikte zwischen beiden bewältigen muss, ist das umfassende Bild ausbalanciert. Man wird sehen können, dass AD und SD den selben Weg entlangführen.

Was wäre der egoistischste Weg, den man wählen könnte? Ich denke, wenn man die Frage genau genug beantwortet, wird man bemerken, dass dies auch ein Weg voller Dienst für andere ist. Welcher ist der Weg des größten Dienstes? Ist es nicht auch ein Weg voll Freude?

Als ich mein Spiele-Unternehmen aufbaute, bemerkte ich diese Inkongruenz auch in meinem Leben. Teile meiner Arbeit waren SD (wie Verkäufe und Marketing). Andere waren AD (wie kostenlose Artikel zu schreiben und andere Entwickler zu coachen). Aber jeder Teil schien für sich zu stehen. Normalerweise machte ich zu einer Zeit entweder SD- oder AD-Arbeiten. Ich versuchte sogar meine Zeit zwischen beiden auszubalancieren.

Nach einigen Jahren, sah ich, dass es verrückt war, so zu leben. Also beschloss ich, dass ich einen neuen Weg finden und die meiste Zeit mit Arbeit verbringen würde, die AD und SD zur gleichen Zeit ist.

Das Selbstsüchtigste, das ich für mich tat, war an meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Wachstum ist mein Hauptantrieb, mein größter SD. Die Arbeit, die sich am meisten darauf konzentriert, andern zu dienen, ist, dass ich anderen bei ihrem Wachstum helfe.

Wenn ich jemandem bei einem Perspektivenwechsel helfen oder ihm eine neue Fertigkeit beibringen kann, liegt darin das Potential ihn/sie für sein ganzes Leben zu verändern. Und dann ziehen diese Leute vielleicht damit los und tun noch mehr AD-Arbeit.

Mir fiel es nicht schwer, mir eine Arbeit zu überlegen, bei dem ich meinen Teil vom Kuchen abbekommen könnte und auch dazu käme, ihn zu essen. Ich erkannte, dass es enorme Synergien zwischen der Arbeit an meinem eigenen Wachstum (Gier) und der Hilfe für andere (Dienst) geben würde. Je mehr ich an meinem eigenen Wachstum arbeite, desto größer werden die Kapazitäten für andere. Und je mehr ich anderen diene, desto mehr hilft mir dieser Unstand zu wachsen.

So stellte ich mir das Idealbild meiner Arbeit vor, aber nun, da ich diesen Weg schon 9 Monate lang verfolge, muss ich wirklich sagen, dass es funktioniert.

Meine Entscheidung, diesen Blogeintrag zu schreiben, wird zum Beispiel sowohl von meinen AD- als auch von meinen SD-Gründen motiviert.

Auf der AD-Seite wird dieses Blog hoffentlich einem meiner Leser nutzen. Vielleicht hat es gar keinen Effekt, aber es könnte auch sehr vielen Menschen helfen. Außerdem wird dieser Artikel dabei helfen, mehr Traffic auf die Seite zu bringen, was wiederum hoffentlich noch mehr Leuten hilft. Außerdem gibt es hier Berge kostenloser Inhalte, so dass die Seite sicherlich ein breites Publikum anspricht. Ich habe keine Zweifel, dass diese Seite Leuten Gutes tut. Jede Woche bekomme ich Feedback darüber. Viele Leser haben mir von zahlreichen Veränderungen berichtet, die sie erlebt und wie dramatisch sich ihre Resultate verbessert haben.

Dann gibt es da auch die SD-Seite. Diesen Blogeintrag zu schreiben, hilft mir auch dabei, meine eigenen Ideen klarer zu fassen. Ich werde dazu Feedback erhalten, welches mir dabei helfen wird, diese Ideen aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Vielleicht zerreißen die Leute einiges davon. Das wird mir wiederum dabei helfen, meine eigenen Gedanken erneut zu evaluieren – und daran kann ich wieder wachsen.

Die Ideen dieses Artikels werden vielleicht in einem Buch, einer Rede oder einem Seminar enden, so dass die Leute, die die Inhalte heute lesen, mir beim Beta-Test helfen. Außerdem hilft jeder neue Artikel dabei, mehr Traffic zu generieren, was wieder mehr Klicks auf Werbung (direktes Einkommen), mehr Newsletter- und RSS-Abonnenten bedeutet.

Daraus entsteht wiederum ein größeres Publikum, welches später Info-Produkte wie Bücher, Audio-Programme, Seminare, etc. kauft. Das bedeutet auch, dass es mehr Leute geben wird, die mich als Redner engagieren oder welche vielleicht in 5-10 Jahren an einem Seminar teilnehmen werden. Und schlussendlich bedeutet das mehr Einnahmen, was mir wiederum mehr Wachstumserfahrungen zugänglich macht. Neue Wachstumserfahrungen bringen mir neue Ideen, die ich mit anderen teilen kann, was dann wiederum AD ist.

Was ich mache, wird also durch Egoismus und durch den Wunsch zu dienen angetrieben. Für mich ist es dasselbe. Anderen helfen bedeutet auch egoistisch zu sein.