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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Wie man entscheidet
wann man eine Langzeitbeziehung beendet

Beziehungen sind eine der komplexesten Aspekte in unserem Leben, besonders Langzeitbeziehungen wie die Ehe. Beziehungen können einen auf’s Höchste beflügeln oder völlig erschlagen.

Was aber, wenn man irgendwo in der Mitte steckt?

Was, wenn eine Beziehung ganz gut ist, wie eine 7 auf einer Skala von 1 bis 10? Sollte man bleiben und sich offen zu der Beziehung für den Rest des Lebens bekennen? Oder sollte man gehen und nach etwas Besserem suchen, etwas, das noch viel besser werden könnte?

Das ist der furchtbare Zustand der Ambivalenz. Man ist sich bei keinem der Wege sicher. Vielleicht ist das, was man hat, gut genug und man wäre ein Narr, es aufzugeben, um nach einer neuen Beziehung zu suchen, die man vielleicht nie findet. Oder vielleicht steht man sich ernsthaft selbst im Weg, die wirklich erfüllende Partnerschaft zu finden, die für den Rest des Lebens hält. Schwieriger Fall.

Soll ich bleigen, soll ich gehen? von Mira Kirshenbaum

Englisches Original

Glücklicherweise gibt es ein großartiges Buch, das helfen kann, den Zustand der Ambivalenz zu überwinden. Es ist von Mira Kirshenbaum und heißt Soll ich bleiben, soll ich gehen?: Ein Beziehungs-Check. Ich habe dieses Buch vor vielen Jahren gelesen und es hat meine Sicht auf Langzeitbeziehungen vollständig verändert.

Zuerst behandelt das Buch, was der falsche Weg zu einer Entscheidung ist. Der falsche Weg ist der Versuch, das Positive gegen das Negative – von Gehen gegenüber Bleiben – aufzuwiegen. Das ist natürlich, was jeder macht. Pro und Kontra abzuwägen erscheint logisch, aber es versorgt einen nicht mit den richtigen Informationen, die man benötigt, um diese Entscheidung zu treffen. Es werden wohl in jeder Beziehung positive und negative Aspekte vorhanden sein. Wie soll man also wissen, ob die eigenen tödlich, tolerierbar oder wundervoll sind? Die negativen Aspekte diktieren einem zu gehen, während die positiven für das Bleiben sprechen. Außerdem müsste man zukünftige positive und negative Aspekte der Beziehung voraussagen können, wie soll man das denn machen? Wer soll denn einschätzen, ob Probleme temporär oder bleibend sind?

Kirshenbaums Lösung ist, die oben genannte Abwägungsstrategie zu vergessen und stattdessen eine diagnostische Sichtweise einzunehmen. Man soll den wahren Status der Beziehung diagnostizieren, anstatt sie auf einer Skala einzuschätzen. Diese Methode wird einen mit den Informationen versorgen, die man benötigt, um einen intelligente Entscheidung zu treffen und genau zu wissen, warum man sie trifft. Wenn man ambivalent ist, heißt das, das die Beziehung kränkelt. Die genaue Natur der Krankheit zu entdecken, scheint der beste Ausgangspunkt zu sein.

Um diese Beziehungsdiagnose zu leisten, bietet die Autorin 36 Ja/Nein-Fragen an, die man sich selbst stellen soll. Jede Frage wird genau mit einigen Seiten Text erklärt. Eigentlich besteht das Buch hauptsächlich aus der Diagnoseprozedur.

Jede Frage sieht die Beziehung durch einen anderen Filter. Wenn man die Frage besteht, kann man zur nächsten Frage weiter gehen. Besteht man eine Frage nicht, ist die Empfehlung, die Beziehung zu beenden. Um die Empfehlung zu bekommen, dass man zusammen bleiben sollte, muss man 36 Fragen bestehen. Wenn man nur eine Frage nicht besteht, dann empfiehlt die Autorin, zu gehen.

Das ist aber nicht so brutal, wie es sich anhört, da die meisten der Fragen sehr einfach zu bestehen sind. Ich vermute, dass weniger als ein Drittel der 36 Fragen viel Nachdenken benötigt. Hoffentlich kann man Fragen wie:

“Schlägt Ihr Partner Sie?”

und

“Verlässt ihr Partner ohne Sie für immer das Land?”

ohne viel Mühe negativ beantworten. Wenn nicht, braucht man wahrscheinlich kein Buch, dass einem sagt, dass die Beziehung gerade den Bach runter geht.

Die Empfehlungen der Autorin basieren auf der Beobachtung mehrerer Paare, die ebenfalls unter Ambivalenz in einem der 36 Fälle litten und ihrer Erlebnisse nach der Entscheidung, sich zu trennen oder zusammen zu bleiben. Die Autorin beobachtete dann, wie sich diese Beziehungen auf lange Sicht gesehen entwickelten. War die entscheidende Person nach Jahren immer noch der Meinung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben? Blieben die Paare zusammen, blühte die Beziehung zu etwas Großartigem auf oder wurde sie zunehmend geprägt durch Missgunst und Ärger? Trennten sie sich, fanden sie neues Glück oder erfuhren sie immer währende Reue aufgrund der Trennung?

Ich fand dieses Konzept sehr wertvoll, ähnlich als könne man vorhersehen, was passieren kann. Die Empfehlungen basieren auf den Beobachtungen der Autorin und ihrer professionellen Meinung, daher würde ich nicht empfehlen, ihren Rat blind anzunehmen. Ich persönlich fand jedoch ihre Schlussfolgerungen absolut vernünftig und sah keine Überraschungen. Ich bezweifle, dass man sehr überrascht sein wird, wenn man liest, dass eine Beziehung mit einem Drogensüchtigen dem Untergang geweiht ist. Aber was ist mit einer Beziehung mit jemandem, den man nicht respektiert? Was ist mit einer Fernbeziehung? Oder eine Beziehung mit einem Workaholic der 10x so viel verdient, wie man selbst? Würde man da nicht wissen wollen, wie sich die Beziehungen entwickeln, wenn die Paare zusammen bleiben bzw. wenn sie sich trennen?

Kirshenbaum erklärt, wenn eine Trennung ratsam ist, dann weil die Paare, die zusammen geblieben sind, in dieser Situation unglücklich waren, während andere, die sich trennten, glücklicher waren. Das Langzeit-Glück des Partners der die Entscheidung trifft, zu bleiben oder zu gehen, ist also das ausschlaggebende Kriterium.

Wenn man vor einem “Soll ich bleiben, soll ich gehen?”-Dilemma steht, kann ich dieses Buch sehr empfehlen. Man wird durch die meisten Filter durchrutschen, aber man wird sicher einige treffen, die einen innehalten lassen und wirklich zum Nachdenken bringen. Aber ich empfehle dieses Buch nicht nur für Menschen, die sich über den Zustand ihrer Beziehung nicht sicher sind, sondern auch für solche, die in einer gesunden Beziehung sind und diese sogar noch besser machen wollen. Dieses Buch wird helfen, die Schwachpunkte der Beziehung zu diagnostizieren, die zu einer Trennung führen könnten und sie bewusst zu bearbeiten.

Hier sind einige diagnostische Punkte des Buches, die hilfreich sein könnten (meine Zusammenfassungen, nicht die exakten Worte der Autorin):

  1. Wenn Gott oder ein göttliches Wesen sagen würde, dass es okay wäre, die Beziehung zu verlassen, würden Sie sich erleichtert fühlen, dass Sie endlich gehen könnten? Wenn nur die Religion der Grund ist, weswegen man noch zusammen ist, ist die Beziehung längt tot. Man sollte die selbstquälerischen Einstellungen fallen lassen und das Glück wählen. Physisch zusammen zu leben, aber im Herzen nicht dabei zu sein, wird ein göttliches Wesen sowieso nicht täuschen, noch wird es wohl niemand anderes um einen herum täuschen. Man sollte die Heuchelei hinter sich lassen und gehen.
  2. Werden Ihre Bedürfnisse in der Beziehung ohne allzu viele Schwierigkeiten befriedigt? Wenn es zu viel Anstrengung bereitet, dass die eigenen Bedürfnisse befriedigt werden, dann schadet einem die Beziehung eher, dass sie nützt. Gehen Sie.
  3. Mögen Sie Ihren Partner wirklich und scheint es, dass dieser Partner Sie auch wirklich mag? Wenn man sich nicht gegenseitig wirklich mag, dann gehört man nicht zusammen.
  4. Fühlen Sie eine einzigartige sexuelle Anziehung zu ihrem Partner? Wenn kein Funke davon da ist, gibt es keinen Grund zu bleiben.
  5. Zeigt Ihr Partner Verhalten, dass die Beziehung zu schwierig macht, um zu bleiben und ist Ihr Partner entweder unwillig oder unfähig, sich zu ändern? Dabei sind Ergebnisse wichtiger als Absichten. Wenn sich der Partner so benimmt, dass es nicht mehr tolerierbar ist, dann ist eine permanente Veränderung oder eine Trennung ein Muss. Ein Beispiel: „Höre innerhalb von 30 Tagen für immer auf zu rauchen oder ich gehe.“ Etwas nicht zu Tolerierendes weiter zu ertragen wird nur dem Selbstbewusstsein schaden und man glaubt sich in der Vergangenheit stärker als in der Gegenwart.
  6. Sehen Sie sich selbst, wenn Sie in die Augen Ihres Partners schauen? Eine Metapher – wenn sich kein bisschen mit dem Partner vergleichen kann, dann ist man mit jemand anderes besser dran.
  7. Respektieren Sie sich gegenseitig als Individuen? Kein gegenseitiger Respekt = Zeit zu gehen.
  8. Ist Ihr Partner eine wertvolle Ressource für Sie und interessieren Sie sich für ihn? Wenn der Partner nur wenig tut, um ihr Leben zu bereichern und man nichts verlieren würde, wenn man geht, sollte man gehen. Man wird sein Leben wieder ins Lot bringen, wenn man allein ist und sogar noch mehr erreichen, wenn man jemanden findet, der eine wertvolle Ressource für einen ist.
  9. Hat Ihre Beziehung eine nachweisebare Kapazität an Versöhnlichkeit? Kann man sich seine Sünden gegenseitig nicht vergeben, dann wird Liebe nach und nach durch Missgunst ersetzt werden. Zeit zu gehen.
  10. Haben Sie Spaß mit Ihrem Partner? Eine Beziehung ohne Spaß ist tot. Zeit zu gehen.
  11. Haben Sie und Ihr Partner gemeinsame Ziele und Träume für die Zukunft? Wenn man nicht plant, die Zukunft zusammen zu verbringen, dann läuft etwas schrecklich schief. Zeit zu gehen.

Diese Fragen betonen, dass eine Beziehung eine Bereicherung für das Leben sein soll und keine Last. Man sollte zumindest in der Beziehung glücklicher sein als allein. Kirshenbaum betont jedoch, dass man lieber eine Trennung mit einer chaotischen Scheidung und komplizierten Sorgerechtsfragen in Kauf nehmen sollte, da man dann wieder auf dem Weg zu Langzeit-Glück wäre, während es in der Beziehung wahrscheinlich für immer verhindert werden würde.

Einige der Trennungsgründe mögen harsch erscheinen, wenn die Situationen dem einen oder anderen erscheinen, als könne man sie durchaus noch retten. Eine Beziehung verlangt jedoch den Einsatz und die Anstrengung beider Partner. Eine Person allein kann sie nicht retten. Obwohl man mit einer wunderbaren Rettung möglicherweise Erfolg haben kann (z.B. eine missbräuchliche Beziehung herumzudrehen), haben solche Versuche doch meistens keinen Erfolg und falls sie doch Erfolg haben, dann benötiget man so viel Zeit und Arbeit, dass man schließlich meint, es wäre die Anstrengung nicht wert gewesen.

Man könnte in einer neuen Beziehung (oder einfach allein) viel glücklicher sein, als so viel Zeit in eine Beziehung zu investieren, die einen in den Abgrund zieht.

Man tut sich mehr Gutes, wenn man sich jemandem hingibt, der empfänglich für das ist, was man zu bieten hat und der dies schließlich auch zu schätzen weiß. Wenn man in der Beziehung mehr Zeit verbringt um Widerstände zu bekämpfen, als Liebe zu teilen, dann ist man wahrscheinlich besser dran, wenn man sie loslässt und sich auf eine neue Beziehung einlässt, die für weniger Anstrengung größere gegenseitige Belohnungen birgt.

Man kann diese diagnostischen Fragen selbstverständlich auch auf ein weiteres Spektrum menschlicher Beziehungen anwenden, z.B. auf die Beziehung zwischen Chef und Mitarbeitern. Vielleicht kann man dann die sexuelle Anziehung streichen, aber gegenseitigen Respekt, Spaß, gemeinsame Ziele, erträgliches Verhalten, Bedürfnisbefriedigung usw. passen sehr gut auch zu beruflichen Beziehungen. Beispielsweise fände ich es ein sehr schlechtes Zeichen für den Mitarbeiter oder den Chef, wenn der Mitarbeiter seine Zukunft in der Firma besprechen möchte, der Chef ihn aber meidet.

Man sollte die Frage, ob man die aktuelle Beziehung verlassen soll, nicht mit der Frage verwechseln, wie man eine neue finden kann. Wenn es klar ist, dass die aktuelle Beziehung besser beendet werden sollte, dann muss es so sein. Wenn man dann erst wieder allein ist, dann kann man die Fähigkeiten (wieder-)entwickeln, die benötigt werden, einen neuen Partner anzuziehen. Es ist unwahrscheinlich, dass man, während man noch in einer alten Beziehung steckt, gleichzeitig auf der Schwelle zu einer neuen Beziehung stehen kann. Beispielsweise werden alle um einen herum einen als vergeben betrachten, wenn man noch in einer Beziehung steckt, also wird man so keinen klaren Eindruck gewinnen können, so lange man noch nicht frei ist.

Eventuell wird eine gute Diagnose einen auch überzeugen, dass die eigene Beziehung tatsächlich zu gut ist, um sich zu trennen. Diese Situation kann das ganze Leben lang andauern oder sich irgendwann auch ändern. Man kann nicht alle Variablen kontrollieren. Aber wenigstens hat man dann eine Methode, zu entscheiden, ob man in seiner aktuelle Beziehung bleiben sollte oder ob man Pläne schmieden sollte, sich zu trennen.

In jeder Beziehung sollte man sich zumindest für das eigene Glück entscheiden.