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Wie man Posterioritäten setzt

Man kennt sicher den Ausdruck, “Prioritäten setzen.” Man schaut sich seine Liste mit Zielen, Projekten oder Aufgaben an und sortiert sie in eine Reihenfolge vom Wichtigsten zum Unwichtigen. Dann konzentriert man sich auf die wichtigsten Dinge, bevor man die weniger Wichtigen angeht. Nicht allzu überraschend bisher…

Aber angenommen eine neue Priorität tritt ins Leben und es ist eine, die einen nicht-trivialen Teil an Zeitinvestition benötigt. Man will vielleicht ein Sportprogramm beginnen und ihm einige Stunden pro Woche widmen. Man denkt aber nicht, dass man irgendwo Freizeit hat, wo man seine Trainingsroutine einschieben kann. Die gesamte Idee der Freizeit ist sowieso ein wenig albern. Man nutzt Zeit immer für irgendetwas, auch wenn es für Freizeitaktivitäten oder zum Ausruhen ist.

Die einzige Möglichkeit, etwas Neues in seinem Leben einzufügen, ist, etwas Altes hinauszuwerfen. Man füllt ja schon einen 24-Stunden-Tag mit 24 Stunden gewohnheitsmäßiger Handlungen, ob es nun Schlaf ist, Arbeit, Ausruhen oder einfach Faulsein. Man kann keine zusätzliche Stunden einschieben und einen 25-Stunden-Tag erschaffen (Wobei… vermutlich könnte man das, wenn man einen sehr flexiblen Ablauf hat, aber man verliert so zwei Wochen bis zum Ende des Jahres).

Es entsteht ein Problem, wenn man versucht, 25 Stunden in 24 Stunden zu quetschen. Die Stunde muss irgendwo geklaut werden. Meistens wählen die Leute aber nicht, wo diese Stunde tatsächlich herkommen soll. Sie werden der neuen Aktivität eine Zeit zuweisen, aber nicht bewusst darüber nachdenken, was aus dem Zeitfenster ersetzt wird. Das kann darin enden, dass man sich ohne triftigen Grund gestresst oder überfordert fühlt, was oft nur zum Aufschieben führt. Vielleicht waren die ersetzten Aktivitäten wichtiger als man dachte.

Wie helfen Posterioritäten weiter?

Die Idee, Posterioritäten zu setzen, heißt, dass man bewusst und absichtlich wählt, was man ersetzen will, wenn man etwas Neues beginnt. Wenn man also jedem Tag 30 Minuten Sport zufügen möchte, wo werden sie herkommen? Werden sie vom Schlaf gestohlen, von der Familienzeit, Faulenzerei, Spaßzeit, von der Zeit zum Nachdenken, etc.?

Wann immer man seinem Leben eine neue Priorität hinzufügt, wird man idealerweise eine Posteriorität löschen. Genau wie man eine Liste von den Dingen macht, die im eigenen Leben am wichtigsten sind, kann man auch eine Liste von Dingen machen, die einem am wenigsten wichtig sind. Man sollte aufschreiben, welche Dinge man während des Tages tut, die einfach nicht wichtig sind. Wo kann man von unwichtigen Aktivitäten Zeit stehlen, um sie wichtigeren Dingen neu zuzuordnen? Kann man vielleicht einige Zeit Fernsehen löschen, um etwas mehr zur Lesezeit zuzufügen? Kann man überflüssiges Websurfen löschen, um etwas mehr Zeit zum Denken zuzufügen?

Woher die Zeit nehmen?

Manchmal kann es keine Herausforderung sein, Posterioritäten zu setzen. Wenn man erst einmal ein ausbalanciertes Leben hat und dann ein großes neues Projekt beginnen will, wird man es schwer haben, Zeit von anderen Aktivitäten zu stehlen, weil jetzt alles wichtig erscheint. Ich hatte das Problem, als ich anfing, mein Buch zu schreiben. Das ist ein großes Projekt und ich investiere momentan 40 Stunden pro Woche dafür. Das sind 40 Stunden die Woche, die ich ersetzen muss, um dieses Projekt abzuschließen – ein großer Zeitumfang. Am Anfang versuchte ich naiverweise es einfach in meinen sowieso schon vollen Plan zu stopfen ohne bewusst zu entscheiden, welche 40 Stunden ich ersetzen wollte. 10 dieser 40 Stunden habe ich bewusst abgeworfen und so versuchte ich 70 Stunden an Aktivität in diese 40 Stunden zu pressen. Offensichtlich hat das nicht sehr gut funktioniert. Ich musste bewusst 30 Stunden auswählen, die ich ersetze und dazu musste ich einige große Opfer bringen. Einige kamen aus der Schlafenszeit, einige aus der Familienzeit, aber der größte Teil kam aus anderen arbeitsbezogenen Aktivitäten. Ich musste viele geschäftliche Möglichkeiten ausschlagen, die ich normalerweise genutzt hätte. Ich musste anfangen, viel öfter nein zu sagen.

Mittlerweile muss ich nahezu jede Woche zu zwei oder drei verlockenden geschäftlichen Angeboten “Nein” sagen. Auf kurze Sicht gesehen, wären die meisten erfolgreich, aber auf lange Sicht gesehen, würde ich mein Buch nie fertig bekommen, wenn ich zu oft ja gesagt hätte. Und letztendlich ist das Buchprojekt viel wichtiger als die Summe dieser kleineren Projekte, wie verlockend sie auch erscheinen.

Man benötigt vielleicht ein wenig sorgfältiges Überlegen, um herauszufinden, was einem wichtig ist und was nicht. Wenn man zum Beispiel gerade in einem Vollzeit-Job arbeitet und entscheidet, sein eigenes Unternehmen zu gründen. Viele Menschen werden versuchen, das Unternehmen in ihrer, ..ähm, Freizeit zum Laufen zu bringen, während sie ihren Vollzeit-Job behalten. Und das funktioniert sicher für einige Menschen. Freizeit existiert aber nicht wirklich, was wird also ersetzt? Oft ist es die Familienzeit, Freizeit oder Sportzeit.

Wenn man also zusätzliche zwei Stunden pro Tag an seinem Unternehmen arbeitet, hat man nicht nur seine Arbeitszeit um zwei Stunden erhöht, sondern man hat auch seine Erholungszeit um zwei Stunden verkürzt. Und das wirft das Leben oft aus der Balance und kann zu physischer und emotionaler Überforderung führen. Ich gestehe, dass ich diese Situation ziemlich gut kenne.

Alternative Wege?

Ein alternativer Weg, diese Situation zu handhaben, ist es die zusätzliche Zeit für das neue Unternehmen von der existierenden Arbeitszeit zu stehlen. Je nachdem, welche Möglichkeiten einem zur Verfügung stehen, ist man vielleicht in der Lage…

  • seine Arbeitsstunden zu verkürzen
  • in einem Halbtagsjob zu wechseln
  • ganz aufzuhören und Vollzeit am neuen Unternehmen zu arbeiten
  • angefallene Urlaubstage und Krankentage zu nutzen, von denen man vielleicht einen pro Woche nehmen kann
  • kleine Blocks an Zeit während des normalen Arbeitstages für das neue Unternehmen zu stehlen

Offensichtlich werden einige dieser Optionen das Einkommen senken, aber für viele Menschen ist das eine bessere Wahl, als zu viel Freizeit abzugeben.