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Wie man seine Werte lebt (Teil 2)

Nichts ist heiliger als die Integrität der eigenen Seele.
— Ralph Waldo Emerson

Im ersten Teil dieser zweiteiligen Serie haben wir ein Schritt-für-Schritt-Programm kennengelernt, wie man seine persönlichen Werte herausfinden und priorisieren kann. In Teil 2 werden wir erkunden, wie man diese Werte mit Integrität leben kann und wie man sie nutzt, um Entscheidungen zu treffen und zu handeln.

Wie man mit seinen Werten Entscheidungen trifft

Wenn man seine Werte einmal kennt und versteht, kann man sie immer wieder zu Rate ziehen, wenn man eine wichtige Entscheidung treffen muss. Sollte man den neuen Job annehmen, der einem angeboten wurde? Sollte man eine neue Beziehung suchen? Wie viel Zeit sollte man mit seiner Familie verbringen? Dies können alles schwierige Entscheidungen sein – ohne klare richtige oder falsche Antworten. Es kann sein, dass man sie an verschiedenen Punkten im Leben unterschiedlich beantwortet.

Die persönliche Werteliste kann jedoch bei diesen Entscheidungen helfen. Wenn man sich einer solchen Entscheidung gegenüber sieht, nimmt man seine Liste heraus und schaut sich die Priorisierung (Reihenfolge) der Werte an. Dann fragt man sich:

“Was würde ein Mensch mit diesen Werten in der gegebenen Situation tun?”

Normalerweise beantwortet die Priorisierung der Werte die Frage.

Wenn einem zum Beispiel eine Beförderung angeboten wird, welche die wöchentlichen Arbeitsstunden von 40 auf 60 anhebt, aber das Gehalt verdoppelt, sollte man sie annehmen? Wenn Werte wie Erfolg und Leistung ganz oben auf der Liste stehen, dann wird man wahrscheinlich “Ja” sagen. Wenn Freiheit und Familie ganz oben stehen, wird man die Beförderung wahrscheinlich ablehnen.

Indem man sich seine Werte klar gemacht hat, hat man bereits entdeckt, was am Wichtigsten für einen ist und das schwierige Denken schon erledigt. Wenn man sich also solchen Entscheidungen gegenüber sieht, ist man in der Lage, sie auf einen Vergleich mit seinen Werten zu reduzieren und schon wird die Entscheidung klar. Wenn die Beförderung aber mehr Erfolg, jedoch weniger inneren Frieden bedeutet, kann man seine Werte vergleichen und feststellen, ob sie eine gute Idee ist oder nicht. Das Ziel ist, seine höchsten Werte mehr und mehr zu erfüllen, sie aber nicht den tieferen Werten zu opfern.

Man sollte sich erinnern, dass das nur eine Denkweise ist, um Entscheidungen zu treffen. Somit hat sie auch ihre Grenzen, aber man wird bemerken, dass sie beim Treffen von Entscheidungen doch zu Klarheit verhilft.

Anpassung erreichen

Wann immer sich die eigenen Werte verändern, muss man die verschiedenen Lebensbereiche anzupassen, um erneute Harmonie mit den eigenen Werten zu gewährleisten. Wenn Erfolg der höchste Wert ist, dann wird für einen wichtig sein, reichlich Erfolg zu haben. Erfolg mag eine erfolgreiche Karriere, ein hohes Einkommen, eine erfüllende Beziehung und einen gesunden Körper einschließen. Man sollte sich fragen, welche Lebensbereiche nicht mit den Top-Werten konform gehen und überlegen, wie man sie anpassen kann.

Wenn man bemerkt, dass die eigene Realität und die eigenen Werte nicht (mehr) zusammen passen, hat man zwei grundlegende Optionen, um die Angleichung vorzunehmen.

Zuerst einmal kann man die Situation anpassen, um Angleichung wiederherzustellen. Wenn Gesundheit also der wichtigste Wert ist und man erkennt, dass man zu viel ungesundes Essen im Haus hat, kann man die eigene Küche verändern, indem man das Junk Food hinauswirft und es mit gesünderen Dingen ersetzt, damit sie zum den neuen Wert der Gesundheit passt.

Zweitens kann man sich von der Situation entfernen und von vorn anfangen, um die Anpassung von Anfang an zu gewährleisten. Wenn man sich in einer Beziehung befindet, in der man definitiv Kinder haben möchte, aber der Freund oder die Freundin, das auf keinen Fall will, kann man sich überlegen, sich zu trennen, um eine passendere Beziehung zu suchen.

Wann immer man also eine “Unangepasstheit” bemerkt, kann man entweder die Umstände anpassen oder sich aus der Situation entfernen und neu beginnen, um erneute Anpassung zu finden.

Ich empfehle nicht die dritte Alternative: mit der Unangepasstheit leben, wenn man sich nicht anpassen kann. Das würde bedeuten, dass man seinen Werten gegenüber nicht integer ist. Ein Beispiel wäre, wenn man aus unangebrachter Loyalität in einer missbräuchlichen Beziehung verharrt. Wenn man zu lange mit solch einer Unangepasstheit lebt, führt das oft zu ernsthaften negativen Konsequenzen.

Wann immer man seine Werte verändert, ist es wichtig, seine verschiedenen Lebensbereiche zu überprüfen, um sicher zu gehen, dass sie alle an die Person angepasst sind, die man nun glaubt zu sein. Wenn man in einer Beziehung ist:

“Passt sie mit den eigenen Werten zusammen?”

Wenn man in einer Firma arbeitet:

“Passen die Werte der Firma zu den eigenen?”

Wenn es Unangepasstheiten gibt, muss man sich anpassen oder der Situation entziehen.

Werte anpassen

Irgendwann wird man auf eine Situation stoßen, die einen zwingt, seine Werte neu zu bewerten. Vielleicht stirbt ein naher Freund oder man wird schwer krank oder man beginnt eine neue Beziehung und daher bekommt man eine neue Perspektive auf die Dinge, die einem am wichtigsten sind. Das ist meist so, wenn man älter wird und neue Erfahrungen sammelt.

Plötzlich scheinen die eigenen Werte das wahre Ich nicht mehr zu repräsentieren. Man hat sich zu sehr verändert. Also ist es an der Zeit, die eigenen Werte erneut zu bewerten und eine neue Werteliste zu erstellen, indem man dem Prozess aus die eigenen Werte leben, Teil 1 folgt.

Je nachdem, wie schnelllebig das eigene Leben ist und wie viel Veränderungen man erlebt, muss man seine Werte alle paar Monate aktualisieren – aber sie können manchmal auch für Jahre etwa gleich bleiben.

Die ultimative Anpassung

Das ultimative Ziel ist, die Werte in Übereinstimmung mit den universellen Prinzipien zu bringen. Man wird lernen, was einem wirklich wichtig ist, wenn man Erfahrungen darin sammelt, mit verschiedenen Wertelisten zu leben. Zuerst werden sich die Werte vielleicht noch sehr verändern, wenn man sich neue Ziele setzt und man neue Erfahrungen macht, aber schließlich werden sie beginnen, sich den universellen Prinzipien anzunähern.

Die eigenen Werte spiegeln die momentane Bewertung der Wahrheit wider. Sie repräsentieren die Antwort auf die Frage:

“Wie soll ich leben?”

Manche Werte-Sets werden nicht die Ergebnisse liefern, die man will. Sie lassen einen ruhelos und unerfüllt zurück. Andere Sets bringen einen näher an das Gefühl der Kongruenz heran. Wenn man sich gegenüber Werten, die mit den universellen Prinzipien in Einklang stehen, rechtschaffen verhält, bekommt man die bestmöglichen Resultate.

Der Prozess der Anpassung ähnelt dem Prozess, den Wissenschaftler durchlaufen, um eine neue mathematische Formel zu entdecken, die ein Naturphänomen erklärt. Die berühmte Formel “F = m*a” von Isaac Newton war eine Annäherung an die Wirklichkeit. Für relative Geschwindigkeiten ist sie nicht zutreffend und schließlich kam Albert Einstein zu einer akkurateren Formel. Genauso wie das Universum die Grundlage für hypothetische, physikalische Gesetze ist, gibt es einem auch Rückmeldung darüber, wie sehr die persönlichen Werte mit der eigenen Wirklichkeit übereinstimmen.

Der Prozess des Entdeckens ist in diesem Fall immer noch experimentell, aber das Ergebnis kann auch nicht wie die Schwerkraft wissenschaftlich gemessen werden. Die wissenschaftliche Methode verlangt, dass das Experiment unter den selben Bedingungen wiederholbar ist, aber menschliche Probleme treten niemals zweimal in der selben Situation auf. Wenn man einmal eine Entscheidung bezüglich seiner Beziehung oder Karriere getroffen hat, wird man niemals wieder derselben Entscheidung unter den selben identischen Bedingungen gegenüber stehen. Da man in solchen Situationen die wissenschaftliche Methode nicht anwenden kann, ist es das Beste, Erlebnisse hinsichtlich eines Musters früherer Erlebnisse einzuteilen.

Das heißt also, dass der Prozess, sich über Werte klar zu werden, schon von Natur aus chaotisch und ungenau ist. Er ist auch eine einzigartige individuelle Erfahrung. Man kann objektiv nicht beweisen, dass ein Set von Werten besser oder schlechter als ein anderes ist, aber man wird beginnen, über die Zeit bestimmt Muster zu erkennen und diese Muster können einem dabei helfen, in die Richtung der universellen Prinzipien zu gehen.

Die Existenz universeller Prinzipien kann jedoch nicht bewiesen werden. Wenn man aber lange genug mit verschiedenen Werte-Sets lebt und genügend Erfahrungen sammelt, beginnt man zu sehen, dass es bestimmte Werte gibt, welche in bestimmten Bereichen um Längen besser sind als andere, was auf die Möglichkeit hinweist, dass es ein wahres Prinzip gibt, welches für jeden gleichermaßen funktioniert.

Ein Beispiel eines potentiellen universellen Prinzips ist Fairness. Wenn man sich an den Wert der Fairness anpasst und ihn anwendet, wird man wahrscheinlich herausfinden, dass er extrem gut funktioniert. Fairness heißt, dass man jeden dem man begegnet als gleichwertige Person behandelt – nicht mehr, nicht weniger. Das Prinzip der Fairness ist in den Worten “Alle Mensch sind gleich” festgehalten, welche man in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung findet. Fairness ist der Grundwert, auf dem eine Demokratie aufbaut. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten schätzten diesen Wert als selbstverständliche Wahrheit ein und meinten somit, dass Fairness/Gleichheit ein universelles Prinzip ist.

Man stelle sich mal vor, dass man seine eigene Firma oder sein eigenes Land entwerfen muss ohne dass man vorher weiß, welche Rolle man darin spielt, nachdem es losgeht. Es scheint vernünftig, dass man dieses System mit Fairness für alle Teilnehmer als hohe Priorität entwirft.

Wenn die eigenen Werte mit dem Wert der Fairness nicht übereinstimmen, werden die Ergebnisse darunter leiden. Wenn man in der Beziehung oder im Geschäftlichen unfair ist, werden das andere erkennen und sich an die eigene Unfairness anpassen, so dass es schwieriger wird, ein vernünftiges Ergebnis zu erzielen, wenn man es will. Vielleicht werden andere schon im Voraus vor dem eigenen Verhalten gewarnt, so dass es noch härter wird, irgendetwas über andere zu erledigen. So wird die eigene Effektivität also immer schwächer und desto länger wird die Unangepasstheit existieren. Wenn man sich aber Ruf der Fairness in allen Geschäften aufbaut, wird man starkes Vertrauen mit anderen aufrecht erhalten können und das wird es viel einfacher machen, mit ihnen zu kooperieren.

Ich denke, dass es das ultimative Ziel des Lebens und der Veränderung der Werte ist, dass man Kongruenz mit den universellen Prinzipien bestimmt und erreicht. Dann passt das eigene Modell der Realität mit der tatsächlichen Realität zusammen und auf lange Sicht gesehen, werden die eigenen Handlungen die bestmöglichen Resultate hervorrufen. Das ist auch keine ausschließlich individuelle Reise – es ist eine, die die gesamte Menschheit in jedem Vorüberziehenden Jahrhundert erlebt. Soziale Erfindungen wie Demokratie, Sklaverei oder die Todesstrafe können als Teil des Prozesses der Werteklärung betrachtete werden.