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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Wie man sich voll engagiert

In einem Artikel mit dem Titel Mach es jetzt!, den ich bereits vor einigen Jahren geschrieben habe, habe ich einige Techniken für’s Zeitmanagement erklärt, die mir erlaubt haben, das College viel schneller abzuschließen, als normal üblich ist. Was ich in dem Artikel vielleicht nicht ganz klar gemacht habe, ist, dass ich mich dabei nicht – wie ein Workaholic – überfordert habe, um das zu schaffen.

Ich hatte jede Woche eine Menge Freizeit – inklusive einem komplett freien Tag. Um mehr (Haus-)Aufgaben erledigen zu können, musste ich nicht meine Freizeit opfern, denn ich habe hauptsächlich Zeit von den ineffizienten Veranstaltungen in der Schule geklaut. Einige Kurse benötigen volle Konzentration über die gesamte Dauer, aber das trifft für mindestens 80% der Kurse nicht zu. Wieviel Zeit verbringt man insgesamt – während einer typischen Unterrichtsstunde – um zuzuhören, zu schreiben oder andere mentale oder physische Aktivitäten durchzuführen? Für mich waren das im Schnitt vielleicht 10-15 Minuten pro Stunde. Die anderen 45 Minuten verbrachte man damit…

  • darauf zu warten, dass der Professor auftaucht
  • darauf zu warten, dass der Lehrer das Einführungs-Blah-Blah beendet
  • dass sinnlose administrative Dinge und Hinweise verkündet werden, was man mit einer verteilten Kopie hätte erledigen können
  • dass weitere Beispiele und Erklärungen für ein Konzept, was ich bereits verstanden hatte, durchgegangen werden
  • dass Studenten Fragen stellen, für die ich bereits die Antwort wusste
  • jede Menge Abschweifungen in die Nostalgie des Professors für die 60er (oder schlimmer, die 70er) zu hören

So nutzte ich die Zeit während einer typischen Unterrichtsstunde dazu, um Hausaufgaben für andere Kurse zu erledigen, während meine Kommilitionen ein Großteil der Zeit damit verbrachten, gelangweilt zu gucken und meistens nicht wirklich engagiert bei der Sache zu sein. Eine meiner größten Entdeckungen war also, dass ich diese vergeudete Zeit in den Kursen für andere Zwecke sinnvoll nutzen konnte. Anstatt gelangweilt herumzusitzen, habe ich mich selbst beschäftigt. Und das funktionierte so gut, dass ich tatsächlich das Meiste meiner Hausaufgaben während der Kurse erledigt habe, so dass ich außerhalb der Schule nicht mehr viel machen musste.

Meetings

Hier kann man Ähnlichkeiten zu Meetings in Firmen erkennen. Wieviel Prozent der Zeit im Meeting ist man wirklich zu 100% dabei? Nach meiner Schätzung sind es durchschnittlich 15-20% – aber die genaue Zahl ist auch nicht wichtig.

Aber wenn man das etwas verallgemeinert: Wieviel Prozent des Tages ist man zu 100% bei dem – was auch immer man macht – voll dabei? (Ich borge den Ausdruck “voll engagiert” aus dem Buch The Power of Full Engagement.) Man frage sich selbst:

“Verwende ich gerade alle mir zur Verfügung stehenden persönlichen Ressourcen?”

Man kann sich sein Gehirn und seinen Körper zusammen als eine Fabrik vorstellen, deren Ziel es ist, die Resultate zu maximieren (die Resultate kann man für sich definieren, wie man möchte). Man möchte also die Maschinen so effizient, wie nur möglich laufen lassen. Wenn man Maschinen hat, die ungenutzt herumstehen, aber verwendet werden könnten, dann arbeitet man nicht mit voller Kapazität.

Das Ziel ist jetzt nicht, sich so stark zu fordern, dass die Adern auf der Stirn platzen. Freizeit muss sein. Aber wenn man mit einer Arbeit beginnt, dann erscheint es doch logisch, mit voller Kapazität ranzugehen. Wenn arbeiten, dann richtig arbeiten. Die Arbeitszeit wird sowieso rumgehen, ob man nun mit 15% Kapazität dabei ist oder mit 95%. Aber man wird einen riesigen Anstieg an Resultaten erzielen, wenn man voll engagiert ist.

Kinder sind ein großartiges Beispiel dafür, was es heisst “voll engagiert” zu sein. Wenn ich meine 4jährige Tochter Emily beobachte, dann sehe ich sie immer zu 100% engagiert bei dem, was sie tut. Wenn sie spielt, dann spielt sie zu 100%. Wenn sie isst, dann isst sie zu 100%. Wenn sie ein Nickerchen macht, dann spielt sie es zu 100%. ;)

Richtig multi-tasken, richtig relaxen

Manchmal bedeutet sich voll zu engagieren, dass man sich auf die Aufgabe oder das Projekt vor sich komplett fokussiert und alles andere ausblendet. Wenn man auf Arbeit eine Präsentation hält, dann gibt es keine Möglichkeit zum Multi-Tasking. Aber wenn man Essen zubereitet oder zur Arbeit fährt oder sein Büro aufräumt, dann kann man auch zeitgleich Audio-Bücher hören.

Wenn man eine Weile mit voller Kapazität arbeitet und müde wird, dann ist es Zeit für eine Pause – eine richtige 100%-Pause. Wirklich das Hirn für eine Weile abschalten, indem man ein Nickerchen macht oder meditiert, oder einfach am Schreibtisch sitzend seine Augen schließt und für 15 Minuten tief ein- und ausatmet. Viele der erfolgreichsten Leute aller Zeiten machten Nickerchen, inklusive Thomas Edison. Man muss akzeptieren, dass man von richtigem Arbeiten, zu richtigem Entspannen wechselt. Man darf nicht im Dunst des des Nicht-ganz-arbeiten und Nicht-richtig-entspannen hängenbleiben, z.B. indem man eine Weile im Web surft und danach mit 20% Kapazität weiter arbeitet. Wenn man sich mental müde fühlt und keinesfalls mit 100% arbeiten kann, dann sollte man sich nicht durchschleifen. Einfach für eine Weile aufhören. Die mentale Fabrik ausschalten und die nötigen Wartungsarbeiten durchführen – und dann geht es wieder mit 100% weiter.

Tägliche Zeit besser nutzen

Wenn man Zeitblöcke findet, in denen man nicht voll engagiert ist und beginnt, diese mit voll engagierten Tätigkeiten zu füllen, dann ist das ein hervorragender Weg, um mehr Produktivität aus seinem Leben herauszuquetschen, ohne sich selbst zu überfordern.

Wenn man Fernsehen schaut, ist man dann voll engagiert? Nichtmal annähernd. Auch wenn man fernsieht, könnte man aufräumen, trainieren oder dem/der Liebsten eine Fussmassage verpassen. Es ist nichts falsch daran, auch einfach mal zu relaxen, aber oft merkt man, dass man eigentlich die Energie hätte, sich voll für Aufgaben zu engagieren, wenn man sich nur etwas fordert. Ich habe einen Fitnessraum im Haus, wo ich oft meine Kraft trainiere, und ich muss kurz zwischen den Sätzen pausieren. Meine Muskeln brauchen die Pause, aber mein Gehirn nicht. Also lese ich in diesen Minuten oft Artikel aus Zeitschriften oder Newslettern. Oder ich höre die ganze Zeit über ein Audio-Buch. So verwandele ich eine Tätigkeit, bei der ich nur sporadisch engagiert bin, in eine, bei der ich voll engagiert bin.

Mehr Energie und Selbstbewusstsein

Jetzt vermutet man sicherlich, dass es einen ziemlichen ermüdenden Effekt haben wird, wenn man all die täglichen Zeiten, bei denen man nur zu 20% engagiert ist, auf fast 100% bringt. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird man den gegenteiligen Effekt verspüren. Wenn man sich voll engagiert, dann erreicht man einen kurzfristigen Anstieg an Resultaten und das hat den Effekt, sowohl die Energie, als auch das Selbstbewusstsein zu vergrößern. Wenn man zurück auf seinen Tag schaut und man weiß, dass man nur mit circa 20% seiner Kapazität gearbeitet hat, dann fühlt man sich deswegen oft schlecht. Man weiß, dass man mehr hätte schaffen können und eine Menge Zeit verschwendet hat – so ein Verhalten über mehrere Jahre kann sehr ernüchternd und demotivierend sein. Aber wenn man sich voll engagiert, dann neigt man dazu, sich dank seiner Leistung, wirklich großartig zu fühlen. Man macht immer noch Fehler, aber sie sind nicht auf einen Mangel an Engagement zurückzuführen. Wenn man ins Bett geht, dann wird man denken:

“Wow, ich habe heute wirklich mein Bestes gegeben, ich hätte es nicht besser machen können.”

Wo sind nur die Gedanken?

Sich voll zu engagieren, dreht sich nicht nur darum, etwas zu machen. Es geht auch um´s “Sein”. Wie oft war man mit seinen Gedanken woanders? Gestern bin ich 2 Stunden lang durch die verschiedenen Casinos auf dem Las Vegas Strip (Treasure Island, the Mirage, Caesar´s Palace, Bally´s und Paris) spaziert. Dank des Ferienwochenende war es überfüllt und ich habe eine Menge Leute mit ausdruckslosen Gesichtern gesehen, die offensichtlich nicht sonderlich engagiert dabei waren. Leute saßen an den Blackjack-Tischen und sahen völlig gelangweilt aus. Aber gelegentlich habe ich jemanden gesehen, der die Zeit seines Lebens hatte, egal ob er gerade gewann oder verlor. Okay, es könnte am freien Alkohol liegen. Aber zumindest waren diese Leute voll engagiert bei dem, was sie taten. Sie waren völlig im Hier und Jetzt und hatten Spaß dabei. Die, die nicht voll engagiert waren, ließen offensichtlich ihre Gedanken wandern… und dachten über Arbeit oder andere Probleme nach – oder sie waren komplett abgeschweift. Was für ein trauriger Weg seinen Urlaub zu verbringen.

Man sollte sich völlig im Hier und Jetzt engagieren. Wenn man arbeitet, dann sollte man sich völlig im Arbeitsmodus befinden. Wenn man spielt, dann vergisst man mal die Arbeit und hat einfach Spaß. Immer die maximale Produktivität aus der Arbeit, den maximalen Spaß aus dem Spiel und die maximale Verbindung aus den Unterhaltungen herausquetschen. Wenn man sich nicht konzentrieren kann, dann nimmt man sich 15 Minuten und richtet seine volle Aufmerksamkeit auf das, was einen ablenkt – und lässt es los. Wenn man wegen etwas besorgt ist, dann gönnt man sich etwas Zeit und sorgt sich zu 100% deswegen – das wird reichen, um die Sorgen abzuschütteln.