Loading
Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

News abonnieren

  1. Artikel als RSS
  2. Artikel als ATOM

Wie man vom Introvertierten zum Extrovertierten wird

Jeder kann seine introvertierte und extrovertierte Seite ausbalancieren

Als Kind war ich sehr introvertiert, ich verbrachte meine Zeit oft am Computer, mit Lesen und Videospielen oder ich ging einem anderen Solo-Hobby nach. Wenn ich draußen war, fuhr ich Fahrrad und erkundete die umliegenden Felder und Hügel (die heute alle mit Häusern bebaut sind) oder ich warf ein paar Körbe, aber in der Regel machte ich das bevorzugt allein oder mit Leuten, die ich sehr gut kannte. Ich fühlte mich unter Fremden nie richtig wohl und aus großen Familienfesten machte ich mir auch nichts. Psychologische Tests, wie der bekannte Myers-Briggs (Teste dich selbst), kategorisierten mich eindeutig als einen Introvertierten. Jeder, der mich kannte, hätte mich ohne Zweifel als introvertiert bezeichnet.

Wie viele Introvertierten wurde ich von anderen dazu gedrängt, mich doch sozialer zu verhalten. Aber ich habe mich dem Druck weitestgehend widersetzt – teilweise auch, weil ich es mochte, introvertiert zu sein. Ich fand oft, dass es Extrovertierten an Intelligenz und Tiefe mangelt und ich kann nicht sagen, dass ich da dazu gehören wollte.

Wie dem auch sei, es hat eine lange Zeit gedauert, aber schließlich stellte ich fest, dass ich immer mehr extrovertiert wurde. Ich begrüßte es, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, habe mich aus meiner Komfortzone rausbewegt um neue Leute kennenzulernen, lernte, mich unversteift Fremden vorzustellen und hatte auch noch Spaß dabei. Der Myers-Briggs-Test stufte mich nun als Extrovertierten ein. Für diejenigen, die mich heute kennen, ist das keine große Überraschung.

Allerdings bin ich nicht die Art Extrovertierter, die ich mir als Kind vorgestellt habe. Ich denke, ich habe es gut hinbekommen, den intro- und extrovertierten Teil von mir auszubalancieren, so dass ich an beiden Arten von Aktivitäten meine Freude habe. Ich kann genauso gut zu Hause bleiben und ein Buch lesen, so wie ich auch zu einem neuen sozialen Event gehen und mich mit Menschen unterhalten kann, die ich noch nie vorher gesehen habe. Ich mag beides, Gruppen- und Solo-Aktivitäten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Es gibt Wochen, da bin ich weitaus introvertierter und bleibe meistens daheim bei meiner Familie. Aber dann gibt es wiederum auch Zeiten, wo mein Kalendar fast jede Abend voll mit sozialen Aktivitäten ist. Mir macht beides gleich viel Spaß.

Ich habe festgestellt, dass ich einige Blockaden überwinden musste, auf meinem Weg mehr extrovertiert zu werden. Ich schätze mal, da geht es dir ähnlich und du hast auch Blockaden, die es zu überwinden gilt.

Was dich abhhält, mehr extrovertiert zu sein

  • Extroversion unterschätzen
    Es ist beides gleich wichtig – Zeit mit sich alleine und mit anderen Menschen zu verbringen. Wenn du sehr introvertiert bist, dann unterschätzt du die positive Rolle, die Menschen in deinem Leben spielen können: Wissen, Freundschaft, Wachstum, Spaß, usw. Das optimale Ergebnis erreicht man, wenn man die beiden in Balance bringt. Du musst nicht die introvertierten Aktivitäten aufgeben, wenn sie dir Spaß machen. Im Gegenteil, wenn du sie mit mehr sozialen Aktivitäten ins Gleichgewicht bringst, dann stellst du vermutlich sogar fest, dass sie dich dann noch viel mehr befriedigen. Nach mehreren Abenden umringt von Leuten, freue ich mich wirklich darauf, mal einen Abend für mich zu haben – zum Lesen, Schreiben, Meditieren, usw. Und nach viel Zeit, die ich allein oder mit meiner Familie verbracht habe, juckt es mich auszugehen und andere Leute zu treffen.
  • Mit den falschen Leuten rumhängen
    Warum würdest du mehr Zeit mit Leuten verbringen wollen, die du nicht magst? Wenn mehr extrovertiert zu werden, bedeutet, dass du mehr Zeit mit Leuten verbringst, die du eher meiden solltest, dann hast du natürlich keine Motivation dazu. Nochmal, du hast die freie Wahl dieses Muster zu durchbrechen und eine soziale Gruppe zu formen, mit du sehr gerne etwas unternimmst.
  • Online-Sozialisierung überschätzen
    Online-Sozialisierung/-Kommunikation hat seinen Platz in deinem Leben, aber es ist nur Krücke im Vergleich zu Gesprächen von Angesicht zu Angesicht. Artikulierung und Körpersprache können viel mehr kommunizieren als reiner Text und emotionale Bindungen können viel leichter und schneller hergestellt werden, wenn man sich persönlich trifft. Ich fühle mich meinen lokalen Freunden, die ich erst seit ein paar Monaten kenne, viel näher als Leuten, die ich seit Jahren online kenne, aber nie persönlich getroffen habe. Es macht einfach nicht soviel Spaß mit einem Laptop zu Abend zu essen. Du musst Online-Sozialisierung nicht aufgeben, aber es darf auch nicht dafür sorgen, dass du dich nicht mit lokalen Leuten triffst. Wenn du das machst, dann werden sich deine zwischenmenschlichen Fähigkeiten noch weiter verschlechtern.

Wenn du einige von diesen Blockaden bei dir siehst und sie überwinden möchtest, dann ist es der erste Schritt, dir einzugestehen, dass du sie hast und zu sehen, wie sie dich zurückhalten. Dann kannst du damit beginnen, an ihnen zu arbeiten, so wie du auch jede andere Herausforderung in deinem Leben angehen würdest. Fokussiere deine Absichten, setz dir Ziele, mach einen Plan und leg los. Es mag sich am Anfang unangenehm und beholfen anfühlen, aber akzeptiere das einfach und geh weiter.

Tipps um mehr extrovertiert zu werden

Hier sind ein paar zusätzliche Ideen, wie du mehr extrovertiert werden kannst:

  • Visualisiere die Art Extrovertierter, die du werden willst
    Was ist dein ideales Ergebnis? Wenn du dich zu introvertiert fühlst und mehr extrovertiert werden willst, dann fang mit deiner Vision des Endergebnis an. Wenn du in diesem Bereich bisher wenig Fortschritte gemacht hast, dann liegt das höchstwahrscheinlich daran, dass du eine etwas negative Sicht auf Extrovertierte hast. Als ich eine positive Vision geformt habe, die auch einzigartige Beziehungen zu intelligenten Menschen, die ich respektiere (im Kontrast zu zufälligen, oberflächigen Begegnungen), eingeschlossen hat, begann ich schon bald solche Verknüpfungen anzuziehen. Ein “dummer Trottel” von Extrovertierter zu sein, spricht mich bis heute nicht an.
  • Frag dich, was kannst du zu Beziehungen beitragen und nicht, was du bekommen kannst
    Wenn du versuchst, neue Beziehungen aufzubauen, die auf einem gegenseitigen Geben und Nehmen beruhen, dann wirst du keinen Mangel an Freunden haben. Identifiziere Menschen, mit denen du gerne eine Beziehung aufbauen möchtest und fang an zu geben. Ich habe festgestellt, dass mein Geek-Wissen tatsächlich eine enorme Stärke ist, wenn es gilt, sich zu sozialisieren, schon weil es eine Menge Nicht-Geeks da draußen gibt, die aber gerne mehr davon verstehen wollen. Und ich kann es ihnen so erklären, dass sie es auch verstehen. Zum Beispiel habe ich einigen lokalen Redner-Freunden sowohl Bloggen als auch Web-Marketing erklärt und dafür haben sie mir viel über Reden, Humor, usw. beigebracht. Es gibt viele intelligente Menschen da draußen, die nur zu gern einen Geek als Freund hätten. Was kannst du in eine Beziehung einbringen, dass für andere einen Vorteil darstellt? Wenn du herausfindest, was das ist (und es sind vermutlich mehrere Dinge), dann wirst du es viel leichter haben, neue Freunde in dein Leben zu bringen.
  • Finde die richtige soziale Gruppe für dich
    Denke einmal bewusst darüber nach, welche Art Menschen du als Freunde haben möchtest. Es gibt keine Regel, die besagt, dass es deine Kollegen oder Mitarbeiter sein müssen. Ich finde es zum Beispiel viel interessanter deutlich ältere Menschen zu Freunden zu machen und nicht gleichaltrige oder sogar jüngere. Menschen in meinem Alter (34) tendieren dazu sehr karriere- und familie-orientiert zu sein, aber oft in einer etwas gedankenlosen, von der Gesellschaft konditionierten Art, die nicht viel mit einem bewusst gewählten Lebenszweck oder Glaubenssystem zu tun hat. Und junge Leute in ihren Zwanzigern sind zwar oft hochmotiviert, tendieren aber dazu ziemlich unfokussiert zu sein… oder sie sind auf Trivialitäten fokussiert, die nicht wirklich wichtig sind. Insofern war es schwierig für mich, Leute in meinem Alter zu finden, mit denen ich genug gemeinsam habe, damit eine Langzeitfreundschaft daraus entstehen kann. Mir scheint es leichter zu fallen, Freunde in den Altersgruppen 40, 50 und darüber hinaus zu finden. In der Regel wissen sie mehr, haben mehr Erfahrung, interessante Geschichten zu erzählen, mehr Ressourcen (Informationen, Ideen, Finanzen, Kontakte, …) und allgemein ein besseres Gefühl von dem, wer sie sind und was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Ich stelle oft fest, dass ich auf sozialen Events der Jüngste im Raum bin, aber das fühlt sich für mich sehr gut und normal an. Hab’ keine Angst davor, über die üblichen Verdächtigen hinauszugehen und lerne Leute anderer Altersgruppen, Bezirke, Kulturen, Länder, usw. kennen. Vielleicht gefällt dir die Vielfalt ja.
  • Spiel deine Stärken aus
    Es ist interessant, dass viele Introviertierte keine Probleme haben, wenn sie sich online sozialisieren. In dieser Umgebung können sie ihre Stärken ausspielen. Aber du kannst deine Stärken auch bewusst nutzen, wenn du mehr persönliche Treffen anstrebst. Zum Beispiel, nachdem ich das College abgeschlossen hatte, traf ich eine Frau in einem lokalen BBS (eine Art Forum, bevor es das Internet im heutigen Sinne gab). Wir habe über mehrere Wochen online miteinander gechattet. Schließlich haben wir uns persönlich getroffen und wurden Freunde und ich wurde schnell durch Osmose ein Teil ihrer existierenden sozialen Gruppe. Über Nacht war mein sozialer Kalendar plötzlich gefüllt. Diese Frau wurde übrigens meine Frau. Wenn du dich online sozialisiert, dann schau doch mal, ob du daraus nicht neue, lokale Beziehungen formen kannst. Auch wenn viele das in globalen Foren machen, wie zum Beispiel bei diversen Online-Spielen, so denke ich doch, ist es deutlich einfacher, wenn du dir lokale Foren suchst. Zum Beispiel gibt es Foren für Menschen, die erst kürzlich nach Las Vegas gezogen sind.
  • Tritt einem Club bei
    Das ist ein alter Hut, aber es funktioniert. Der Vorteil ist, dass du Menschen triffst, die ähnliche Interessen haben, was es wiederum einfacher macht, neue Beziehungen aufzubauen. Ein guter Club oder Verein kann deinen sozialen Kalendar komplett füllen. Zum Beispiel bekomme ich durch meine Mitgliedschaft bei Toastmasters jede Menge Einladungen zu diversen sozialen Events. Ich gehe nicht überall hin, aber es ist schön diese Einladungen zu bekommen. Zudem bekommt soziale Kontakte in alle Teile der Welt, wenn man zu einer internationalen Organisation mit 200.000 Mitgliedern weltweit gehört. Wenn du einem Club beitrittst und feststellst, dass er nicht zu dir passt, dann tritt einfach wieder aus und such dir etwas anderes. Meine Frau und ich waren beide in verschiedenen lokalen, sozialen Gruppen, die nicht so richtig im Einklang mit uns waren (zu langweilig, zu langsam, zu unorganisiert, zuviele Alkoholiker, …). Aber eine gute Gruppe ist alles, was du brauchst.
  • Entwickle bewusst deine sozialen Fähigkeiten
    Du kannst es lernen, wie du besser Vertrauen aufbaust, dich vorstellst, ein Gespräch am Laufen hälst, jemanden um ein Date bittest, dich sozial wohlfühlst statt nervös zu sein, usw. Du musst dabei nicht oberflächig und manipulativ sein, aber diese Fähigkeiten wirklich zu lernen, wird dein Leben sehr bereichern. Ein Ansatz, den ich extrem effektiv finde, ist, die andere Person zu fragen, wie er/sie diesen Punkt in seinem Leben (oder seiner Karriere) erreicht hat. In 80-90% der Fälle wird die Person etwas sagen, wie “Naja, das ist eine interessante Geschichte …” Und ich höre diese Geschichten wirklich gerne. Eine kleine Menge sozialer Fähigkeiten kann dich schon weit bringen, weil du sie jedesmal anwenden kannst, wenn du jemand neuen triffst. Welche Fähigkeit auch immer du ausbauen willst, mach einfach mal eine Google- oder Amazon-Suche und du findest vermutlich jede Menge Artikel und Bücher zum Thema.

Erkenne, dass, wenn du dich sozial zurückhälst, dann beraubst du dich nicht selbst – du beraubst auch die anderen Leute der Chance dich kennen zu lernen. Wieviel länger möchtest du deine zukünftige Verlobte oder besten Freund allein lassen?