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Wozu leben?

Dieser Artikel ist der vierte Gewinner eines Blog-Wettbewerbs von Better Humans [Anm. d. Red. Die ursprüngliche Seite existiert leider nicht mehr]. Die Aufgabe war, einen Artikel darüber zu schreiben, warum man für immer bzw. länger leben möchte.

  1. Weshalb ich länger leben möchte
  2. Die Unendlichkeit feiern
  3. Leben, mehr Leben, besser Leben
  4. Wozu leben?

Wozu leben?

Warum sollte man sich als Mensch wünschen, unendlich lange zu leben? Für mich ist das nur die Erweiterung der Frage: Warum will man überhaupt leben?

“Millionen wünschen sich Unsterblichkeit, obwohl sie nicht einmal wissen, was sie an einem regnerischen Sonntagnachmittag machen sollen.” —Susan Erz

Darin steckt eine Menge Wahrheit.

Man bekommt nichts umsonst, nicht einmal der Wunsch zu leben. Leben bedeutet Verantwortung, eine Verantwortung für sich selbst, die man nicht vermeiden oder umgehen kann: Man muss für sich die Werte finden, die das Leben lebenswert machen. Für alle anderen “Verantwortlichkeiten” gibt es eine Hintertür, eine Entlastungsklausel, eine nette Ausreden-Kollektion wie

“Ich hatte gute Absichten”

“Ich hab’s versucht”

“Das war nicht meine Schuld”

In diesem speziellen Fall trifft das nicht zu. Es gibt keine Ausrede, keinen Einspruch, keine mildernden Umstände in den Augen des strengsten Richters: das eigene Selbstwertgefühl. Entweder schafft man es, Freude in sein Leben zu integrieren und sich selbst so wert zu schätzen, dass man sowohl das Leben wie die auch Freude verdient – oder eben nicht.

Aus diesem Grund habe ich kindische Kommentare wie diese immer misstrauisch beäugt:

“Ich würde meinem ärgsten Feind das ewige Leben nicht an den Hals wünschen.” —Quentin Crisp

“Die Bedeutung des Lebens ist, das es endet.” —Kafka

“Was soll man denn mit der ganzen Zeit anstellen?” —mehr Leute als man sich vorstellen kann

Die Wurzel solcher Fragen und Einwände ist nicht der Wunsch zu leben, sondern eher, irgendwie durch das Leben durch zu kommen. Es geht darum, sich durch das Leben zu schleichen und in Vergessenheit zu geraten – frei von der Verantwortung schließlich doch noch das Glück zu finden!

Ich habe die Unsterblichkeit nie als besonders wichtig erachtet. Daher habe ich nie beschlossen, ob ich für immer leben will, um mich dann zu fragen, was ich mit der Zeit anstellen würde. Es ist eher anders herum. Ich habe bestimmte Ziele in meinem Leben, bestimmte Träume, die ich mir als meinen Sinn in diesem Universum herausgesucht habe. So lange wie ich denken kann, hatte ich diese Ziele und Bestrebungen. Um sie jedoch vollständig umzusetzen, bräuchte ich Jahrhunderte.

Lange habe ich diese Dinge als unerreichbare Träume betrachtet. Ich habe viel geschrieben und Fantasiewelten entwickelt, in denen ich diese Ziele erreichen könnte. Doch in einer Nacht, als ich 16 Jahre alt war, erkannte ich, dass nur die menschliche Sterblichkeit zwischen mir und meinen Zielen lag – Alter, Altersschwäche, Tod. Ich entschied, wenn die Sterblichkeit das Einzige ist, was zwischen mir und meinen Zielen steht – dann muss sie weg. Diese Nacht bestimmte den Verlauf meines Lebens für immer. Warum soll man über etwas fantasieren und davon träumen, darüber schreiben und nachdenken – wenn man es leben kann? Wenn man es wirklich haben kann, hier und jetzt, in diesem Universum?

Der Kern meiner Überzeugungen ist, dass ich keine Angst vor dem Tod an sich habe. Ich habe keine Angst vor dem Vergessen – nicht seitdem ich es bei einer Vollnarkose das erste Mal erlebt habe. Es gibt da wirklich nichts, vor dem man Angst haben muss. Wovor ich aber Angst habe ist, dass ich meine Träume nicht umsetzen kann. Ich hasse den Gedanken an den Tod, weil er mich von meinen Zielen abschneiden würde. Ich kann den Gedanken nicht ertragen und umgekehrt würde ich nicht ohne die Möglichkeit leben können, meine Träume zu erreichen. Wenn ich jemals in einen Zustand wäre, in dem ich meine Ziele nicht mehr verfolgen könnte, würde ich den Tod vorziehen.

Seit diesem Tag habe ich viel Recherche betrieben, um einen Weg zu finden, das menschliche Altern aufzuhalten und meine Träume wahr werden zu lassen. Aus diesem Grund habe ich begonnen, Biologie zu studieren. Als ich 19 Jahre alt war, stieß ich auf das “Better Humans” Interview mit Dr. de Grey. Seit diesem Moment gehen meine Studien alle in eine Richtung – SENS (Strategies for Engineered Negligible Senescence – Strategien zur Bekämpfung des Alterns). Jeden Augenblick, den ich im Labor verbringe, über Zeitschriften oder Büchern brüte, ist tatsächlich ein Schritt in Richtung der Umsetzung von SENS.

Ein Vortrag von Dr. Aubrey de Grey (Leider nur auf englisch.)

Da es Jahrzehnte dauern wird, SENS umzusetzen, erinnere ich mich jeden Tag daran, wohin auch ich gehen werde, wenn die Unsterblichkeit erreicht wurde, damit ich es nicht auf der Suche nach SENS vergesse.

Um diesen Tag zu erreichen, studiere ich 13-19 Stunden am Tag, bewerbe mich für Doktorandenstellen, besuche akademische Konferenzen (dieses Jahr gehe ich zu SENS2) und lese alles, was ich über SENS finden kann. Ich habe sogar eine eigene Kopie von den Annals of the New York Academy of Sciences Volume 1019, welches die Geschehnisse der vorherigen Konferenz enthält. Außerdem stelle ich sicher, dass mein Körper fit bleibt – zum Teil um mein Leben zu verlängern, aber auch weil ich an folgendes glaube:

“Mens sana in corpore sana” (In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist.)

Spead Reading von Tony Buzan

Englisches Original

Ich laufe jeden Tag 5km, nehme jeden Tag zwei Multivitamintabletten und esse gesund und moderat. Außerdem trainiere ich mein Gedächtnis, indem ich Mnemotechniken übe, Speed-Reading (Schnelllesen) praktiziere und Geistesübungen, wie die von Leonardo DaVinci und Einstein durchführe. Darüber hinaus suche ich nach früheren und aktuellen Persönlichkeiten, die die Macht haben, mich zu inspirieren und zu motivieren; die mir helfen, meinen Weg fortzusetzen. In meinem Bücherschrank finden sich die Biografien von Nietzsche, DaVinci, Mandela, Rockefeller und Carnegie. Es gibt kein größeres Geschenk, als die Erkenntnis, was mit einer Vision alles möglich ist.

Mein Plan SENS umzusetzen ist einfach: WILT (Interdiction of Lengthening of Telomeres – Probleme bei der Verlängerung der Telomeren) lösen und alles andere wird sich ergeben. Wenn ich einmal das WILT-Problem gelöst habe, werde ich das Geld und den Einfluss, dass das mit sich bringt, nutzen und das größte Zentrum für Altersforschung bauen, das es jemals hab. Es wird nicht schwer sein, die verbleibenden sechs Schritte zu gehen, wenn man den ersten, den schwierigsten, gemacht hat. Jeder wird dem Mann zuhören, der Krebs heilen kann. Ehrgeizig? Vielleicht. Aber ist es nicht die Natur des Transhumanismus, ambitioniert zu sein?

Letztendlich kommt der Kern meiner Überzeugungen von den finalen Zeilen von Goethes Faust, als er sich triumphierend weigert, das Leben zu verachten, selbst als er stirbt:

“Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muss.”