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Steve Pavlina Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen Steve Pavlina - Persönlichkeitsentwicklung für intelligente Menschen

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Zwischenmenschliche Kommunikation und die Bewussteinslücke

Das Ausmaß der Bewusstseinslücke bestimmt euer Gespräch.

Ist dir aufgefallen, das du bei der Kommunikation mit einer anderen Person manchmal einen wunderbar effektiven Austausch hast, der euch beide zum Besseren verändert und ein anderes Mal kommst du dir vor, als würde ihr nur mit den Köpfen zusammschlagen und euch immer mehr auf eure Standpunkte versteifen?

Was ist der Unterschied?

Der Unterschied liegt darin, das, wenn du und die andere Person sich auf einem kompatiblen Bewusstseinslevel befinden, die Kommunikation geschmeidet und mühelos sein wird. Aber wenn eure Bewusstseinslevel inkompatibel sind, dann ist die Kommunikation größtenteils ineffektiv. Alles was du sagst, wird einfach auf taube Ohren stoßen.

Die Bewusstseinslücke

Das Ausmaß der Bewusstseins-Inkompatibilität variiert und ist nichts fixes – es gibt sozusagen verschiedene Abstufungen. Je größer die “Bewusstseinslücke” zwischen dir und der anderen Person ist, desto weniger effektiv wird eure Kommunikation sein. Je kleiner die Bewusstseinslücke, desto effektivere Kommunikation. Die kommunikative Reibung wird also eine durch die Größenordnung der Bewusstseinslücke zwischen euch beiden bestimmt.

Wie misst man die Größe der Bewusstseinslücke und woher weiß man, welche Person sich auf einem höheren Bewusstseinslevel befindet?

Allgemein gesprochen, erkennt man die Person mit dem höheren Bewusstsein daran, dass sie mehr in sich ruht. Mit etwas Übung kann man für gewöhnlich in jeder Situation leicht bestimmen, welche Person sich auf einem höheren Bewusstseinslevel befindet als die andere. Für eine komplette Liste von Bewusstseinsebenen (von der höchsten zur tiefsten), solltest du den Artikel Die Ebenen des Bewusstseins lesen. Mit Hilfe dieser Liste kannst du “nachzählen”, wieviele Ebenen dich von der anderen Person trennen.

Die spezifische Reaktion, die du bei deiner Kommunikation bekommen wirst, hängt sehr stark von der Bewusstseinslücke zwischen dir und der anderen Person ab. Wenn die Lücke klein ist, dann kannst du eine Reaktion erwarten, die sich hauptsächlich auf den Inhalt und die Intention deiner Kommunikation beschränkt. Zwei Menschen auf ähnlichen Bewusstseinsebenen tendieren dazu, sehr effektiv zu kommunizieren. Aber wenn die Lücke groß ist, dann wird die andere Person mehr auf die Lücke an sich reagieren statt auf den eigentlichen Inhalt deiner Kommunikation.

Die Lücke erkennen

Das ist weniger ein Problem, dass man lösen kann – eher eine Situation, die man akzeptieren muss. Wenn du die Rolle der Bewusstseinslücken in deiner Kommunikation erkennst, dann wirst du auch effektiver zuhören können. Du kannst dann unterscheiden, ob die Antworten der Person tatsächlich zutreffendes Feedback zu deinen Aussagen oder eher Informationen über ihre Bewusstseinsebene in Relation zu deiner eigenen darstellt.

Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass ich eine Menge Feedback von Lesern bekomme. Aber für gewöhnlich ist es nur ein kleiner Teil davon, der tatsächlich meine Handlungen beeinflusst, selbst wenn mir detaillierte Vorschläge geschickt werden. Warum? Weil das meiste Feedback, das ich bekomme, sich mehr um die Reaktion dieser Person als um den tatsächlichen Inhalt meiner Artikel dreht. Ich sehe es dennoch als wertvolles Feedback, weil es mir dabei hilft, meine Leser besser kennenzulernen und ihre Probleme zu verstehen, aber meist sind die Vorschläge nicht nützlich. Oft sind scheinbar gute Vorschläge sogar widersprüchlich. Ein Artikel, den ich schreibe, kann Lob und Kritik einbringen, wobei beides aber wenig mit dem Artikel an sich zu tun hat, denn mehr mit den relativen Bewusstseinsebenen der Leser. Auf der anderen Seite gibt es auch Zeiten, wenn ich Feedback bekomme, das ich fast sofort umsetze, weil ich sehe, das es sich um meine Arbeit dreht und nicht der einzigartigen Reaktion der jeweiligen Person geschuldet ist.

Nehmen wir z.B. an, ich schreibe einen Artikel über meine Gedanken zum Jenseits, wie Leben nach dem Tod. Wenn ich so einen Artikel veröffentliche, dann bekomme ich vielleicht eine beleidigende 2000-Wörter-E-Mail von einem christlichen Fundamentalisten (wäre nicht das erste Mal), der mir eine Liste von dogmatischen Gegenargumenten um die Ohren haut. Solches Feedback kann man sich bei mir aber sparen. Ich werde nicht einmal alles lesen, wenn ich sehe, wohin die Reise geht und für gewöhnlich auch nicht antworten – höchstens um zu sagen “Du amüsierst mich.” (was der Wahrheit entspricht).

Warum sehe ich solche E-Mails nicht als echtes und nützlichs Feedback zu meinen Inhalten an? Weil sich religiöser Fundamentalismus ziemlich weit unten auf den Bewusstseinsebenen befundet – zu tief um für mich hilfreich zu sein. Auf dieser Skala der Bewusstseinsebenen fällt eine fundamentalistische Philosophie für gewöhnlich zwischen die Ebenen “Verlangen” und “Stolz”, was unterhalb des durchschnittlichen Bewusseinslevel für bewusste menschliche Wesen (Mut) liegt. Das ist auch deutlich unter der Bewusstseinsebene auf der ich für gewöhnlich schreibe (Willigkeit und höher). Also ist die Bewusstseinslücke einfach zu groß und das Feedback dreht sich mehr um die Lücke an sich als um meinen Artikel. Insofern kann ich mit dem Feedback nichts anfangen – höchstens vielleicht sehr allgemein betrachtet.

Was du gerade liest, würde wohl auf die Ebene der Vernunft fallen. Wenn du dich auf dieser Bewusstseinsebene oder ein darunter (Akzeptanz) befindest, dann wirst du es wohl hilfreich, interessant, aufschlussreich oder sogar nützlich finden. Unterhalb dieser Ebenen hast du mit dem Lesen vermutlich schon aufgehört und behauptest jetzt, dass mein Gefasel dir Kopfschmerzen verursacht. Und darüber nickst du vermutlich nur kurz, da aus deiner Sicht meine Aussagen auf dich nicht mehr zutreffen, da du dich bereits über diese Bewusstseinsebene hinaus entwickelt hast.

Die Lücke überbrücken

Auch wenn die Bewusstseinslücke sehr groß ist, kann sie dennoch überbrückt werden, wenn eine sinnvolle Kommunikation gewünscht ist. Dazu müssen sich beide Personen auf eine ähnliche Bewusstseinsebene annähern. Am effektivsten wäre es, wenn die Person mit dem höheren Bewusstsein dieses zeitweise auf das Niveau der anderen Person verringert und ihn dann stückweise höher führt, bis ein Kompromiss gefunden ist.

Nehmen wir z.B. an, dass du dich sehr friedvoll und glücklich fühlst (hohes Bewusstsein) und dein Partner kommt schon verärgert zu dir und beginnt dich wütend anzuschreien (geringes Bewusstsein). In so einer Situation wird es kaum zu echter Kommunikation kommen, da die Lücke einfach zu groß ist. Du kannst dich entscheiden in deinem Zustand des Friedens zu verharren und den Wutanfall deines Partners zu ignorieren, aber eine andere Option wäre es, dein Energie auf sein Niveau herabzusenken und auch zurückzuschreien, selbst wenn du deine Wut am Anfang erst vortäuschen musst. Während ihr beide die Wut rauslasst, kannst du Schritt für Schritt deine Energie wieder anheben und einen Partner mitziehen. Sobald du eine akzeptable Bewusstseinsebene erreicht hast, die sich für euch beide gut anfühlt, kann echte Kommunikation entstehen – ein sinnvoller Austausch an Informationen, der sich nicht nur einfach um die Bewusstseinslücke an sich dreht.

Dieser Prozess funktioniert, aber er kann sehr zeitaufwendig und unvorhersagbar sein. Wenn du die Person mit dem höheren Bewusstsein bist, dann brauchst du sowohl ausreichend Einfluss auf die Person mit dem geringeren Bewusstsein (damit sie nicht einfach aufgeben und den Raum verlassen), als auch jede Menge Geduld um dich durch die anfängliche Abwehr durchzukämpfen. Persönliche Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist meist notwendig. Es kann auch per Telefon funktionieren, aber per E-Mail wäre es wohl wirklich sehr schwer.

Ich stelle mir das als einen Prozess der Resonanz vor. Wenn ich jemanden helfen will, sein Bewusstsein zu erhöhen, dann muss ich zu erst mit ihm resonieren, damit wir sozusagen beide mit der gleichen Frequenz schwingen. Wenn ich dann meine eigene Frequenz stückweise genug verändere, dann wird die andere Person mir folgen.

So funktioniert gute menschliche Kommunikation, auch wenn du dir dessen vielleicht noch nicht bewusst warst. Wenn du schonmal einen talentierten Motivationsredner erlebt hast, dann ist dir vielleicht schon aufgefallen, dass sie zuerst auf der Bewusstseinsebene ihres Publikums beginnen – eine eher sanfte Eröffnung ist üblich, wie

“Es ist toll heute Morgen hier mit euch in Vegas zu sein.”

Aber sobald sie genug Vertrauen bei dir aufgebaut haben (Bewusstseinskompatibilität), dann können sie dich auf eine Bewusstseins-Achterbahn führen, solange sie die Veränderungen Schritt für Schritt vornehmen. Eine übliche Situation sieht so aus, dass sie das Publikum von der Ebene der Neutralität abholen und auf die nächste Ebene (Willigkeit) führen. Das ist genau das, was oft sehr gute Verkaufstrainer machen. Ob diese neue Bewusstseinsebene hängenbleibt oder nicht, ist eine andere Frage – meist ist der Aufschwung nur temporär.

Bewusstsein des Bewusstseins

Eine der besten Fähigkeiten, die du entwickeln kannst, ist die Fähigkeit dir selbst über deine eigene Bewusstseinsebene bewusst zu werden. Schau dir mal die verschiedenen Ebenen auf der Bewusstseinsskala an und versuch dich da einzuordnen. Wenn du dann durch den Tag gehst und auf andere Menschen triffst, dann versuch mal, auch diese auf dieser Skala einzuordnen. Wenn du mit Menschen interagierst, dann achte auf die Größe der Bewusstseinslücke zwischen euch und vergleich sie mit der Effektivität eurer Kommunikation. Ist eure Kommunikation tief und bedeutungsvoll, ist es nur oberflächliches Gelaber, das schnell vergessen ist oder knallt ihr richtig mit euren Köpfen zusammen?

Wenn du die Fähigkeit, Bewusstseinsebenen zu erkennen, ausbaust, dann wird sich die Effektivität deiner Kommunikation mit anderen Menschen dramatisch verbessern – zumindest in Einzelgesprächen. In Gruppen ist es eine größere Herausforderung, da du erst die durchschnittliche Bewusstseinsebene der Gruppe finden und dann darauf hoffen musst, einzelne Personen mitzuziehen.

Verschwende nicht deine Zeit mit langen Streitereien, wenn du bemerkst, dass die Bewusstseinslücke der Übeltäter ist. Wenn du die Person mit dem hohen Bewusstsein bist, dann senk es soweit ab, das du die andere Person abholen kannst und zieh sie langsam auf eine höhere Ebene. Und wenn du die Person mit dem geringen Bewusstsein bist, dann sag der anderen Person, dass deine Ebene zu tief ist um ein sinvolles Gespräch zu führen und bitte um ihre Hilfe oder verschieb das Gespräch einfach auf einen späteren Zeitpunkt. Wenn ich z.B. emotional erschöpft bin und meine Frau ihren Tag mit mir besprechen möchte, dann sage ich ihr, dass meine Bewusstseinsebene gerade zu gering zum Zuhören ist. In dieser Situation weiß sie, dass wenn sie das Gespräch führen möchte, das sie beabsichtigt, sie mir erst dabei helfen muss meine Energie wieder aufzufüllen. Sie gibt mir entweder etwas Raum zum entspannen oder bietet mir eine Massage an um meine Spannungen schnell abzubauen. Sobald meine Bewusstseinsebene sich wieder erhöht hat, kann ich für gewöhnlich aufmerksam zuhören.